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2022-12-10 08:18:48, Jamal

Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper.

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Ins Kneipenklo passt eine Kneipe. Eine Beobachtung, die Granit Knežević beinah jeden Tag aufs Neue erstaunt. Wenn Pissrinnen erzählen könnten.

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“Every artwork begins where the intention of its creator ends.” Adorno

© Jamal Tuschick

Rhetorischer Maximalismus

Jede Säuferampel wirkt wie ein Analeptikum und alle Tristesse zitiert Edward Hopper. Granit Knežević könnte mit seiner posttraumatischen Belastungsstörung den Blumentopf eines Alleinstellungsmerkmal erwerben, er müsste den Vogel der Abweichung nur auf einen Zaun der öffentlichen Anteilnahme setzen. Das bedenkt Granit unter Gretes Aufsicht im Schwarzburg 82. Am Tresen betankt er die Salzstreuer mit Zucker. Grete überträgt Granit kleine Aufgaben zur Bestätigung seiner Kleindienstleisterrolle im Gebiet (Nordend). Die Aschenbecher hat Granit schon ausgewischt und die Dreiliterasbachflasche, die mit dem Hals zum Boden am Buffetschrank klemmt, abergläubisch-rituell angetippt. Neben ihm bildet sich Sauhund-Igor mit liegengebliebener Lektüre. Er trägt eine getönte Stasibrille. Stasi ist nicht fies genug für Igor. Mit der Brille sieht er aus wie einst Unhold Jaruzelski. Ausgerechnet auf Igors Pullunder steht Love. In Lovestory-Lettern so altmodisch. Igor weiß nichts von Ironie. Er spart eisern. Der Pullunder stammt aus dem Fundus der Kleinkunstbühne Gernegroß. Ein ausgemustertes Stück aus einer Siebzigerjahreklamotte, die Norbert Nasenschweiß einst einem Schneewittchen auf den Leib schrieb. Das Schneewittchen hielt sich nicht im Gebiet. Auch das Osmanische Reich gab dem Verfall nach. Erstaunlich, wer alles vormittags im Schwarzburg 82 abhängt, als wäre da sein Arbeitsplatz. Ab fünf Uhr nachmittags trifft man den harten Kern der Schwarzburger-Stammsäufer in der Burggaststätte als der Arbeit entronnene Feierabendtrinker bieder an. Ein Mysterium mehr im sagenhaften Nordend.  

Der Zigarettenautomat auf halbem Weg. Granit fegt zufrieden den Hof zwischen Vorder- und Hinterhaus. Der Hof ist betoniert; der Beton befriedigend grau. Die Teppichstange ragt vor einer Stiege klumpenden Fallobsts auf. Merkwürdig. Was macht die Stiege auf den Hof? Ins Kneipenklo passt eine Kneipe. Eine Beobachtung, die Granit jedes Mal aufs Neue erstaunt. Wenn Pissrinnen erzählen könnten.

Im Schwarzburg 82 hängt immer noch ein Telefon an der Wand. Neben einer Turnertafel aus dem Jahr Neunzehnhundertzwölf als Denkmal eines anderen Gesellschaftslebens, das sich vor Ort nie abspielte. Die verdeckte Hochstapelei geht auf eine Geschäftsidee aus der Ära von Gretes Vorgänger zurück. Der Gescheiterte heißt Klaus Wagner und stammt auch aus dem großen Stall jener Wagner, die auf der richtigen Mainseite das Licht der Welt erblickten, um es einmal so überkandidelt zu sagen, wie wir, die wir uns für Gesegnete halten, es fühlen. Klaus spielt weiter keine Rolle mehr. Er ist in jeder Hinsicht ein Ex. Die antike Turntafel weist wie ein Richtungspfeil auf einen verbrauchten Ehrgeiz.

„Können Wasserkocher einsam sein?”, fragt Winnie. Eben noch in der Sponti-Reiterstaffel und jetzt bloß noch Staublunge und schmerzhaftes Abhusten. Herr hilf. Der Herr hilft Winnie nicht und sonst auch keinem. So sehr unter sich war man seit gestern schon lange nicht mehr. Granit schüttelt sich wie ein nasser Hund. Die Wahrheit ist kein Kopfschmerz für Tabletten. Kein Mensch findet es nötig, Winnie eine Antwort zu geben.

Grete wirkt sich auf ihre Verhältnisse aus wie der Korken im Flaschenhals. Sie erlaubt keinen Übermut und pariert jede Bemerkung, die sie treffen soll. Das Zurechtweisende wird immer mehr zu ihrem Markenzeichen. Grete überkront Plörre, die hinter den Hähnen absteht. Sie verkauft auch das in den Leitungen über Nacht schal gewordene Bier. Keiner wagt die schlechte Bierbehandlung zu beanstanden. Keiner versucht sich auf dem schmalen Grat vom Eichstrich zum Eichelstich hervorzutun. Granit riecht die Ausdünstungen der Beflissenheit. Grete feudelt da, wo sein Glas steht. Sie streift ihn mit einer schnellen Hand. Granit bildet sich darauf nichts ein. Es ist das heimlich Solide an ihm, dass ihm Gretes Gunst einträgt. Im Grunde ist auch Grete nur eine verkleidete Schrebergärtnerin, die den Zug in die Tristesse einer halbbürgerlichen Second-best-Lösung verpasst hat.

