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2022-11-05 07:22:21, Jamal

„Kafka macht satt, Thomas Mann verdirbt die Zähne.“ Heiner Müller

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„Wir (müssen) unsere Emotionen auf äußere Formen … richten … damit unsere Gefühle sich nicht aufbäumen und alles zerstören.“ Danielle McLaughlin

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In Kleinstädten sind „die Ungerechtigkeiten persönlicher“. Heiner Müller

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„Wenn es nichts Neues zu bereden (gibt, kehrt man zurück) zu den Nervenkitzeln der Vergangenheit.“  Jean Stafford

Stan Douglas. Potsdamer Schrebergärten, Trabant neben ... gesehen am 31.10. 2022 im Potsdamer Kunsthaus Minsk © Jamal Tuschick

Die Trauer einer Kuh 

Ralph Fawett ist kaum halbwüchsig und ahnt doch schon „die lieblose Einsamkeit, die auf ihn (im Alter) wartet, wie ein mürrischer Hund“. Der weise Knabe spielt eine Hauptrolle in Jean Stafford 1947 erstmals erschienenen Roman „Die Berglöwin“.

Von diesem Kaliber sind Staffords Held:innen durch die Bank. Sie existieren wie an einem offenen Schlund des Lebens; im Dunstkreis vulkanisch aufgebrochener Erdkruste. Schroff und elementar sind ihre Verhältnisse. Ella reitet zum Babysitten mit einem Batzen gewildertem Elchfleisch in den Satteltaschen zu den Nachbarn. Der Hausherr rät, das Klagen einer Kuh nicht zu beachten.

„Die klagt um ihr Kalb, das habe ich heute geschlachtet.“

Jean Stafford, „Das Leben ist kein Abgrund“, Stories, Deutsch von Adelheid und Jürgen Dormagen, Dörlemann, 330 Seiten, 26,-

Wilde Ländlichkeit

Ella schert sich nicht um die Trauer der Kuh. Sie erlebt eine Sonnenfinsternis. Sie kann das astronomische Ereignis nicht einordnen. Doch verfällt sie deshalb nicht auf romantische oder magische Deutungen.

Für Ella ist auch das Himmlische irdisch. 

Sie will so furchtlos und robust sein wie ihr älterer Bruder Fred, der nach dem Tod des Vaters zum Bestimmer aufstieg. Bei jeder Gelegenheit weist Ella ihrem Vormund Autoritätslücken nach. Gründlich erkundet sie die Demarkationslinien zwischen erwachsener Stärke und jugendlicher Unsicherheit. Schwäche lässt Ella dem Bruder nicht durchgeben.

„Sie hatte sich nie vor den kläglich jaulenden Kojoten in den Salbeibüschen gefürchtet.“

Die Jüngere beugt sich nur unter Druck. Sie beherrscht, was sich von ihr beherrschen lässt. Der Stute ‚Squaw‘ gibt sie derb die Sporen. Ein Abendritt durch die ungezügelte Natur von Colorado eröffnet die erste Geschichte - „Dunkler Mond“.

Urban versus rural

In der wilden Ländlichkeit hebt sich alles scharf und kantig konturiert von einem harten Himmel ab. Das Territorium des spät dazugekommenen Bundesstaates Colorado war lange eine spanische Domäne. Bis in die 1860er Jahre trugen die Ortschaften überwiegend spanische Namen. Die angloamerikanische Präsenz kam erst mit einem Gold- und dann mit einem Silberrausch. Dem kam nichts hinterher. Im frühen 20. Jahrhundert klapperten in Colorado die Saloon-Schwingtüren in Geisterstädten.

Ein paar Geschichten später entdeckt Emma an einem „kalten Sonntag“ im New Yorker Metropolitan Museum of Art einen Bekannten, der schon bessere Tage gesehen hat. Siehe „Kinder langweilen sich am Sonntag“. Die kritische Betrachterin rezensiert Alfreds triste Erscheinung.

Emma vermisst den Vormarsch der Armut. Sie vermeidet die direkte Begegnung. Einst erfüllte sie „die Streitlust eines Kindes“ in der Gesellschaft von Männern wie Alfred, die urteilsstark durch die Partyszene frästen. Emma memoriert eine vergangene Unsicherheit auf beispielhaften Schauplätzen der Bourgeoisie, „wo in den Regalen alles aufgereiht war von Aristophanes bis Ring Lardner“; an den Wänden die Reproduktionen des guten Geschmacks im Spektrum zwischen Tizian und Klee. Im Gegenzug fehlten die Oliven im Martini und die Kirschen im Manhattan.

