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2023-01-29 09:30:07, Jamal

„Wir wollten das Beste, aber es kam wie immer.“ Wiktor Stepanowitsch Tschernomyrdin

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„Es ist besser der Kopf einer Fliege zu sein als der Arsch eines Elefanten.“ Wiktor Stepanowitsch Tschernomyrdin

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„Es kam dann zur Sprache, dass ich noch Englisch lernen müsse, wozu Goethe dringend riet, besonders des Lord Byron wegen, dessen Persönlichkeit von solcher Eminenz, wie sie nicht dagewesen und wohl schwerlich wiederkommen werde.“ Johann Peter Eckermann

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„Übrigens habe ich über (Uhlands) ›Gedichte‹ kaum ein Urteil. Ich nahm den Band mit der besten Absicht zu Händen, allein ich stieß von vorneherein gleich auf so viele schwache und trübselige Gedichte, dass mir das Weiterlesen verleidet wurde.“  Goethe zu Eckermann

Im Tessin am 02.10. 2022 © Jamal Tuschick

Barschtschina versus Obrok

Nirgendwo hielt sich die Leibeigenschaft länger als in Russland. Der Historiker Tim Blanning deutet sie als „Reaktion auf elementare Lebensbedingungen“. Er bezieht sich auf Jerome Blum, der vierundvierzig Varianten von Frondiensten - Barschtschina unterscheidet. Die Frondienste konkurrierten mit Geld- und Naturalsteuern (Obrok). In den ukrainischen „Schwarzerde-Regionen“ ergab sich ein Verhältnis von „ungefähr drei zu eins zugunsten des Arbeitsdienstes, während in Zentralrussland die Abgabenpflicht dominierte.

Zitiert aus Tim Blanning, „Glanz und Größe - Der Aufbruch Europas 1648 - 1815“, aus dem Englischen von Richard Barth, Jörn Pinnow, DVA, 49,-

Ukrainisches Verteidigungskonzept

Nach dem Ende der Sowjetunion erreichten die baltischen Staaten den Abzug der Roten Armee von ihren Territorien. Sie gründeten ihre eigenen Streitkräfte. „Der Ukraine war das nicht möglich“, schreibt Serhii Plokhy. „Die über 800 000 Offiziere und Soldaten der riesigen Armee (wären)“, so der Autor, nie freiwillig abgezogen. Russland bot den Soldatinnen und Soldaten keine Perspektive. Die Zurückverlegung russischer Einheiten aus sämtlichen Staaten des vormaligen Warschauer Pakts führte zu Verwerfungen im Mutterland. Der Kiewer Führung blieb gar nichts anderes übrig als die Integration des postsowjetischen Militärs in ein ukrainisches Verteidigungskonzept. Den Prozess verantwortete Kostjantyn Morozov. Im Herbst 1991 wurde er der erste ukrainische Verteidigungsminister.

Zitiert aus Serhii Plokhy, „Das Tor Europas: Die Geschichte der Ukraine“, aus dem Englischen von Anselm Bühling, Bernhard Jendricke, Stephan Kleiner, Stephan Pauli und Thomas Wollermann, Hoffmann und Campe, 30,-

Tödlicher Anmarsch

Denis Mukwege wächst in Bukavu (vormals Costermannsville) auf. Es herrscht strikte Segregation in dem ehemaligen kongolesischen Außenposten auf einer Landzunge im Kiwusee an der Grenze zu Ruanda. Der Kurortcharakter offenbart sich in hymnischen Zuschreibungen: Riviera am Kongo. Die tropische Version der Côte d‘Azur.

Die Kolonialmacht ließ sich im frühen 20. Jahrhundert eine belgische Stadt im großzügigsten Zuschnitt erbauen. Man frönt der weißen Herrlichkeit in Kombinationen von europäischer Architektur und tropischen Gärten.

Der Schauplatz von Mukweges Kindheit ist die Schwarze commune Kadutu. Der Autor beschreibt den alltäglichen Aufbruch der Reinigungskräfte, Gärtner und Wärter ins weiße Villenviertel oder zu den vorstädtischen Plantagen.

Mukwege erzählt vom Opfermut seines Vaters, der als evangelischer Pfarrer Anfeindungen ausgesetzt ist. Der Sohn findet ihn limitiert, da er mit den Kranken nur beten kann. Die belgischen Nonnen können als Krankenschwestern Heilverläufe aktiv beeinflussen.

Mukwege will Arzt werden, um eingreifen zu können. Ihn spornen die Schicksale phantasmagorisch-unterernährter Trägerinnen an, deren Lasten ihre Skelettsilhouetten überragen. Seine ersten Sporen verdient sich Mukwege als Famulus in einem entlegenen Krankenhaus mit zweihundert Betten. Es gibt nur einen Arzt. Der überlastete Mediziner operiert oft rund um die Uhr. Schließlich überträgt er dem Assistenten die Gesamtverantwortung. Folglich leitet Mukwege eine Klinik bereits als Studierender.

