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2021-12-22 07:20:48, Jamal Tuschick

Sozialistische Arbeits- und Lebensgemeinschaft

„Dass ich nicht ersticke” handelt von der sozialistischen Arbeits- und Lebensgemeinschaft Inge & Heiner Müller. Die Produktionsbedingungen dieser Keimzelle von Werk und Mythos ordneten sich so, dass die Krisen in Inge ausgetragen wurden und Heiner sich mit lyrischem Stoizismus muskulös hielt. Der Sachse Heiner hatte im Krieg nichts Schlimmeres erlebt als ein Zugezogenenschicksal in Waren an der Müritz (im Uwejohnsonland). Inge war aber Luftwaffenhelferin, wurde verschüttet und barg die Leichen ihrer verschütteten Eltern, indem sie sie ausgrub. Nach der Befreiung wollte sie leben und sterben wie in einem Atemzug. Sie schrieb Gedichte in einer Manier der Fassungslosigkeit. Es sind Trauerstücke, in denen sich die Sprache nicht erhebt und die Dichterin von der Sprache nicht erhoben wird. Inge klebte die Wirklichkeit am Arsch, während Heiner wusste: Mit Realismus geht es nicht. Das Paar kollaborierte und kollabierte nach der Devise: Inge war im Krieg und Heiner schreibt darüber. Den Selbstmord seiner Frau 1966 pointillisierte Heiner in Sachlichkeitsfloskeln. Der Dichter erschien kalt. Vielleicht spielte er Benn in der Morgue.

Leben und Sterben wie in einem Atemzug

Existenzialismus, sozialistischer Realismus … Inge Müller tötet mit bloßen Händen die Blattläuse in ihren Beeten. Sie sorgt für Papier, jedes Blatt wird über die Kanten beschrieben. Sie schreibt Parolen gegen Wehmut, Frieden ist, ohne Angst einzuschlafen. Ist, keine Sorgen um die Kinder der Republik haben zu müssen.

Interesse ist Haftung. Auf dem Interesse haftet das Interesse an der Republik.

Es ist nicht staatstragend, was das Paar zu Papier bringt, und trotzdem DDR. „Du kannst DDR zu mir sagen“, wird Heiner Müller im „Bau“ schreiben.

Ein Schreiben für die Ewigkeit. Jedes Stück muss so haltbar sein, dass es sein Verbot überlebt. Der Schulterreiter des Sprachbewusstseins heißt Shakespeare.

„Mythen sind sehr frühe Formulierungen kollektiver Erfahrungen.“

„Wenn man betroffen ist, hört die Ästhetik auf.“

(Ich finde, das Gegenteil kann ebenso der Fall sein. Der Speer und seine Verzierung kommen aus der gleichen Repertoireerweiterung des gejagten Jägers.)

Müller gewährt den Texten Topografien auf Rechnungen. Gedicht oder Drama oder dramatischer Entwurf: das sind nur Worte für keinen Roman. Sieht man die Welt mit Müllers Augen, kann das nur heißen: Die Romane sind alle geschrieben. Denn sonst käme der Text einfach so zu ihm, dem Zuständigen.

Ab und zu fällt Müller zu viel ein. Manches Gedicht bricht aus in die große Müller-Erzählung von den Schrecken der Epoche, diesen Spiegeln der menschlichen Tragödie.

„Es gibt eine verkommene Haltung zum Tragischen.“

Gedichte gehen über Stock und Stein und Grabrede … auf ihren Transitstrecken des melancholischen Eigensinns.