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2021-02-08 05:59:19, Jamal Tuschick

Die Prosa von Clarice Lispector trifft den Leser stets unvorbereitet. Sie bewahrt ihr Geheimnis und hört deshalb nicht auf, überraschend zu sein. Ihre Strudel fesseln den Erfassten. Er verliert sich wie in Labyrinthen.

Einfache Eltern in guter Luft

Sie ist so lange die aufgeklärte Leichtfüßigkeit in Person, bis Daniel die Grundmauern ihrer Mittelschichtsüberzeugungen erschüttert. „Obsession“ heißt die Geschichte, deren Heldin erst einmal Inventur macht und das bürgerliche Portfolie striegelt.

Einfache Eltern in guter Luft: so sieht die Vorlage aus, die nun verwandelt werden muss. Früh hält man die Entwicklung des erzählenden Ichs für abgeschlossen. Ab vierzehn firmiert es in ihren Kreisen als „junge Dame“.

„Gefällig und fröhlich“ erscheint sie sich selbst. Sie „will heiraten, Kinder kriegen und glücklich sein“. Sie verwebt die Happy Ends von tausend Romanen zu einer Zukunftsmelodie. Zum Erfüllungsgehilfen ihrer Träume macht sie dann Jaime. Seine Zurückhaltung zielt in alle Register.

Die Erzählerin erwähnt Jaimes „wenig glühendes Temperament“. Sie betrachtet den Mann „als Fortsetzung ihrer Eltern“. Er macht es ihr leicht in dem umflorten Zustand einer bedauerten Kinderlosigkeit.

Das Fleckfieber droht mit dem Tod, die Erzählerin springt dem Tod von der Schippe. Eine Kur in Belo Horizonte soll sie wiederherstellen. Daniel taucht als Kurschatten auf. Er tritt seine Spur in die Seelenlandschaft der Rekonvaleszentin.

Liebesverbrechen

Ich fange noch mal von vorn an

Die Gewöhnlichkeit triumphiert. Die Eltern sind gut und einfach, die Umgebung erlaubt laue Bäder in der Menge. Der erste Verehrer verdient es, erhört zu werden. Als Mann verkörpert Jaime die gemäßigten Breiten mit allen ihren Vorzügen. Ein zurückhaltender Mensch muss sich nichts nachsagen lassen. Die Erzählerin erlebt die Ehe als Fortsetzung der elterlichen Obhut ohne berauschende Zusätze. Dann reißt sie das Fleckfieber aus dem Trott. Sie stirbt beinah. Ihr Schicksal begegnet ihr in einer Gestalt des Kurschattens. Daniel weiß naseweis:

„Wenn sich etwas verwirklicht, stirbt das Begehren.“

Plötzlich begreift die Erzählerin, dass sich in ihrem Dasein noch gar nichts verwirklicht hat. Die Existenz hängt an einem Haken der Vorläufigkeit. In diesen leeren Raum hinein spricht der Verführer:

„Vor allem liegt mir daran zu spüren, Wünsche anzuhäufen, mich mit mir selbst zu füllen.“

Staub der Ansichten

So meldet sich ein Liebesverbrecher zu Wort. Er „pafft Zigaretten“ mit allen Zeichen der Selbstgefälligkeit. Er adelt Schrott in seinen Reden. Sein heimlicher Name ist Wirkungslosigkeit. Er funktioniert nicht in einem Schema der Tüchtigkeit.

Daniel wirbelt nur Staub auf.

Er rechtfertigt seine Nutzlosigkeit mit bramarbasierenden Gebärden in einem Wirbel des Nichts. Darauf fährt die Erzählerin nun ab wie verrückt. Ich sage jetzt schon, sie solle besser erst gar nicht auf die Idee kommen, sich später herausreden zu wollen.

Das Desaster namens Daniel ist zu offensichtlich, um vorzuschützen, man sei getäuscht worden.

Die Erzählerin erscheint wie im Wahn:

„Selbst seine Bosheit (macht) ihn einer entthronten Gottheit ähnlich - einem Genie. Und außerdem (bin) ich längst in ihn verliebt.“

Clarice Lispector © Paulo Gurgel Valente

Aus der Ankündigung

»Endlich wird eine der geheimnisvollsten Autorinnen des 20. Jahrhunderts in all ihren schillernden Facetten wiederentdeckt.« Orhan Pamuk

Idalina sucht einen Weg zwischen Vernunft und Leidenschaft, Luísa ringt um innere Stärke und Tuda um ein Leben ohne Therapeuten. In Kurzprosa von beispielloser Originalität lotet Clarice Lispector die Paradoxien des Daseins und die Grenzen des Sagbaren aus: Wahnsinn wird zu Weisheit, Angst zu Mut, wenn sie das Innerste ihrer nur auf den ersten Blick alltäglichen Figuren – meist Frauen – nach außen kehrt. Poetisch und tiefgründig, gleichen ihre Erzählungen flirrenden Träume von einer geheimnisvollen Welt… International als einer der Höhepunkte brasilianischer Literatur bekannt, ist Lispectors Kurzprosa im deutschsprachigen Raum noch zu entdecken. Der vorliegende Band mit vierzig teils erstmals ins Deutsche übertragenen Geschichten verspricht eine aufregende Begegnung mit der suggestiven Kraft ihrer Sprachkunst.

»Eine wirklich außergewöhnliche Schriftstellerin.« Jonathan Franzen

Aus der Ankündigung: Platz 1 der SWR Bestenliste, eine beeindruckende Anzahl hymnischer Rezensionen und eine Nominierung der Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse 2020: der erste Band von Clarice Lispectors Erzählungen (»Tagtraum und Trunkenheit einer jungen Frau«) begeisterte die Presse ebenso wie Leserinnen und Leser. Zum 100. Geburtstag der Autorin liegt nun der zweite und letzte Band vor. Auch er zeigt die brasilianische Ausnahmeautorin wieder als einzigartige Chronistin des weiblichen Lebens und seiner Abgründe: Eine junge Frau entdeckt nach vielen Demütigungen das ekstatische Glück des Lesens. Ein Hausmädchen versinkt in traurigen Gedanken, um gestärkt in den Alltag zurückzukehren. Eine Beobachterin taucht in fremde Menschen ein und wird zu deren Fleisch. In 44 Geschichten, entstanden auf dem Höhepunkt ihrer literarischen Karriere und für diese Ausgabe von Luis Ruby neu übersetzt, paaren sich widersprüchlichste Gefühle und kühne Bilder mit philosophischer Erkenntnis. Lispector macht uns staunen – nicht zuletzt über die Kompliziertheit des Lebens.