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2023-08-30 08:08:32, Jamal

„Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals.“ Bertolt Brecht

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„In den Illusionen der Liebenden ist oft eine tiefere Wahrheit enthalten als im Naserümpfen der Gleichgültigen.“ Klara Blum

Der Herrenmensch 2.0 - Die Fortsetzung des Kolonialismus mit anderen Mitteln

Dekadenter Dynast

Johan ‚Jonny‘ Lundin ist ein Produkt alten Geldes, sein Familienname ein skandinavischer Türöffner. Die Lundin-Dynastie hütet einen privilegierten Zugang zum schwedischen Königshaus. Von jeher engagiert sie sich philanthropisch. Sie fördert die Kultur ihres Landes in einer transgenerationalen Weitergabe des Verantwortungsstabes. Sie ist lange genug reich, um Maßstäbe für Diskretion und Gediegenheit zu setzen. Ihre Distinktionsmarken sind Muster der Dezenz.

Entsprechend feingesponnen und spleenig erscheint Jonny als dekadenter Dynast. Alles offensichtlich Brutale geht ihm ab. Trotzdem haust er unter den Menschen wie die Axt im Wald. Die Autorin liefert ihre eigene Erklärung.

Auf den ersten Blick übersehbar ist die White-Supremacy-Komponente eines subtil gefilterten Rassismus. Ein Codewort lautet nordisch. Einer nigerianischen Spitzenkraft fehlt angeblich die Kompetenz für das Nordische. Das behauptet nicht nur der Tycoon Jonny, der mit seinen Angestellten wie mit Kegeln spielt, sondern auch sein engster Vertrauter. Ragnar personifiziert den Übergriff. Er verkörpert einen Dominanzanspruch, der jede Konstellation auflädt, an der er beteiligt ist.

Die Subalterne weicht vor Ragnar zurück. Er nutzt den freigegebenen Raum. Wie ein Bulldozer überrollt er die von einem Abstandswunsch erweiterten Flächen, die von der Angegriffenen in keinem Fall verteidigt werden können.  

Faszinierende Leere

Traditionell, so erklärt es die Autorin, heißen weibliche Yoruba-Zwillinge Taiwo und Kehinde. Die Namen bestimmen das Verhältnis von zuerst und danach. Taiwo Oluwakemi und Kehinde Adeyemi wachsen in der nigerianisch-maritimen Megapolis und Lagunenstadt Lagos auf. Achtzehnjährig migrieren die Schwestern in die Vereinigten Staaten und immatrikulieren sich an der University of Richmond, Virginia.

Lolá Ákínmádé Åkerström, „In allen Spiegeln ist sie Schwarz“, Roman, auf Deutsch von Yasemin Dinçer, 441 Seiten, Orlanda, 24,-

Taiwo Oluwakemi trennt sich von ihrem ersten Vornamen und verkürzt den zweiten auf Kemi. In der Handlungsgegenwart führt Kemi in Washington DC das Leben einer supererfolgreichen, mehrfach ausgezeichneten, im US-amerikanischen Maßstab einzigartigen Marketing- und Diversitätsexpertin. Ihr Status schützt den Single nicht vor Nachstellungen eines verheirateten Vorgesetzten. Er umkreist Kemi auf „dem schmalen Grat zwischen Flirten und Herumkommandieren“.

Kemi fürchtet Kalamitäten an ihrem Arbeitsplatz bei Andersen & Associates.

Der berufliche Erfolg korrespondiert mit privater Einsamkeit. Kemi datet mit dem Mut der Trostlosigkeit einmal auch einen weißen Buchhalter aus Ohio. Er langweilt die Koryphäe mit einem sehr überschaubaren Repertoire. Entweder starrt er in ihren Ausschnitt oder in die „faszinierende Leere“ hinter ihrem Rücken.

Kemi verabredet sich unter ihrem sozialen Niveau, etwa um auf den Bauchmuskeln eines stattlichen Elektrikers „eine Münze springen zu lassen“.

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Ausgangspunkt hinreißend erzählter Ereignisse ist ein Angebot, das Kemi nicht ausschlagen kann. Das Abwerbegespräch findet im teuersten Steakhaus von Washington DC statt. Der Gründer des schwedischen Unternehmensgiganten Lundin Marketing nimmt persönlich an der Verhandlung teil.

Auf dem Hinflug grub Jonny von Lundin die Flugbegleiterin Brittany-Rae Johnson an. Deren Biografie überschattet das Debakel einer nicht in Gang gekommenen Karriere. Dazu morgen mehr.

Kemi soll Leiterin für globale Diversität und Inklusion in Stockholm werden. Die Umworbene wittert einen Versuch, Schadensbegrenzung im Geist des Greenwashings zu betreiben. Lundin Marketing ist zu weiß für die aktuellen Valeurs am Weltmarkt.

Kemi fürchtet zunächst, als „Requisite“ und Alibi-Schwarze ins Spiel gebracht zu werden. Doch dann überwältigen sie die Aussichten auf einen sagenhaften Aufstieg. Im Weiteren geht es um Formalitäten. Ingrid, ihre Stockholmer Kontaktperson, verspricht Kemi, sämtliche Steine aus dem Weg zu räumen.

„Schicken Sie uns einfach eine Kopie Ihres Reisepasses, dann beginnen wir das Verfahren für Sie.“

„Fünfzehn Jahre hatten Kemi und Kehinde gebraucht, um von Studierendenvisa zu Green Cards und - endlich - der Einbürgerung in die Vereinigten Staaten zu gelangen.“  

„Der Pass“, so heißt es in einem Bertolt Brecht’schen Nachlass-Fragment, „ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustand wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustandkommen, auf die leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, aber ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird.“

„Man kann sagen, der Mensch ist nur der mechanische Halter eines Passes. Der Pass wird ihm in die Brusttasche gesteckt, wie die Aktienpakete in das Safe gesteckt werden, das an und für sich keinen Wert hat, aber Wertgegenstände enthält.“

Morgen mehr.

Aus der Ankündigung

Ein mitreißender, tiefgründiger und bewegender Roman über drei ganz unterschiedliche beeindruckende, starke Frauen, den man nicht mehr aus der Hand legen will!

Die erfolgreiche Marketing- und Diversitätsexpertin Kemi Adeyemi wird aus den USA nach Schweden geholt, um ein PR-Fiasko im Zusammenhang mit einer rassistischen Kampagne zu beheben. Kann sie wirklich etwas bewegen oder ist sie lediglich das neue Aushängeschild?

Ein zufälliges Treffen in der Businessclass auf dem Weg in die USA katapultiert Flugbegleiterin Brittany-Rae Johnson in ein Leben voller Reichtum, Luxus und Privilegien – ein Leben, von dem sie nicht sicher ist, ob sie es will, und für das sie einen hohen Preis zahlen muss.

Muna Saheed, eine Geflüchtete aus Somalia, will in Stockholm endlich Fuß fassen und sich zugehörig fühlen, doch das fällt ihr wegen ihrer traumatischen Flucht und ihrer Zeit in einem Aufnahmezentrum für Geflüchtete in Schweden schwer. Ein Lichtblick sind ihre neuen Mitbewohnerinnen.

In allen Spiegeln ist sie Schwarz ist ein temporeicher, nuancierter und dennoch leicht zugänglicher Roman, der wichtige gesellschaftliche Themen wie Rassismus, Sexismus und Klassismus anspricht und zeigt, was es bedeutet, sich als Schwarze Frau in einer weiß dominierten Gesellschaft zurechtzufinden.