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2021-05-15 06:52:14, Jamal Tuschick

Früher Wahrnehmungsrausch

Beim Anblick einer Blume wird das Kind wiedergeboren, das sie einst zum ersten Mal sah. So beginnt das erste Stück im Vorgriff auf die Proust'schen Madeleines. Das erzählende Ich assoziiert Weißdorn mit den Mysterien einer Marienandacht vor langer Zeit. Die Initialzündung eines frühen Wahrnehmungsrauschs öffnet in ihm eine Tür.

„Wir Menschen sind ... kognitiv ... weiter als ... unsere Biologie. Trotzdem spüren wir die Auswirkungen der neurophysiologischen und hormonellen Grundlagen des Fight-or-Flight-Geschehens, denn sie sind in uns veranlagt.“

*

„Wir ... (erleben gleichzeitig) widersprüchliche Gefühle und Impulse ... Bei uns ist (es) komplexer als beim Hund, dem nicht klar ist, ob er aus Angst oder Wut bellt.“

Aus „Burn On: Immer kurz vorm Burn Out. Das unerkannte Leiden und was dagegen hilft“, von Bert te Wildt und Timo Schiele

Baron Charlus vermisst das ein oder andere Herzogtum, das lange im Besitz seiner Familie war. Er entwickelt eine absurde Melancholie ob solchen - den persönlichen Spielräumen kaum zurechenbaren - Verlusten. Sein Schöpfer erkennt in der Erschöpfung des alternden Snobs die wahre Eleganz. Charlus' effektivste Gegenspielerin ist Gilberte Swann. Die Tochter einer Kurtisane ersten Ranges steigt zur Marquise de Saint-Loup auf und überstrahlt schließlich die Pariser Gesellschaft. Gilbertes Vater erlebt seine Ehe als Fehlgriff, die Prousts eigene Ehelosigkeit in gewisser Weise erklärt. Der Autor lagert Kalamitäten in der Konsequenz erwachsener Entscheidungen aus; er deponiert sie bei anderen.
Marcel Proust,„Der gewendete Tag. Auf der Suche nach der verlorenen Zeit in den Vorabdrucken“, aus dem Französischen von Christina Viragh, Hanno Helbling, Menasse, 24.90 Euro
„Bei Der gewendete Tag handelt es sich um ein Mosaik aus neunzehn Prosastücken, die von 1912 bis 1923 in Zeitschriften erschienen und Die Suche nach der verlorenen Zeit eindrucksvoll vorbereiten und ergänzen.“ (Aus dem Pressetext)

Anders angesteuert:

Joyce verdoppelt sich im „Ulysses“. Stephen Dedalus trägt die schöne Jugendstirn eigensinnig zur Schau. Leopold Bloom verkörpert den gehörnten Narren, der sich seelisch von Kleinanzeigen ernährt und seiner Frau Molly als Beispiel für die fadeste Impotenz dient. Joyce spaltet einen Dubliner Bürger in alt und jung, in hochfahrend und gedimmt.

Proust beharrt auf jüngere Selbstausgaben. Der alternde Autor spiegelt sich flüchtig im alternden Personal. Geschwätzig werden lässt er den deklassierten Baron beim Herunterbeten dynastisch-anachronistischer Privilegien zu Beginn eines „Abend(s) bei den Verdurins*“.

Mit einer kuriosen Ableitung reklamiert der von Bequemlichkeit gleichermaßen zersetzte und aufgetriebene Charlus für sich immer noch das Recht, überall der Erste zu sein. Dies sei geboten, da „wir“ in allen (Charlus' trauriger Gegenwart vorangegangenen) Jahrhunderten die kriegerischen Sturmspitzen bildeten.

*„Die Recherche (wird) ... zu einem Roman sozialen Wandels, des langsamen Zusammenbruchs gesellschaftlicher Stratifikationen, der Umkehrungen all dessen, was (Proust) bislang von gleichsam ontologischer Gültigkeit erschienen war. Gegen Ende ... kulminiert diese Bewegung in einer Figur radikaler Entropie: Mme Verdurin, deren Salon zu Anfang noch so unendlich weit vom Faubourg Saint-Germain entfernt gewesen war, entpuppt sich zum Erstaunen Marcels als die neue Prinzessin von Guermantes.“ Quelle/Reynaldo Hahn