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2022-07-27 08:02:50, Jamal

Wunderland

„Die Bundesrepublik ist seit ihrer Gründung eine wahre Wunderrepublik: Fräuleinwunder, Wirtschaftswunder, Wunder von Bern.“

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Die SPD reklamiert die Olympischen Spiele von München für sich. Man habe die Athletinnen und Athleten großzügig gefördert, erklärt Regierungschef Willy Brandt. Er ist der markanteste Hoffnungsträger eines links-liberalen Bürgertums, das zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik mehrheitsgesellschaftlich zum Zug kommt. Sozialliberale Spin-Doktoren entmachten die post-faschistische Stammtische. Sie widersprechen den rituell erhobenen, revisionistischen und revanchistischen Forderungen Ewiggestriger. „Spätheimkehrer“ sind in diesem Kontext nicht die letzten, von Adenauer - metaphorisch gesprochen - persönlich nach Hause geholten Kriegsgefangenen. In der fabelhaft modernen Gegenwart von 1972 bezeichnet man jene Sportlerinnen und Sportler als Spätheimkehrer, die im Morgengrauen über den Zaun klettern, der das Olympische Dorf schutzverweigernd säumt. Zitiert nach Ulrike Draesner, „Spiele“, Penguin Verlag, 489 Seiten, 14,-

Sozialdemokratische Sommerspiele/ Gesellschaftlicher Aufbruch/ Das Design der Spiele/ Der Geist von München

Am 26. August 1972, einem Samstag, sitzt Deutschland vor der Glotze und verfolgt - im Gleichklang des Interesses - die Eröffnungsfeierlichkeiten der XX. Olympischen Sommerspiele.

„Es ist das größte Fernsehpublikum, seit der Astronaut Neil Armstrong in Schwarzweiß 1969 den berühmten großen Schritt für die Menschheit tat.“

Markus Brauckmann, Gregor Schöllgen, „München 72. Ein deutscher Sommer“, DVA, 364 Seiten, 25,-

„Jahrhundertarchitektur“

Heiter soll das Ringen um Medaillen sein; ein Musterfrau-Gegenstück zu den auftrumpfend-martialischen Staatschauspielen von 1936. Ein Hauch von Katharsis weht das sozialdemokratisierte Wir-sind-wieder-wer-Auditorium an. Das Design der Spiele entstand in Otl Aichers verrauchtem „Atelier in Hochbrück“. Die Süddeutsche Zeitung fand da das „Labor des neuen Deutschlands“. Der Geist von München sei frei von „Pathos, Gigantismus und nationalen Vorzeichen“.

Aicher verbannte „Rot und Gold aus dem Farbkonzept“. „Ornithologen, Glaziologen und Bakteriologen“ prüften das olympische Wahrzeichen. „Zwischenzeitlich (gelangte) man zu einer Gleichung mit 12.600 Unbekannten“, beim Bau des auf Anhieb weltberühmten Daches. Die Konstruktion stammt von dem Stuttgarter Architekten Günter Behnisch. Der ehemalige U-Boot-Kommandant firmiert als ein „Baumeister der Demokratie“.

Den Soundtrack liefert Kurt Edelhagen.

„Das Edelhagen-Orchester (wurde) 1948 … von den Amerikanern enthusiastisch zur best Band of the European Command (gekürt).“ Quelle

Zitiert nach Gerd Salaberger: „Ein Streiter für den Jazz. Gespräche mit Kurt Edelhagen.“ Aus der Frankfurter Rundschau vom 14. Juli 1949.

Günter Zahn trägt die Fackel ins Stadion. Der achtzehnjährige Leichtathlet und Polizeimeisteranwärter läuft in „Brütting-Schuhen ohne jedes Firmenzeichen“. Die Stimme der Spiele gehört „Fünf-Sterne-Star“ Joachim Fuchsberger. Er gibt den Sicherheitshinweis:

„Make sure the hand in your pocket is always your own.”