Zum ersten Mal beobachtet er das ewige Drama lebensgefährlich verletzter Wöchnerinnen; ob abgelegt auf der Krankenhausschwelle in blutsteifen Tüchern, oder herangewankt in einer Leidensprozession, wie vom Donner gerührt und aus allen Begriffen des handhabbaren Lebens herausgeworfen in der Folge eines Geburtsstillstands oder eines Gebärmutterrisses.

„Der Fötus steckt im Becken … oder ragt aus der Scheide … „Nachgeburtliche Blutungen (sind) die häufigste postpartale Todesursache.“   

Viele sterben beim Anmarsch auf Dschungelpfaden.

Zitiert aus Denis Mukwege, „Die Stärke der Frauen. Wie weibliche Widerstandskraft mich lehrte, an eine bessere Welt zu glauben“. „Der dringende Appell des Friedensnobelpreisträgers, sexuelle Gewalt nicht länger hinzunehmen“. Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus, Cornelia Stoll, C. Bertelsmann Verlag, 26,-

Romantik und Reaktion

In einem Gespräch unter Gelehrten lässt sich ein beinah noch jugendlicher Überflieger mit der Bemerkung vernehmen, man dürfe die Romantik nicht der Reaktion überlassen. Eben las ich, dass es „in Russland … niemals jene unbedarften lebensfremden (Romantikerinnen) gegeben habe wie in Deutschland und ... in Frankreich, auf die nichts Wirkung (zeigte, mochte auch) die Erde unter ihnen erbeben“.

Jetzt verstehe ich den Zusammenhang zwischen Romantik und Reaktion noch einmal anders. Die Koinzidenz entschleiert sich mir mit Büchner, der die  Unbeweglichkeit jener anprangerte, die „Frankreich auf den Barrikaden“ gleichermaßen kaltblütig und lethargisch verbluten lassen (konnten), wie betäubt und gesteinigt vom „Fatalismus der Geschichte“.

„Ich studierte die Geschichte der Revolution. Ich fühlte mich wie zernichtet unter dem Gräßlichen Fatalismus der Geschichte.“ Georg Büchner am 10. März 1834, Quelle

Zitiert aus Fjodor Dostojewski, „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“, neu übersetzt von Ursula Keller, Manesse Bibliothek, 309 Seiten, 25,-

Ein Schwätzer ohne Publikum und Namen versteigt sich zu der Feststellung, Romantikerinnen seien Närrinnen.

„Bei uns aber, in russischen Landen, gibt es keine Narren.“

Der Namenlose, ein Relegierter mit Beamtenvergangenheit, irrlichtet in kläglichen Verhältnissen. Er labert und wabert in einem Souterrain an der Petersburger Peripherie. Überschießender Selbsthass verleitet ihn zu einem solistischen Selbstschmähungsfestival; einer solipsistischen Orgie.

Die „Aufzeichnungen aus dem Untergrund“ erschienen erstmals 1864 als Porträt eines schuftig-verkommenen Zeitgenossen. Dostojewski brät einen Sonderling, der von jeher ein Schattendasein in lauter Randlagen führt, am Spieß einer furiosen Psychologie; es gibt keine Rettung vor der Nichtswürdigkeit menschlicher Regungen. Die Figur könnte wie ein Staffelstab von Camus übernommen worden sein. Zuzeiten wirkt sie benommen von ihrer Inferiorität. Dann erhebt sie sich wieder über alle und gackert grandios wie ein wahnsinniges Huhn. Gerade glaubt sie, jeden Hieb verdient zu haben, um gleich alle Schmach in einem Vergeltungsfeldzug tilgen zu wollen. Es versteht sich, dass der Schwadroneur aus seinem Keller nicht herauskommt. Er verachtet sich für seine Trägheit, und lobt den Tatmenschen als erstrebenswertes Gegenteil in hohlen Tönen. Die Litanei strotzt vor Kleinlichkeit und aufgetakelter Larmoyanz. In Yvan Golls Roman „Sodom und Berlin“ fand ich die Formulierung: „Kinderkopf mit angepapptem Attilabart“. Das passt zu dem wehleidigen Trotz, der „jämmerlichen Zügellosigkeit“ und impotenten Rage des Erzählers, der unter allen Schmerzen seines spielsüchtig-verschuldeten Schöpfers leidet; so angepiekst wie eine Voodoopuppe.

Dostojewski schickt den Wicht in die Hölle der Bedeutungslosigkeit.