Bescheiden bindet Granit den alltäglichen Wahnsinn zu einem Bouquet wehmütiger Heiterkeit. Ein Elvis-Imitator, der nicht singen kann und dem Original über die Korpulenz hinaus auch nicht ähnlichsieht, und mit einer verschwitzten Vorliebe für Audrey Totter in der abgerockten Daseinswüste des seelisch verkarstenden Vinylfetischisten nie auf einen grünen Zweig gekommen ist, muss seine Vernichtung an der Theke über sich ergehen lassen. Seine stets studiobraune Mutter war 1976 siebte Siegerin im Miss Friedberg-Schönheitswettbewerb.

Das ist Schwäche, denkt Granit, diese Weinerlichkeit wegen irgendwelcher Mumien in längst trockengefallenen Brunnen. Auch im Schwarzburg 82 erwarten die Geweihten die Herrin der Hähne jeden Morgen mit speichelnder Vorfreude. Um über die Runden zu kommen, mussten sie vortrinken, und zwar das Büchsenbier von nebenan. Es folgt die Druckbetankung, ab Nachmittag beamt sich Lord Jim ins Geschehen und gibt die Schlagzahl an. Wann Nachmittag ist, hängt vom Empfinden ab.   
„Hauptsache Prost“, sagt Asbach-Gero. Er trägt die Zimmermannshosen vom Schambach an der Konstabler Wache. Im kommenden Jahr will er sich neue Zähne einbetonieren lassen als praktische Lösung. Geros mondsüchtigen Nachahmungen männlicher Schaffenskraft täuschen niemanden. Gero ist der krumme Hund als toller Hecht mit Klepperzelt, Gulaschkanone und einer vor fünfzig Jahren futuristisch designten Zigarettendose im zweistöckigen Kellerdurcheinander und einer Kesselschlacht als falscher Erinnerung im moribunden Gedächtnis.    

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Auf dem Supermarktparkplatz dient Kurts Wurstwagen als Sinnbild einer verfehlten Existenz. Granits Freund seit Kindertagen schwitzt am Grill. Zum gemeinsamen Um-die-Häuser-ziehen ist später noch genug Zeit. Granit schlägt den Kragen hoch, wie Alain Delon im „Eiskalten Engel“. Das Volk der Gegend erzählt sich vom Burgmann Alain, der im 12. Jahrhundert aus den Nebeln der Nidda-Auen aufgetaucht und zum Wiedergänger geworden war. Alain besorgte einem Herrn nach dem nächsten die Mätressenwirtschaft, er schloss jeden üblen Handel ab. Er war verheiratet mit Hilleke, einer Unsterblichen aus dem Geschlecht des geknickten Liebreizes jener Burgfrömmigkeit in einem Spessartwinkel. Selbst nach der ersten Jahrtausendwende ritten durch Hessen noch Partisaninnen. Ihre Padischahs hatten den Franken schon unter Karl dem Großen die Gefolgschaft verweigert. Sie waren so kernig, dass die Schwarte ständig krachte.

Die Nacht verwandelt Frankfurt, Granit latscht mit in einer Prozession. In ihren Verhauen ergraute Häuserkämpferinnen stehen auf den Bordsteinen der Bornemann Avenue (vormals Glauburg Straße) Spalier und erscheinen wie vergessene Kontingente Soleier in stillgelegten Pilsstuben.

„¡No pasarán!“

Wein überrankt eine Brandschutzmauer. Guerilla Gardening ist der letzte Schrei. Vor dem Paulaner macht einer Gymnastik, während er telefoniert. Offensichtlich hält der Mann das Gespräch nur aus, wenn er sich dehnt. Die Mimik ist so beweglich wie der Körper.
Den Fernsprecher schützt keine Zelle. So sieht 1990 die Zukunft im Design aus. Jemand trägt Sperrmüll vor die Tür, schon ist jemand zur Stelle, der den Hausrat gebrauchen kann.

Das Paulaner ist seit Jahren geschlossen. Seit die Paulaner-Crew in den Musikantenweg gezogen ist. Die Paulaner führen die Oma Rink der Lulu Schwarz (geb. Rink) weiter. Lulu fuhr nach dem Krieg das erste für eine Frau zugelassene Auto. Das Wurzelwerk der Platanen in ihrem Garten bricht durch den Keller der Wirtschaft. Kraft der Natur, der junge Schwarz wurde nicht alt.
Erschöpfte Hessinnen tauchten mit Sitzkissen und Deckelchen in Lulus Garten auf. Mit den Deckelchen hinderten sie das Geschmeiß, in Apfelwein zu ertrinken. Hundert Sommer löste Granit das Kreuzworträtsel in der (von Indern monopolistisch ausgetragenen) Rundschau am Abend vor der Rink.

Ein Pate regiert die Zeitungsinder. Er konferiert mit anderen Vorsteherfiguren des Frankfurter Randgeschehens. Man steckt seine Claims ab, in einem Untergrund der Profite. Da ist ein rumänischer Rosenprinz, der in Gaststätten kindlich timid und bis zur Wehrlosigkeit beschränkt erscheint. Er tritt auf wie ein Versprengter, dem niemand angehört. In Wahrheit ist er Vizechef einer Familie, deren Gravitation sich auf die Höchster Altstadt auswirkt. Seine Frau ist höchstens annähernd erwachsen und mehrfache Mutter in einem Kreis zu Müttern gemachter Schwestern und Cousinen. Der Prinz begleitet sie gebieterisch auf ihren vorstädtischen Wegen.