Das Defilee der Delegationen beobachten achtzigtausend Zuschauerinnen und Zuschauer auf den Rängen. Auf einer Anhöhe des Olympiaparks drängen sich noch einmal vierzigtausend Zaungäste. Zum ersten Mal spricht eine Frau den Olympischen Eid. Die zweiundzwanzigjährige Leichtathletin Heidi Schüller wird dann im Weitsprung unter anderem Heide Rosendahl unterliegen.

Ein Markenzeichen der Präsentation sind die „rund 1600 Hostessen … aus 27 Ländern, wie Quick ermittelt“. „10.150 Athletinnen und Athleten aus 122 Ländern“ treten an. Sie werden in den nächsten vierzehn Tagen „eine Million Eier“ verspeisen.

Die SPD reklamiert die Olympischen Spiele von München für sich. Man habe die Athletinnen und Athleten großzügig gefördert, erklärt Regierungschef Willy Brandt. Er ist der markanteste Hoffnungsträger eines links-liberalen Bürgertums, das zum ersten Mal seit Gründung der Bundesrepublik mehrheitsgesellschaftlich zum Zug kommt. Sozialliberale Spin-Doktoren entmachten die post-faschistische Stammtische. Sie widersprechen den rituell erhobenen, revisionistischen und revanchistischen Forderungen Ewiggestriger. „Spätheimkehrer“ sind in diesem Kontext nicht die letzten, von Adenauer - metaphorisch gesprochen - persönlich nach Hause geholten Kriegsgefangenen. In der fabelhaft modernen Gegenwart von 1972 bezeichnet man jene Sportlerinnen und Sportler als Spätheimkehrer, die im Morgengrauen über den Zaun klettern, der das Olympische Dorf schutzverweigernd säumt. Zitiert nach Ulrike Draesner, „Spiele“, Penguin Verlag, 489 Seiten, 14,-

„Mehr Demokratie wagen“, lautet eine Brandt-Parole, die von den Alpen bis an die See eine neue Politikerzählung überschreibt.

Hüten wir uns vor den „regressiven Utopien“ (Gershom Scholem) der westdeutschen Heimaterzählung. Bayern München verkörpert im Jetzt des Aufbruchs das Establishment und den Hochmut der Macht. Ein Gespenst geht um. Es heißt Baader-Meinhof. Der Familienfuturismus erschöpft sich darin, beim Grillen auf der Terrasse fernzusehen; der Fernseher im Freien als Vorstufe zum Mondflug.

Markus Brauckmann und Gregor Schöllgen verwenden die liebevollste Sorgfalt auf solche Details. Sie laden zu einer Memorabilia-Polonaise durch die alte Bundesrepublik ein. Ich assoziiere narrative Sahneschnitten und fabulösen Schaum.

Die „Lage 21“

Doch da ist noch etwas, das nicht zum Wohlfühlprogramm der Siebzigerjahre passt. Der Diplom-Psychologe Georg Sieber antizipiert als Berater des Münchner Polizeipräsidenten Manfred Schreiber ein Worst Case Scenario bei dem ein „Freischärler-Kommando … in den Wohnblock der israelischen Mannschaft eindringt“. Das finstere Gedankenspiel zirkuliert als „Lage 21“ in Polizeikreisen. Die albtraumhafte Vorwegnahme des olympischen Gaus erscheint den Entscheidern abwegig.   

Ulrike Draesner fiktionalisiert in ihrer Annäherung an das Grauen bundesrepublikanische Marken.

„Im Fernseher zoomte die Kamera auf ein vierstöckiges Gebäude. Betontröge wölbten sich an der Fassade.“

Das Bild hat sich dem kollektiven Gedächtnis meiner Generation eingebrannt. Es gehört in die Galerie der schwarzweiß-grauen Schnappschüsse der Terror-Ikonografie, die im Werk von Gerhard Richter ihre Metaebene zugewiesen bekam.  

