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2023-12-19 11:41:49, Jamal

Unwiderstehliche Stoßkraft

„Wie die Germanen ins klassische Rom, so bricht Luther, der fanatische Tatmensch, mit der unwiderstehlichen Stoßkraft einer nationalen Volksbewegung in ihren übernationalen, idealistischen Traum. Und noch ehe der Humanismus sein Werk der Welteinigung wahrhaft begonnen hat, schlägt die Reformation die letzte geistige Einheit Europas, die ecclesia universalis, mit eisernem Hammerschlag entzwei.“ Stefan Zweig

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„Im Januar 1521 verhängt Papst Leo X. den Kirchenbann über Luther. Normalerweise folgte darauf die Reichsacht. Aber die Reichsfürsten und Stände setzten bei Kaiser Karl V. ein Verhör Luthers auf dem Wormser Reichstag durch. Karl sicherte freies Geleit zu. Am 17. und 18. April 1521 fand das Verhör im Bischofshof statt. Luther weigerte sich zu widerrufen. Tags drauf kündigte der Kaiser die Reichsacht an, die am 8. Mai erlassen wurde (Wormser Edikt).“ Stadt Worms, Quelle

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„Bleibt Luther innerhalb der katholischen Kirche, so will ich gern an seine Seite treten.“ Erasmus von Rotterdam; zitiert nach Stefan Zweig

Um 1990 © Jamal Tuschick

Aus Fiebertälern Entlaufene

Die Reinheit der Absichten. Das liest man oft. Um nicht mit der Annahme von Geschenken einen Schatten auf die Reinheit seiner Absichten zu werfen, kehrte Pedro de la Gasca so arm wie eine Kirchenmaus nach Spanien zurück.

Wer in der letzten Stunde nicht geschlafen hat, kennt die engelsgleiche Wirkung des Priesters im Waffenrock, den Karl V. zur Befriedung des Vizekönigtums Peru eingesetzte. Gasca betete mit seinen Feinden und hielt sie an, als gute Christen zu sterben. Das bedeutete, im Werk des Scharfrichters Gutes zu erkennen.

Mit den Konquistadoren kam die Gesellschaft Jesu nach Peru. Die Noblen von Quito vermachten den Missionaren fünfzigtausend Goldstücke. Hundert Jahre nach Gascas amerikanischer Mission agiert Nikolaus Ovale an der Spitze der Gesellschaft Jesu im Stil eines Rockers des Herrn. Die Reinheit seiner Absichten ist unbestreitbar. Er handelt mit Gott auf Erden seinen Platz im Himmelreich aus. Er betet ihm vor, was er alles tut für die fast verlorenen Seelen „der Eingeborenen“. Er erzieht eine Generation ehrgeiziger Halbspanier. Das ist eine Klasse für sich. Sie steht über anderen Kombinationen. Ihre Inferiorität im Verhältnis zu „blutreinen“ Spanier:innen erleben die Betroffenen als Tragik.

Die Spanier haben ihre legitimen Söhne von spanischen Importbräuten. Dieser Nachwuchs wird den gemischten Halbgeschwistern vorgezogen. Trotzdem hat es etwas zu bedeuten, Halbspanier oder sogar Halbedelspanier zu sein. Auf einer Skala der Reinheit von eins bis zehn ist jeder Halbspanier eine Zwei. In der Schule kann jeder Zweite Erster werden. Viele bombastische Unterschriften und Vertragstexte haben etwas mit solchen Dressuren zu tun.

Ovale verlangt nichts für sich, um die Reinheit seiner Absichten nicht zu gefährden. Er setzt lediglich eine Legion effektiver kolonialer Interessenvertreter in Gang. Ovale diktiert seine Gedanken. Hieronymus de Vargas nimmt das Diktat auf. Lehrer und Schüler sehen sich täglich.  Ovale und Vargas verehren die Lilie von Quito, eine charismatische Mystikerin „spanisch-aristokratischer Herkunft“ (Cornelius Kammschneider).

Mariana de Parédes y Flores ließ sich von Jesuiten leiten. Sie verweigerte den Schlaf zugunsten der Buße. Sie kasteite sich über jedes Maß. 1645 rang sie mit der Pest zu Quito. Die Seuche eiferte um die Wette mit einem Vulkanausbruch und einem Erdbeben. Die Lilie bat Gott, Quito zu beruhigen. Der Kasseler Reiseschriftsteller Kammschneider schrieb: „Mariana erkrankte bald nach ihrem Gebet, sofort schlich sich die Epidemie gebeugten Hauptes aus der Stadt. Das Erdbeben hatte ein Einsehen, und der Vulkan sattelte auf Spucknapf um.“

Im Zuge seiner Missionstätigkeit steigt Vargas bis zu den „Grenzen des ewigen Schnees“ auf. Er führt „aus Fiebertälern Entlaufene“ zurück, verstärkt von „übernatürlichem Beistand“. Belegt ist Vargas` „Gabe der Sprachen, so dass die I... seine Predigten verstanden, obschon er spanisch zu ihnen redete.“

Vargas steigt auch in der Kirchenhierarchie auf. Endlich dient er dem Bischof von Lima als Consigliere. Das ist ein Superjob mit hohem Stressfaktor. Die Kirche kämpft gegen Kolonisten, die Nicht-Weiße auf eine Stufe mit Maultieren stellen. Vargas beaufsichtigt die Beachtung von Bestimmungen zum Schutz „der I…freiheit und der religiösen Rechte von N…sklaven“. Er legt sich zu Verpesteten ins Bett und erzählt ihnen von der Heiligen Rosa, bürgerlich Isabella Flores, die sich ihren Eltern widersetzte, indem sie sich zu dauerhafter Jungfräulichkeit entschloss. Sie stellte eine Hütte in den Garten der Eltern und geißelte sich darin von früh bis spät. Die Haut verbrannte sie sich mit ungelöschtem Kalk.

„Herr, vermehre mein Leiden, aber auch meine Liebe“, betete sie. Dem Hüttenbau folgte die Errichtung des Klosters „der Katharina von Siena“. Rosa ging in die Krankenpflege. Blattschneider rühmt „die liebliche Gesichtsfarbe der Gesegneten.“ Sie rühre von Prozeduren mit der Rinde des „indianischen Pfeffers“.

„Als ihren Hauptfeind erkannte Rosa die ungeordnete Eigenliebe und erklärte ihr einen unerbittlichen Krieg. Demut, die vollkommene Verleugnung des eigenen Willens und kindlicher Gehorsam …“

„Da man Rosa mit Heiratsanträgen verfolgte, obwohl sie ihrem Heiland durch das Gelübde ewiger Keuschheit verlobt hatte (ja, verlobt steht hier) floh sie endlich ins Kloster.“

Die Rose von Lima, die Lilie von Quito … 1820 separierte sich unter Antonio José de Sucre und Simón Bolívar das nördliche Peru um Quito und schloss sich Kolumbien an, das Neu-Granada hieß und größer war als heute. Es entriss sich 1831 dem Bund und wurde Ecuador. Kammschneider: „Zu Ecuador gehört die merkwürdige Gruppe der Galapagosinseln, welche 1200 Kilometer von der Westküste entfernt unter dem Äquator liegt.“

Kammschneider machte sich über Kormorane lustig, die ihre Flugfähigkeit verloren hatten.

Briganten, Walfänger und entlaufene Sträflinge nutzten die Inseln. Dazu bald mehr.