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2023-10-16 07:43:56, Jamal

Vortragsmagie

Leonard Cohen sang im Jom Kippur Krieg vor israelischen Soldat:innen. Für den Reporter eines Musikmagazins war der Star in der Wüste nur ein „besserer Tourist“. Die Überspannung des Augenblicks an einem äußersten Punkt des Lebens, in dem keine Suggestion die Vortragsmagie in der sagenhaften Wüste Sur übersteigt, und Cohen so konkurrenzlos wie der Messias erscheint, evoziert einen Bildersturm des Elementaren. Kongenial charakterisiert Friedman den Typus der hingerissenen Verteidiger:innen Israels.

„Sie waren die erste Generation einheimischer Israelis - nicht geflohen, keine Minderheit, nicht religiös, nicht wirklich Juden, vielmehr aus Sonnenlicht und Salzwasser erstandene Wesen.“

Bewaffnete Eidechsen

„In dieser Welt ist der Geist im Schlamm verankert.“ Leonard Cohen

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„Jahrelang musste man den jordanischen Sender Radio Ramallah einschalten, um Rock’n‘Roll zu hören.“ Matti Friedman über die sittenstrenge Keimzeit der israelischen Gesellschaft

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„Wir sind dorthin gegangen, wo die Eidechsen Waffen trugen.“ James Brown über seine Zeit als Truppenbetreuer in Vietnam, zitiert nach Matti Friedman

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In einem Feldlazarett spielte Leonard Cohen Gitarre zuzeiten des Jom Kippur Krieges. Matti Friedman schreibt: „Die Sanitäter, Ärzte und Krankenschwestern standen dem Sänger in blutigen Kitteln gegenüber … Die Skalpelle ruhten auf Tabletts, und in den Zelten war es still. Cohen sang Suzanne.“

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„Sie fuhren zu einem Stützpunkt (auf den Golanhöhen) … der (gerade) zurückerobert worden war … Der Wächter am Tor sagte: ‚Geht geradeaus nach oben und seht selbst, ob es noch jemanden gibt, für den ihr spielen könnt.‘“ Avner Gadasi, zitiert nach Matti Friedman

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„Wie Willy Brandt gingen alle SPD-Kanzler nach ihm … zu Israel mehr auf Distanz als ihre CDU-Kollegen … Brandt hätte diesen Krieg verhindern können. Anfang Juni 1973 weilte er zu einem Staatsbesuch in Israel. Am 9. Juni bat ihn Israels Ministerpräsidentin Golda Meir, Ägyptens Präsident Sadat dies mitzuteilen: ‚Wir wollen nicht ganz Sinai oder halb Sinai oder den Sinai-Großteil‘, sondern Frieden. Doch der Friedensnobelpreisträger Brandt entzog sich dieser Friedensmission.“ Michael Wolffsohn am 06.10.2023 in der NZZ, Quelle

Gesungene Offenbarungen

Während des Jom Kippur Krieges 1973 sang Leonard Cohen vor israelischen Frontsoldat:innen. Keine geografische Auffächerung verband der kanadische Künstler mit den Schauplätzen seiner Auftritte im Karst von Sinai. Cohen traf in seiner „mythischen Heimat“ kaum landschaftliche Unterscheidungen. Alles blieb Wüste, was nicht Tel Aviv und Jerusalem war. Ich möchte delirierende Orientierungslosigkeit, Halluzinationen, Fata Morganen, Weissagungen und gesungene Offenbarungen einflechten. Als junger Mann hatte sich Cohen an seine Heimatgemeinde (die Montrealer Congregation Shaar Hashomayim) gewandt und die Leute mit dem Vorwurf geschockt, den „Glauben ans Göttliche“ preisgegeben zu haben.

„Und die Energie, die durch den Verlust dieses Glaubens, den wir viertausend Jahre hatten, freigesetzt wurde, haben wir gegen uns selbst gewendet.“

Matti Friedman, „Wer durch Feuer. Krieg am Jom Kippur und die Wiedergeburt Leonard Cohens“, aus dem Englischen übersetzt von Malte Gerken, Hentrich & Hentrich, 24.90 Euro

Cohen beschwor die Notwendigkeit neuer Prophezeiungen. Heil erwartete er von „unreine(n) Heilige(n) (und) monströse(n) Eremiten“, warum nicht auch von jüdischen Derwischen. Er forderte die Einstellung des Gottesdienstes, „bis jemand eine Vision verkündet oder seinen Verstand an die Unendlichkeit verliert“.

