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2021-01-30 05:05:31, Jamal Tuschick

Mrs Elm leitet die Bibliothek der Hazeldene School in Bedford. Nora Seed spielt gegen sie Schach.

Die Bibliothekarin hasst Kälte und Nässe, und das auf dem Mutterkutter des Vereinigten Königreichs. Da, wo der Regen wohnt, und naßkalt - dank ein Kosewort ist.

Für die hochbegabte, in jede Richtung ausgreifende Nora ist „die Bibliothek ... eine kleine Oase der Zivilisation“.

Neunzehn Jahre später

Ash trainiert für den Bedford Spring Half Marathon. Unangemeldet besucht er Nora, die seit der Schachpartie mit Mrs Elm an allen Fronten sichtlich verloren ist. Er trägt noch seine Trainingssachen und dampft im Ausklang eines Runner‘s High. Nora hat eine Vergangenheit als Supersportlerin, super zumindest nach den Maßstäben ihrer Provinzhochburg Bedford. Aber jetzt geht es leider nur noch darum, dass ihr Kater tot aufgefunden wurde; als Opfer irgendwelcher Straßenrandereignisse. Matt Haig verortet seine Heldin kurz vor dem Ableben, während die Leserin Nora doch gerade erst kennenlernt. Sie ist sofort angetan von dieser (in sich offensichtlich nicht richtig aufgehobenen) Person.

Tut mir leid, sagt Ash in einem umfassenden, Noras Leben in der Totale aufnehmenden Sinn.

Seit ihrer Jugend jobbt Nora in einem Plattenladen. Das abgeschlossene Philosophiestudium und ein überbordendes Kreuzworträtselwissen haben sie nicht von einer prekären Existenz im Darkroom der Depression bewahrt.

Schön finde ich das falsche Bild, das Noras Chef Neil zum Trost seiner überqualifizierten Angestellten malt, als sie ihm von dem Druck berichtet, dem sie sich ausgesetzt sieht:

„Aber Druck formt uns. Wir beginnen als Kohle, und der Druck presst uns zu Diamanten.“

Kohle bleibt Kohle. Druck macht aus Kohle Staub.

Der Autor fährt negative Koordinaten hoch.

„Neun Stunden bevor sie beschloss zu sterben, irrte Nora ziellos durch Bedford. Die Stadt war ein Fließband der Verzweiflung. Das mit Rauputz versehene Sportzentrum, wo ihr verstorbener Vater einst zugesehen hatte, wie sie im Schwimmbecken …“

Ich sehe eine Kleinstadtbeschaulichkeit nach meinem Herzen. Nora blickt auf eine Jugend als beste Brustschwimmerin weit und breit zurück. Sie war der Star in einer Band mit Zukunft - The Labyrinths. Ihr Bruder Joe spielte Gitarre. Sie warf dann alles hin, Panikattacken vorschützend.

Nora trifft den Schlagzeuger, der nun in einer Covertristesse namens Slaughterhouse Four mitmischt. Ravi wirft ihr vor, eine Weltkarriere in den Wind geschlagen zu haben.

„Wir hatten einen Vertrag mit Universal. Direkt vor unserer Nase.“

Sie hatten den Vertrag so gut wie in der Tasche, nur in der Tasche hatten sie ihn noch nicht. Knapp vorbei ist auch daneben. Und Schuld sind immer die anderen.

*

Was hätte sie nicht alles sein und werden können: Olympiasiegerin (über hundert Meter Brust). Musikerin (weltberühmt). Philosophin (international anerkannt und fest angestellt in Academia). Gattin (von Dan, den sie zwei Tage vor der Hochzeit sitzen ließ). Weltreisende (…). Gletscherforscherin (…). Nora kursierte als Superbrain, solange sie ein Teenager war. Doch sobald das Leben die Ärmel hochkrempelte, war sie nur noch eine Fluse im Abflusssieb.

In der Romangegenwart grüßen die Durchgewunkenen Nora als eine Ihresgleichen.

Sie erzählen den Rotz von Wenn & Hätte. Es gäbe überhaupt keine zivilen Dramen, ohne das verf...te beinah. Beinah das Tor getroffen. Beinah nicht zu spät gekommen. Beinah den Vorsitz übernommen. Beinah gesund geblieben oder schwanger geworden.

Heimlich scheitern

Die gegenwärtigste Literatur bestimmt ein unversöhnlicher Blick auf das Scheitern. Man lehnt sich nicht mehr entspannt zurück, so wie die Held*innen meiner Ära, sondern hadert und krampft. Katastrophenkasper*innen und What-ever-it-takes-Fanatiker*innen errichten ein Regime, in dem man nicht mehr schulterzuckend in die Forever-Ferien geht. Kann man natürlich weiterhin vor einer Kulisse aus Samisdat-Sensationen.

Die Greenhornies kennen alle nicht mehr Becketts Mantra:

“Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”

Die Tristesse wahrgewordener Träume

Nora sucht schließlich nur noch den Tod. Doch sogar der Retter aller auf den Resterampen dieser Welt restlos Verdrossenen verweigert der Verliererin das Recht, sich selbst aus der Partie zu nehmen. Er transferiert Nora in einen seiner Vororte, wo Mrs Elm ewig ihr Amt als Hausherrin der titelstiftenden „Mitternachtsbibliothek“ versieht.

Die Debütantin auf dem Todesball verlegt sich aufs Bedauern. Im Zuge einer Talfahrt der Erinnerung vergegenwärtigt sie sich ihren Anfang mit Dan.

In der Gegenwart von Damals:

Der Kunsthistoriker Dan arbeitet in der Werbung, sieht aus wie ein TV-Tierarzt und träumt von einem eigenen Pub auf dem Land. In der Geisterbahn, die Nora eben bestiegen hat, vergehen mal eben zehn Jahre. Nun erscheint Dan zermürbt und geradezu überfordert in seiner Wunschrolle als Wirt. Nora begegnet ihm als Ehefrau; sie gleitet über die Schienen einer nicht realisierten Variante.

Haig baut das aus. Die zusammengetragenen Elemente taugen höchstens für eine traurige Bretterbude. Nora wäre auch als Dans Gattin seelisch verunglückt. In der kürzesten Kurzfassung verkrätzen Noras intellektuelle Vorsprünge den passionierten Aus- und Einschenker.

Nora & Dan betreiben das Three Horseshoes in der Klischeeversion des trinkenden, alle Kreditlinien überziehenden Wirts und seiner allezeit besorgten Ehe-Magd aka erheirateten Putzfrau.

Dan lebt für den Sprit und schätzt sich glücklich an der Quelle.