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2022-05-13 06:24:19, Jamal Tuschick

Auxiliargesellschaft DDR

Die Betrachtung der Arten lehrt uns, wo unsere Albträume herkommen.

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Bestimmte Muster steigern die Attraktivität. Die Evolution spielt mit Farben und Formen. Es gibt Schmeißfliegen im getunten Manta-Look, Fleischfliegen mit Schachbrettmuster und elegant-schwarze Fliegen. - Fliegen, die in Särgen wohnen. - Fliegen, die sich nur mittags zu einem Leichenschmaus bereitet finden. Jede Leiche wird zum Staatsgebiet von Insekten. Ihre Gewohnheiten verraten dem Entomologen Todesumstände. Madenteppiche sind besonders aufschlussreich.

Manche Fliege kann ihr Gesäß zum Atmungsorgan modifizieren. Das ist praktisch, wenn man bis zum Hals in einer Leiche steckt.

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Heiner Müller wusste, dass viele Phänomene seiner Gesellschaft keine Chance hatten, historisch zu werden. Die DDR-Wahrnehmung der Siegerinnen begnügt sich; während wir die amerikanischen Schichten gründlich voneinander scheiden. Jedes Imperium fordert eine Maßstab-bildende Genauigkeit heraus. Die Geschichte der Auxiliargesellschaft DDR könnte sich eine Nostalgikerin wie Jonna von Stellberg als halbkünstlerische Keramik im Stil der D’Annunzio-Republik von Fiume ins Regal stellen.

Die alte Bundesrepublik ist selbstverständlich auch nur noch Nebelland. Trotzdem behauptet Jonnas westdeutscher Liebhaber Kasper von Roßbach Vorsprünge auf dem Feld der Zugehörigkeit. In seinem Wir steckt viel mehr als in Jonnas Wir. Ihren Ostblock gibt es nicht mehr, während seine NATO blüht und gedeiht. Wir schreiben das Jahr 2014. Noch weiß keine, dass Finnland und Schweden bald entschlossen sein werden, ihre Neutralität aufzugeben. Der pensionierte Pilot schlurft so beschwingt durch die Boddenauen, als wüsste er das schon jetzt. Zur gleichen Zeit erwägt Bürgermeister Otfried Vrunt, nach Berliner Vorbild einen Spätkauf in Tillwitz einzurichten. Er spricht darüber mit Sina Schleswig und Jan-Freimut Krewehl. Das eifrige Pärchen dient Ex-HVA-Major Geronimo Mansfeld aka Putins Peitsche aka Geheimrat der Schweriner Regierung als Informelle Mitarbeiterinnen. Dazu später mehr.

Kapriziöse Unterscheidung

Gestern Abend hätte ich Kasper beinah vor die Tür gesetzt. Bei meiner High-Tea-Zeremonie, die ich auch sehr gern mit mir allein durchziehe, rammte Kasper den Kannenkragen gegen einen Tassenrand. Die Beschädigung einer Kostbarkeit aus der ältesten Flora Danica Kollektion ist unverzeihlich. Kaspers Achtlosigkeit gegenüber einem Kleinod, das Sturmfluten, Kriege, Seuchen und Familienkatastrophen in Jahrhunderten dank weiblicher Sorgfalt unblessiert überstanden hatte, brachte mich zum Kochen. Ich bin keine Dulderin. Ich stecke nicht zurück. Ich habe das nicht verdient: diese dämlichen Männer in all ihren Verkleidungen.

Die Kanne gehört zu einem Service aus der Gründungsära von Royal Copenhagen aka Kongelige Porcelænmanufaktur. Ihre Herstellung datiert auf das Jahr 1777. Soweit meine Erinnerungen reichen, tünchen alltägliche Schwankungen das Unveränderliche in seinen Metamorphosen. Unsere Familie hat ein Gesicht und ein Geheimnis. Ich sah das Gesicht durch alle Erscheinungen des DDR-Mangels wie durch Gardinen im Luftzug. Ich entdecke es auf Gemälden, die seit dem 18. Jahrhundert ein Wunder der Beständigkeit dokumentieren.

Bodenständige Weltreisende garantierten dem Klan das Glück im Winkel. Seit über dreihundert Jahren sind wir vor Ort; eine Tillwitzer Familie wie es keine zweite gibt.

Was uns unterscheidet?

Wir machen uns nicht gemein. In uns steckt die Fähigkeit, freizubleiben, ohne zu sehr anzuecken. Eine versteckte Reserve gegenüber dem Zeitgeist steckte im Strauß der Gemeinsamkeiten meiner Eltern.

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Im Garten halten Spreen (niederdeutsch: Stare) ihr Morgenmeeting ab. Die kleinen Vögel sind große Plünderer. Ich denke an Zeiten, als meine Eltern und Großeltern mit Vogelscheuchen Ernten zu sichern versuchten. Die Dekorationen der Attrappen verrieten eine festliche Freude am Unfug. Man schmückte die Besen wie Weihnachtsbäume.

Das Vergnügen an den Scheuchen nannte man heidnisch. Die christlichen Seefahrer unserer Familie hatten mit Wilden konferiert. Die Konferenzen waren Palaver. Die Wilden brieten ihre Feinde am Spieß, es sei denn, sie garten sie in Zubern, die sie gegen gespenstische Ritualgegenstände, Jungfrauen im Dutzend und pures Gold in Klumpen eingetauscht hatten.

