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2022-11-01 07:27:32, Jamal

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„Das Wort stellt sich vor die Dunkelheit des Nichts.“ Chaim Nachman Bialik

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„Das kulturelle Narrativ ist fast immer identisch. Wie ein feindlicher Agent schleicht sich das Virus in den Alltag und infiziert die gedankenlos durch den Lebensstrom treibenden Menschen mit Krankheit und Tod. Die Viren sind unheimlich, auch unheimlich konservativ.“  Thomas Assheuer

Wolfgang Mattheuer, Ein seltsamer Abend, 1975, gesehen am 31.10. 2022 im Potsdamer Kunsthaus Minsk © Jamal Tuschick

Wolfgang Mattheuer, Alter Genosse am Zaun, 1971, gesehen am 31.10. 2022 im Potsdamer Kunsthaus Minsk © Jamal Tuschick

Spaghetti und Corona

„Eine Routine aus Tennisplätzen und Sherry“ bestimmt den Alltag der Diplomatengattin Carmen. „Alles, was sie tut, geschieht der Form halber.“ Nichts Reales verspricht Spannung oder auch nur eine Erhebung der Sinne. Carmen tröstet sich mit „geliehenen … abgenutzten Geschichten“. Ihre „nomadische Existenz“ führt sie u.a. nach Cotonou, Wellington und Lima. An jedem Botschaftsstandort stürzt sie sich auf den lokalen Kulturbetrieb. Endlich versackt sie in der niederländischen Gemeinde L***. Als Kuratorin von Terminen der öffentlichen Bibliothek lädt sie ihren ehemaligen Mitschüler Ilja L. Pfeijffer ein. Ihm verdankt sie die Überlieferung von Kindheits- und Jugendszenen. Carmen hält sich für jene, die als Klassenschönste in Pfeijffers autobiografischem Werk auftaucht.

Ilja Leonard Pfeijffer, „Monterosso mon amour“, Novelle, auf Deutsch von Ira Wilhelm, Piper, 141 Seiten, 20,-

Carmens Identifikation mit einer literarischen Figur entspricht einer leeren Projektion. Der Autor verbindet mit seiner Gastgeberin keine Erinnerungen. Pfeijffer erkennt Carmen nicht.

Die Enttäuschte macht diese Erfahrung zwar noch in präpandemischen Zeiten, doch geistert das Virus schon über Vorfelder der nahen Zukunft. Es läuft sich warm für seinen globalen Durchmarsch.  

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Ihren ersten erotischen Kuss empfing Carmen mit sechzehn im ligurischen Meer vor Monterosso. Das Fischernest gehört zur Cinque Terre, einem Naturschutzgebiet in der Provinz La Spezia. Jahrzehnte nach dem ersten handfesten Begehren reist Carmen nach Monterosso. Sie quartiert sich in einer Bed & Breakfast-Unterkunft ein. Ihre Wirtin erweist sich als belesene und unternehmungslustige Zeitgenossin. Tiziana weist Carmen darauf hin, dass der Literaturnobelpreisträger Eugenio Montale von Monterosso entzückt gewesen sei. Carmens Besuch erklärt sie zur schicksalsmächtigen Angelegenheit mit mythischem Potential. Unbedingt will Tiziana jenen Meerjungmann ausfindig machen, dem Carmen eine verlässliche Erinnerung verdankt.

Die Ankündigung spricht von einer Jugendliebe. Das ist zu viel gesagt. Antonio war einfach nur der Nutznießer pubertärer Neugier; der andere bei einem ebenso notwendigen wie unvermeidlichen Vortasten.