„Die ARD-Uhr zeigte 9.03 Uhr“ am 5. September. Seit 4:10 Uhr halten sich acht palästinensische Terroristen im Olympiaquartier der israelischen Mannschaft auf. Die Geiselgangster waren vorher aus Versehen bei den Sportlern aus Hongkong. Sie sind schlecht vorbereitet. Sie präsentieren sich als Kombattanten des Schwarzen Septembers. Freipressen wollen sie 232 palästinensische Gefangene. Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Kōzō Okamoto stehen außerdem auf ihrer Liste. Im ersten Anlauf werden sie zu Mördern von Josef Romano und Moshe Weinberg. Der gebürtige Libyer Romano verblutet vor den Augen seiner Freunde, während Willi Daume hofft, so schreibt Draesner, „die Geiselnahme … der Weltöffentlichkeit ganz verschweigen zu können“.

„Gedächtnis ist nicht ein Instrument zur Vergangenheitsdurchdringung, sondern selbst der Schauplatz der Vergangenheit.“

Avery Brundage’s “The Games must go on” fände heute bestimmt keine Zustimmung mehr

„The Games must go on.“

Das postuliert der Präsident des Olympischen Komitees Avery Brundage am elften Wettkampftag gleichermaßen auf einer olympischen Empore und auf einem westdeutschen Tiefpunkt. Er äußert sich im Nachgang eines Staatsversagens.

Viele Autorinnen nutzten die Erzählchancen des Desasters einer bizarr dilettantischen Befreiungsaktion, bei der auf der ganzen Linie sämtliche Ziele verfehlt werden, bis zu dem Superfiasko auf dem Frontfeld, als zwei BGS-Hubschrauber die Geiseln und die Geiselnehmer zum Flugplatz Fürstenfeldbruck transportieren. Da wartet eine Boeing 727 mit laufenden Triebwerken.

Bald mehr.

Aus der Ankündigung

Die Olympischen Spiele von München in einem allumfassenden Panorama

Die zweiten Olympischen Sommerspiele auf deutschem Boden sind das erste Weltereignis in der Bundesrepublik: München 72 bietet die einmalige Chance, das moderne Deutschland vorzuzeigen. Für die Bundesbürger ist Olympia, was für die Amerikaner die Mondlandung war – ein Aufbruch in eine neue Zeit, dem die ganze Nation entgegenfiebert. Alle wollen zum Gelingen der Heiteren Spiele beitragen: berühmte Athleten, unbekannte Helfer, eifrige Hostessen. Es ist ihr deutscher »Summer of Love«. »München 72« erzählt die Geschichte und Geschichten hinter dem Sportfest. Von Deutschland West und Ost, von »Willy wählen« und alltäglichem Rassismus, von Mode und Musik, von Aufklärung und Sex. Von Frieden und Krieg – und vom Terroranschlag auf die israelische Mannschaft, der über Nacht die Erinnerung an Berlin 1936, die ersten Olympischen Spiele auf deutschem Boden, wachrief.

Zu den Autoren

Markus Brauckmann, Jahrgang 1968, ist Autor und Regisseur. Nach Studien in Berlin und den USA arbeitete der Politologe für RTL und ProSieben sowie in mehreren Bundestagswahlkämpfen. Seine TV-Dokumentationen wurden im In- und Ausland mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Zuletzt gewann er die „Romy“ für einen Film über Niki Lauda. Markus Brauckmann lebt in Köln.

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Gregor Schöllgen, Jahrgang 1952, war von 1985 bis 2017 Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen und in dieser Zeit auch für die historische Ausbildung der Attachés im Auswärtigen Amt verantwortlich. Er lehrte in New York, Oxford und London und war unter anderem Mitherausgeber der Akten des Auswärtigen Amtes sowie des Nachlasses von Willy Brandt. Gregor Schöllgen konzipiert historische Ausstellungen und Dokumentationen, schreibt für Presse, Hörfunk und Fernsehen und ist Autor zahlreicher populärer Sachbücher und Biographien.