Obst war ein Haushaltsfaktor. Es wurde eingeweckt wie im Fieber. Wir besaßen eine Wellenradwaschmaschine aus dem VEB Waschgerätewerk Schwarzenberg. Mit der legendären WM 66 ließ sich Strom erzeugen, Obst konservieren, Radio hören und Wurst brühen.

In Kaspers Familie gab es nicht die Sorge um Gartenerträge. Uns beiden fehlt die Basis gemeinsamer Erfahrungen in den entscheidenden Jahren. Bis 1990 war ich Kostümbildnerin am Rostocker Alexandra Kollontai Theater. Ich war ein Jemand, mit einer Familie, die in einer viel prägnanteren Weise etwas darstellte, als es in der Berliner Republik irgendwem möglich wäre. Ich blieb die Tochter meiner Eltern in der Rolle des in allen Belangen herangezogenen Einzelkindes; während Kasper eine Familie gründete, die weiterwächst, ohne sich um ihn zu kümmern. Nach der Scheidung schnitt man ihn einfach ab. - Und Kasper ließ sich abschneiden, weil er glaubte, er könne in einer anderen Besetzung noch mal von vorn anfangen.

Für Kasper ist seine gescheiterte Ehe bloß eine Irrtumsgeschichte, die ihn blauäugig aussehen lässt; während ich eine Selbstgefälligkeit sehe, die mich manchmal rührt und manchmal abstößt. Unser Verhältnis ist nicht harmonisch.

Rationaler Rausch

Ich hatte nie das Bedürfnis nach einem Gastspiel im Westen zu bleiben - Die Nachbarin Emma Schmuck plaudert im Skipperhus aus dem Nähkästchen.

In drei Tagen sind wir wieder daheim. Mit dieser Erwartung füttert man noch einmal das Vieh und legt extra viel Futter aus. Dann schließt man ab, was sich abschließen lässt, bevor man sich in erpresserischer Kälte dem Treck gen Westen anschließt. „Kettenhunde“ der Wehrmacht ziehen von den Fuhrwerken Federbetten so wie alles, was nach Haushalt aussieht, um Platz zu schaffen, für jene, die von der Fußpflicht entbunden sind. In einer Welt aus den Fugen erlebt die Zehnjährige Hartherzigkeit in allen Spielarten. In den letzten Kriegstagen gelangt sie mit ihrer Mutter nach Thüringen. Sie erlebt Knechtschaft und Ablehnung und erlernt nach dem Schema von Versuch und Irrtum das kleine Einmaleins der Selbstbehauptung.

Die Amerikaner kommen und werden von den Russen abgelöst. Südthüringen bildet die Westgrenze der „Ostzone“.

Knapp siebzig Jahre später erzählt die 1935 im niederschlesischen Milicz (deutsch Militsch) an der Barycz geborene Schauspielerin und IM Emma Schmuck im Skipperhus mit anschaulicher Lebhaftigkeit von ihrer Kindheit.

Jedem Stichwort der Zuhörerin folgt ein anekdotisches Donnerwetter. Emma hat Zootechnikerin gelernt. Sie zog es mit aller Macht zum Theater. Dagegen halfen keine mütterlichen Vorhaltungen. Sie kam als „Praktikerin“. Man unterschied solche wie sie, die schon einen Beruf hatte, von den sogenannten Pennälerinnen, den Schauspielschülerinnen mit Abitur.

Das Lernen von der Pike auf ist für Emma eine zentrale Kategorie. Ihre Kunst lehrten sie die Dozentinnen der Schauspielschule Niederschöneweide. Ein Leistungsstipendium belohnte die Kombination aus Fleiß und Begabung. Emma, der keinen Anspruch auf staatliche Förderung hatte, teilte die finanzielle Anerkennung mit anderen. So wie sie es schildert, ergab sich unter den Elevinnen regelrechte Bandenbildung. Als eine Gang von acht Debütantinnen wollte man ein Provinztheater in Mecklenburg-Vorpommern aufmischen.

„Keine wollte in Berlin bleiben.“

Emma landete in Güstrow.

„1945 nahm das Güstrower Ernst-Barlach-Theater als erstes in Norddeutschland den Spielbetrieb wieder auf. Frühere Güstrower Schauspieler, Bühnenbildner und Techniker, die nach Schließung aller Theater 1944 in der Stadt geblieben oder jetzt zurückgekehrt waren, initiierten die Gründung eines eigenen Ensembles unter Leitung von Otto Kähler.“ Quelle

Als es 1976 um Biermanns Ausbürgerung ging, erklärte sie:

„Für Biermann riskiere ich meine Karriere nicht.“

Nach einer Mucke in Köln durfte Wolf Biermann nicht mehr heim. Honecker hatte ihm Hausverbot für die ganze DDR erteilt. So wichtig war ein Gitarrensänger.

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Jonna bedenkt für sich, wie Biermann über Ruth Berlau sprach, die er erst traf, als sie, so sagte er es, „schon ein alkoholisiertes Wrack“ war.

„Die alte Frau“ (war) knapp über fünfzig.“ Vor ihrem Fenster stand auf dem Karlsplatz eine von Brecht in die Lyrik gebrachte Pappel. „Der große Lehrer“ hatte Berlau ausgemustert, als er zum Schreiben seiner Stücke keine Zuarbeiterin mehr brauchte, weil er keine Stücke mehr schrieb. Nun war Brecht tot und Berlau versuchte so ein bisschen brechtig Biermann zu ihrem Adlatus zu machen. Biermann erlebte die Zeit am Berliner Ensemble als „rationalen Rausch“.