Carmen rettet einen Jungen namens Oronzo vor dem Ertrinken, bevor sie in den ersten Lockdown in der italienischen Spielart gerät. Das Grauen von Bergamo steht unmittelbar bevor, aber noch wundert sich Carmen bloß über das Erliegen des öffentlichen Lebens in der Konsequenz staatlicher Dekrete. Man ist schon über Giorgio Agambens „L’invenzione di un’epidemia - Die Erfindung einer Epidemie“ hinaus. Während der Philosoph von „hektischen, irrationalen und völlig grundlosen Notfallmaßnahmen“ und einer bloß „vermuteten Epidemie“ spricht, beginnt der „Eccezione virale - Virale Ausnahmezustand“ (Jean-Luc Nancy).

Tiziana schaltet sofort und bietet ihrer einzigen Einnahmequelle Vollpension an. Am ersten Lockdownabend gibt es gegrillte Anchovis, Spaghetti und viel Wein. Oronzo kreuzt auf. Er kommt, um sich im Namen seiner Großmutter mit einem Korb Zitronen zu bedanken.

Der Tod und das Leben, das Meer und die Zitronen, das Kind und seine Retterin, Spaghetti und Corona, Wein und Tratsch, Boccaccio und Botticelli: die Assoziationen arrangieren sich allegorisch wie auf einer Votivtafel. Niemand kann die biblisch-archaische Dimension übersehen, die Pfeijffer Carmens Verwehungen wie ein Fundament unterstellt. Die Heldin seufzt heimlich, da es nicht Antonio war, der im Verein mit den Vorzeichen einer neuen Pest die Tür zu Tizianas Klause wie zu einem neuen Leben aufstieß.

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Das Habsburger Reich erwehrte sich der Pest erfolgreich mit einer Befestigung seiner Außengrenzen: einer Sperrzone von Kroatien bis Moldawien. Das Osmanische Reich stellten die Habsburger mit militärischen Mitteln unter Quarantäne.

„Auf der türkischen Seite des Balkans wütetet die Pest noch bis 1840, auf der österreichischen ward sie nie mehr gesehen.“

Das erzählt der Archäologe Ian Morris unter der Überschrift Covid 19 - Antworten aus der Vergangenheit. Karl Heinz Götze bemerkt in seinem im Merkur erschienenen Aufsatz Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung: „Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit … Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 … Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.“

Auch Italien reagiert mit einem „drakonischen Maßnahmenkatalog“ und einer langen Verbotsliste. Carmen genießt die Quarantäne-Verordnungen. Sie erweitert ihren Radius als Schwimmerin und freundet sich mit Oronzo an. Bald finden sich Gründe, das Kind zu übernehmen. Carmen entdeckt ihre Muttergefühle. Antonio erweitert den Kreis der Zuneigung.

Aus der Ankündigung

Die Geschichte eines großen Missverständnisses und einer noch größeren Liebe Carmen blickt auf ein genussreiches, aber recht laues Leben als Botschaftergattin zurück und engagiert sich in der Stadtbibliothek. Als dort ihr ehemaliger Mitschüler Ilja L. Pfeijffer aus „Das schönste Mädchen von Genua“ liest, meint sie sich in dem Mädchen wiederzuerkennen, in das er damals verliebt war. Und sie erinnert sich an ihre Jugendliebe Antonio, den sie in Monterosso traf. Also begibt sie sich auf eine italienische Reise, um ihre wahre Liebe wiederzufinden – und ein Abenteuer beginnt.  

Zum Autor

Ilja Leonard Pfeijffer, 1968 in den Niederlanden geboren, schreibt Romane, Lyrik, Essays, Theaterstücke und Songtexte. 2014 erhielt er den renommierten Libris Literatuur Prijs für seinen Roman „Das schönste Mädchen von Genua“, der zurzeit verfilmt wird. „Grand Hotel Europa“ stand mehr als sechs Monate an der Spitze der niederländischen Bestsellerliste und wird derzeit in zahlreiche Sprachen übersetzt. Auch in Deutschland gelang Ilja Pfeijffer der Sprung auf die Spiegel-Bestsellerliste. Pfeijffer lebt in Genua und gilt als einer der herausragenden Schriftsteller der Niederlande.