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2023-05-13 11:01:24, Jamal

„Die Dekolonisierung des Denkens ist ein Prozess, an dem die multinationalen Konzerne als die Erben der Kolonialmächte kein Interesse haben.“ Minna Salami

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Sehen sie auch hier.

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“If the doors of perception were cleansed everything would appear to man as it is, infinite.” William Blake 

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„Im Herzen eines Menschen ruht der Anfang und das Ende aller Dinge.“ Leo Tolstoi

Erschöpftes Gespenst

Jeden Tag eröffnet Hassanali den Moscheebetrieb. Er reinigt die Stufen zum Gotteshaus und ruft die Leute zum Gebet. Gewissenhaft versieht der Krämer sein Muezzin-Ehrenamt. Eines Morgens findet Hassanali auf dem Platz seiner anspruchsvollsten Wirkung ein erschöpftes Gespenst, das bald seine dämonische Dimension verliert und sich als ein heruntergekommener, im Augenblick ohnmächtiger Europäer* entpuppt. Der Barmherzige macht den Bedürftigen zu seinem persönlichen Pflegefall. Begleitet vom sarkastischen Protest einer Angehörigen, findet die Erstversorgung in Hassanalis Haus statt. 

*Die Herkunftsbestimmung ergibt sich nicht allein aus dem offensichtlichsten Merkmal. Ein blasser Teint unterscheidet vereinzelt auch Araber von Hassanalis Landsleuten. Hassanali hörte von Menschen des Maghreb mit „goldenen Haaren und grauen Augen“.

Die herbeizitierte Heilerin Mamake Zaituni zieht dem Bewusstlosen die Hose vom Hintern und gibt einen unbeschnittenen Penis der Begutachtung preis. Deshalb Europäer.   

Abdulrazak Gurnah, „Die Abtrünnigen“, Roman, aus dem Englischen von Stefanie Schaffer-de Vries, Penguin Verlag, 26,-

Hassanali durchschreitet ein Tal der Angst, bevor er seinen Barmherzigkeitsgipfel erklimmt. Der Samariter neigt zum Pessimismus. Er ist das Produkt einer ursprünglich indisch-migrantischen Gemeinschaft, begründet von - zum Islam - konvertierten Hindus.

Steinzeitliche Landstreicher

1986 veröffentlichte der kenianische Schriftsteller Ngũgĩ wa Thiong‘o unter dem Titel „Decolonising the Mind“ eine Essaysammlung. Die deutsche Übersetzung erschien mit dramatischer Verspätung 2017. Ngũgĩ wa Thiong‘o untersucht in dem Band Folgen des kolonialen Fallouts. Er zeigt, wie kulturelle Enteignung das Bewusstsein deformiert.

Der 2021 mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Schriftsteller Abdulrazak Gurnah schlägt in dieselbe Kerbe. „Die Abtrünnigen“ veröffentlichte er 2005. Die erste Romanmarke datiert auf das Jahr 1899, die letzte bezieht sich auf Vorgänge in den 1950er Jahren.

Das Einstiegsjahr ergibt sich zuerst aus der Bezugnahme eines britischen Regierungsbeamten auf ein Vorjahrsereignis. „Wie unnachgiebig britische Macht sein konnte“, resümiert Frederick Turner in einem hochmütigen Lamento, zeigte die Schlacht von Omdurman anno 1888. Unter dem Kommando von Horatio Herbert Kitchener besiegte eine anglo-ägyptische Armee die Gefolgschaft des 1885 verstorbenen Mahdi Muhammad Ahmad. Der weiße Triumph änderte den Lauf der Geschichte. Er verschaffte den imperialen Interessen Großbritanniens gewaltige Spielräume. Beteiligt an dem historischen Durchbruch war ein dreiundzwanzigjähriger Leutnant namens Winston Churchill. 

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Der Establishment Shot des Romans zeigt Mombasa im Tiefschlaf „der alten Zeit“. Hassanali fühlt sich beschenkt und manchmal auch überfordert von der neckenden Nachsicht seiner Frau Malika, während ihn seine Schwester Rehana ständig in Frage stellt und ihm die häusliche Suprematie streitig macht. Übrigens ist der Aufgegabelte der erste Mzungu - Weiße in Hassanalis Reichweite.

„Es war, als hätte er sich ein exotisches Haustier angeschafft.“

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Turner veranlasst die Verlegung des Weißen in seine Sphäre. Gurnah schildert die oberste Kolonialautorität in Hassanalis Dunstkreis als dünkelhaften und korrupten Charakter. In Indien „beschleunigte“ Turner zu seinem Vorteil administrative Verfahren. Die Versetzung nach Sansibar betrachtet er als Degradierung. Er wähnt sich zur Aufsicht von Steinzeitstrolchen bestellt.

Außer Turner lebt vor Ort nur ein anderer Weißer. Den Plantagenverwalter Burton erachtet Turner als Untergebenen. Nach seinen Begriffen braucht es mehr als zwei Generationen, bis sich die Befähigung zur Machtausübung mit jener „kaltblütigen Entschlossenheit“ verbindet, die einen Territorialgebieter auszeichnet. 

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Sansibar in den frühen 1950er-Jahren: Inmitten politischer Umwälzungen und Aufständen gegen die Kolonialherren wachsen die Geschwister Amin, Rashid und Farida auf. Amin, der Mittlere der Brüder, verliebt sich in Jamila, doch die Leidenschaft zerbricht schon bald am Widerstand seiner Familie und Gerüchten um die Vergangenheit der jungen Frau. Es heißt, ein Fluch liege auf ihrer Verwandtschaft. Im Strudel der Revolution trennen sich die Lebenswege der Geschwister. Rashid beginnt ein Studium in London, das Schicksal von Amin und Jamila lässt ihn aber selbst in der Ferne nicht los. Er begibt sich auf eine Spurensuche, die ihn tief in die afrikanische Kolonialgeschichte führt – und bis zum Geheimnis um Jamilas Familie. Deren Großmutter hatte für eine verbotene Liebe zu einem britischen Orientalisten einst alles riskiert... »Die Abtrünnigen« zeigt Nobelpreisträger Abdulrazak Gurnah erneut als großartigen, politisch hellsichtigen Erzähler von Geschichten, wie wir sie noch nie zuvor gelesen haben.

Zum Autor

Abdulrazak Gurnah (geb. 1948 im Sultanat Sansibar) wurde 2021 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Er hat bislang zehn Romane veröffentlicht, darunter »Paradise« (1994; dt. »Das verlorene Paradies«; nominiert für den Booker Prize), »By the Sea« (2001; »Ferne Gestade«; nominiert für den Booker Prize und den Los Angeles Times Book Award), »Desertion« (2006; dt. »Die Abtrünnigen«; nominiert für den Commonwealth Writers' Prize) und »Afterlives« (2020; dt. »Nachleben«; nominiert für den Walter Scott Prize und den Orwell Prize for Fiction). Gurnah ist Professor emeritus für englische und postkoloniale Literatur an der University of Kent. Er lebt in Canterbury. Seine Werke erscheinen auf Deutsch im Penguin Verlag.  »Einer der herausragendsten postkolonialen Schriftsteller der Welt. Kompromisslos und mit großem Mitgefühl durchdringt er in seinen Werken die Auswirkungen des Kolonialismus in Ostafrika und seine Auswirkungen auf das Leben entwurzelter und migrierender Menschen.«  Anders Olsson, Vorsitzender des Nobelkomitees (07. Oktober 2021)