Der Klatsch, „stilisiert, erfinderisch … Abwesende garrottierend … die süffisanten Einfälle hatten alle etwas von Henry James“. Emma erinnert die Cocktailpartys als „Lebensform“. Da denke ich an William Gaddis. Für Gaddis war Realität „nichts anderes als die umlaufende Rede“. Hanns Zischler sprach von „asynchroner Wahlverwandtschaft“. Gaddis habe das von Henry James „unter den Teppich gekehrte Gemurmel Amerikas hörbar“ gemacht.

Emma fehlten Codes für das Gemurmel. Sie entbehrte Insignien der Zugehörigkeit und verblasste in der Rolle einer Zaungästin. Trotzdem erkannte sie, dass der „Sahnetopf der Aufgeklärten scheußlich sauer (werden konnte)“. An dieser Stelle macht Jean Stafford das Fass eines fundamentalen Gegensatzes auf. Sie erklärt die Akteure der Avantgarde zu „Ureinwohnern New Yorks … die hinter Mülltonnen Verstecken spielten anstatt hinter Fliederbüschen“. Wie an einem langen Seil der Stafford’schen Landliebe-Narration zieht sich Emma zurück in einer „Rückschau“ auf eine reiche rurale Kindheit.

Plötzlich meidet sie Alfred angeblich, weil sie sich dem „Intellektuellen“ nicht gewachsen wähnt. Eben war noch seine Fadenscheinigkeit ein Motiv für das Distanzbegehren. Vielleicht habe ich das falsch gelesen. Sind die Begründungsstränge bizarrer verschränkt als in meiner Auffassung?

Emma entwertete sich, als noch nicht einmal „echtes Bauerntrampel (und) Provinzgewächs“, dessen Ignoranz in der geistigen Welt als starkes Signal gewertet werden konnte. Viele hielten sie lediglich für „eine Intellektuelle, die es nicht geschafft hatte“.

Emma eiert vor sich hin, bis sie eines Tages Alfred auf der Straße trifft. Der „Olympier“ offenbart sich auf der Stelle. Er wartet mit einer Bankrotterklärung auf. Nun können die beiden „ihre Leiden (bukolisch) vermischen“.

Aus der Ankündigung

In der Titelstory »Das Leben ist kein Abgrund« trifft die junge Lily auf ihre zynische und stolze Cousine Isobel, die lieber ein karges Dasein im Armenhaus fristet, als die Hilfe ihrer Familie in Anspruch zu nehmen. Eine glücklich Verheiratete erfährt im schneebedeckten Maine, was es bedeutet, plötzlich schutzlos und entfremdet ihrem Mann gegenüber zu stehen. Eine Schwerverletzte flieht vor dem Schmerz und sucht Zuflucht in ihrem Inneren. Und mitten in einem »Andrang von Dichtern« muss sich die willensstarke Cora Maybank gegen ihren egozentrischen, untreuen und vor Ehrgeiz blinden Ehemann behaupten.  Mit scharfem psychologischem Blick beleuchtet die Pulitzerpreisträgerin in ihren Stories das menschliche Leben in all seinen Facetten. In eindringlichen Bildern und mit leisem Humor erzählt Jean Stafford von Liebe und Leid, vom ewigen Wunsch nach Zugehörigkeit und insbesondere vom Schmerz der Einsamkeit. 

Zur Autorin

Jean Stafford, geboren 1915 in Covina, Kalifornien, wuchs in ärmlichen Verhältnissen in San Diego und Colorado Springs, Texas auf. Von ihrer Familie früh entfremdet, verbrachte sie als Jugendliche ihre Freizeit in den Bergen und beim Schreiben. Sie studierte Englische Literatur an der Universität Colorado und lebte ein Jahr in Heidelberg. Die Berglöwin erschien 1947 und wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Neben vielen anderen Preisen und Auszeichnungen erhielt sie 1970 den Pulitzer-Preis für ihre Stories. Jean Stafford starb 1979.  Jean Stafford.  

Zur Übersetzerin und zum Übersetzer

Adelheid und Jürgen Dormagen übersetzen seit mehr als 30 Jahren leidenschaftlich Literatur, u. a. Werke von Virginia Woolf, Jane Bowles, Amy Bloom, Michael Ondaatje und Doris Lessing. Für Jenseits von Babylon von David Malouf erhielt sie 1997 den Deutsch-Australischen Übersetzerpreis. Jürgen Dormagen war lange Lektor im Suhrkamp Verlag und übertrug u. a. Romane von Angeles Saura und J. C. Onetti. Gemeinsam übersetzten sie Die Berglöwin von Jean Stafford.