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2023-10-10 15:44:05, Jamal

„Die Terroristen von der Hamas machen keinen Unterschied zwischen orthodoxen, religiösen, säkularen, linken oder rechten Israelis. Wer gedacht hat, dass wir aufgrund unserer Differenzen geschwächt sind, der irrt sich! Wenn wir zusammen stehen, kann uns niemand besiegen!“ Ron Prosor, Gesehen auf #Instagram, Quelle

„Leere Signifikanten“

Die Aufnahmen entstanden am 8. Oktober 2023 während der Solidarität-mit-Israel-Demonstration am Brandenburger Tor. Die Demonstrierenden gedachten der jüngsten Opfer des Hamas-Terrors. Nach offiziellen Angaben nahmen ca. 2000 Personen teil. Es gibt besser besuchte Gartenfeste. Initiatorinnen waren u.a. die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) und die Jüdische Studierendenunion. Der israelische Botschafter Ron Prosor verkündete: „Jetzt, in diesem Moment, bekommt das Wort Staatsräson eine konkrete Bedeutung.“

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Sehen Sie auch hier.

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Lesen Sie unbedingt das Interview mit Carlo Masala „über den Krieg gegen Israel, die Rolle des Iran und die Zukunft der israelischen Geiseln in Gaza“ von Michael Thaidigsmann in der Jüdischen Allgemeinen. Sehen Sie hier.

Thaidigsmann: „Aber ist ‚Staatsräson‘ nicht nur eine leere Worthülse?“

Masala: „Auch Worte sind wichtig. Aber der marxistische Politologe Ernesto Laclau hat einmal den Begriff des ‚leeren Signifikanten‘ verwendet. Ich finde, das passt ganz gut auf das Diktum der Sicherheit Israels als deutscher Staatsräson.“  

US-Botschafterin Amy Gutmann und der Regierende Bürgermeister Kai Wegner ließen keinen Zweifel an der Eindeutigkeit der amerikanischen und der deutschen Regierungspositionen. Ich will jetzt nicht auf den Unterschied in der Praxis eingehen.

© Jamal Tuschick

© Jamal Tuschick

Um die Fotos in einen historischen Rahmen zu rücken:

Denken ohne Geländer

Sie untersuchte die Bedingungen des politischen Handelns im Zwanzigsten Jahrhundert. Ihre Urteile waren politisch furios und standen im Feuer der Kritik. Die wichtigste Denkerin des 20. Jahrhunderts plädierte für ein „Denken ohne Geländer“ in der Abwesenheit eines absoluten Wahrheitsbegriffs.

Auch Hannah Arendt entstand als Leitfigur unter dem Druck feindlicher Kräfte. Der Antisemitismus löste sie aus akademischen Zusammenhängen und zwang sie zu politischen Auffassungen. Sie kritisierte den politischen Zionismus, während sie ihm die Argumente lieferte. Den Antisemitismus erklärte sie auch als eine Reaktion auf die Intransparenz in imperialistischen Gesellschaften. Enthemmte Europäer trieben in den Kolonien den Kapitalismus auf totalitäre Spitzen.

Arendt fand es notwendig, die zerfetzte Fahne ihres säkularen Anfangs neben den jüdischen Bannern der Not- und Hoffnungssolidarität aufzupflanzen. Ihr Plural verband die von den Nazis in die Flucht getriebenen Juden. Der Antisemitismus nötigte sie, „politisch immer nur im Namen der Juden sprechen zu können“. Zudem bestand für sie kein Zweifel daran, dass nur ein Nationalstaat Menschenrechte garantieren kann. Eine nachgeborene Würdigung dessen, was sich auf den Vorplätzen der israelischen Staatsgründung anbahnte, darf nicht außer Acht lassen, dass „eine jüdische Mehrheit in Palästina … demografisch in keiner Weise absehbar war“ (Micha Brumlik), als Arendt Ben-Gurions Nationalzionismus dem Revisionismus-Vorwurf aussetzte. Die gründermütterlichen und -väterlichen Akteure zogen - unter dem Druck des Holocausts und beschleunigt von vielen Sorgen - gemeinsam an allen möglichen Strängen. 

Irgendwo führt Brumlik das Heidegger-Wort „Weltlosigkeit“ ein. Für die westlichen Zionist:innen sei „Palästina ein idealer Ort außerhalb der trostlosen Welt“ gewesen, ein Labor für idealistische Experimente. 

Ohne den mörderischen Antisemitismus der deutschen Faschist:innen wäre Arendt als Philosophin aus einem geistigen Frei- oder Marburg vielleicht nie herausgekommen. Die Herausforderungen der Zeit verlangten Anpassungen im Stil von Zerreißproben.