Der Furor des (zu Hochzeiten der Jeansuniformität) förmlich auftretenden und gediegen gekleideten Poeten kam über das Auditorium aus berufenem Munde. Cohens Ahnen, der Name sagt es, waren Tempelpriester und Gemeindeoberhäupter gewesen. Die Dynastie führte sich zurück auf die Kohanim und stand in der Verantwortung, ein Erbamt auszufüllen. In der Wüste war vom Gipfelsturm auf das Göttliche nicht die Rede. Am Saum militärischer Kontraktionen schrieb Cohen „Lover, Lover, Lover“.  

“And may the spirit of this song/ May it rise up pure and free/ May it be a shield for you/ A shield against the enemy.”

Zum kreativen Nachbeben zählte „Who By Fire“.

Für Cohen war Poesie „die Asche von etwas, das gründlich verbrannt ist“. In seinem Nachlass tauchte eine literarisierte Verarbeitung der Kriegserfahrungen auf. Das Manuskript birgt kein abgeschlossenes Werk. Friedman erkennt das „Larvenstadium eines Projekts“. Manche Skizzen vollendeten sich in Gedichten und Prosaminiaturen; siehe „Death of a Lady‘s Man“. Anderes setzte die Nichtnutzung außer Kurs. Friedman verglich die Aufzeichnungen mit den Einträgen in Cohens Notizbüchern. Er überliefert das Dokument in korrigierten Auszügen. 

Fortsetzung folgt Ende dieser Woche.

Aus der Ankündigung

50 Jahre Jom-Kippur-Krieg

Im Oktober 1973 reiste der Dichter und Sänger Leonard Cohen – neununddreißig Jahre alt, berühmt, unglücklich und in einer kreativen Schaffenskrise – von seiner Heimat auf der griechischen Insel Hydra in das Chaos und Blutvergießen der Wüste Sinai, als Ägypten Israel am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur, angriff. Mit einer Gitarre und einer Gruppe einheimischer Musiker zog Cohen an der Front umher und traf Hunderte junger Soldaten, Männer und Frauen, die sich im schlimmsten Moment ihres Lebens befanden. Diejenigen, die überlebten, haben diese Erfahrung nie vergessen. Und der Krieg veränderte auch Cohen. Er hatte angekündigt, seine Musikkarriere aufzugeben, aber stattdessen kehrte er nach Hydra und zu seiner Familie zurück und veröffentlichte eines der erfolgreichsten Alben seiner Karriere. 

In „Wer durch Feuer“ schildert der Journalist Matti Friedman diese Wochen im Sinai in fesselnder Weise. Er stützt sich dabei auf Cohens bisher unveröffentlichte Texte und Originalberichte, um eine kaleidoskopische Darstellung eines erschütternden, prägenden Moments sowohl für ein junges Land im Krieg als auch für einen Sänger am Scheideweg zu schaffen.

Zum Autor

Matti Friedman ist ein mehrfach preisgekrönter Journalist und Autor, dessen Texte u. a. in der New York Times, The Atlantic, Tablet und Smithsonian veröffentlicht wurden. „Spione ohne Land – Geheime Existenzen bei der Gründung Israels“ wurde mit dem Natan Prize 2019 und dem Canadian Jewish Book Award ausgezeichnet. „Pumpkinflowers – Bericht eines Soldaten über einen vergessenen Krieg“ stand 2016 auf der Jahresliste der „100 Notable Books“ der New York Times und wurde auf Amazon zu einem der 10 besten Bücher des Jahres gekürt. Sein erstes Buch „Der Aleppo-Codex“ erhielt 2014 den Sami-Rohr-Preis und die ALA's-Sophie-Brody-Medaille. Matti Friedmann wurde in Toronto geboren und lebt in Jerusalem.