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2021-03-19 06:01:03, Jamal Tuschick

Katholischer Druck/Europäische Epochenbegriffe

Der Orient ist eine europäische Phantasie. Zu Recht exponieren Bodo Brinkmann und Gary Schwartz als Kuratoren der Ausstellung Rembrandts Orient im Potsdamer Museum Barberini Epochenbegriffe der Eurozentrik. Sie zeichnen rassistische Klischees etwa am Beispiel tumber Darstellungen von Schwarzen aus.

Aus dem Katalog

Rembrandt und seine Zeitgenossen waren fasziniert von den fernen Ländern, deren Waren erstmals im 17. Jahrhundert im großen Stil in die Niederlande importiert wurden. Die Begeisterung für das Fremde wurde zu einer Mode, die eine neuartige Kunst entstehen ließ: Der Realismus der Malerei verband sich mit Wunschbildern und phantastischen Projektionen. Der Orient war ein Konstrukt aus Versatzstücken, Stereotypen und Imagination. Die Ausstellung thematisiert die damaligen Bilder des Fremden – eine west-östliche Begegnung, die eng mit Rembrandts Werk verbunden war.

Wir wissen es schon lange. Kolonialismus bleibt ein andauerndes Jahrtausendverbrechen. Seine geistigen Voraussetzungen definieren Europa von der Neuzeit bis zur Gegenwart. Erst seit ein paar Jahren formiert sich eine kritische Gegenkraft zu einer Politik der Ungleichheit.

Assueer Jacob Schimmelpenninck van der Oije (1631–1673) war ein weitgereister Repräsentant des Goldenen Zeitalters, als er sich 1660 von Dirck van Loonen in Heldenpose porträtieren ließ. Der Maler hatte die (in der eurozentrischen Perspektive exotischen) Landschaften nie gesehen, die seinen Auftraggeber zu dem Auftritt inspirierten. Die vom Kunden vorgeschriebene Überhöhung erfolgt nicht allein metaphorisch. Schimmelpenninck steht als Prachtausgabe seiner Selbst auf einem Block. Er beansprucht Erhabenheit auch im Verhältnis zu der kolossalen Kreatur. Der Hund erscheint als Statussymbol und ist zugleich eine lebende Erinnerung an die Pilgerreise, die Schimmelpennincks Horizont dramatisch erweiterte. Von Zypern war er 1657/58 nach Jerusalem, Damaskus, Tripoli und Aleppo gelangt. Aus eigener Anschauung kannte er, was den meisten niederländischen Zeitgenoss:innen nur vom Hörensagen geläufig war. Im Geist einer neuen Zeit stilisierte sich der Weltmann imperial. Sein Selbstverständnis ragte weit über das hinaus, was wir heute mit dem Vorwurf der Cultural Appropriation belegen. Der Turban ist Accessoire und Signal eines Machtanspruchs. Zwei Faktoren bestimmen das Spezifische. Das Überlegenheitsphantasma begründen calvinistisch-protestantische Formulierungen im Gegensatz zu dem katholischen Dominanztext der Ära. Die protestantische Kolonialmacht Niederlande steht selbst unter dem katholischen Druck Habsburger Ansprüche. © Jamal Texas Tuschick