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2024-02-10 07:35:28, Jamal

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Eisbäder der Lieblosigkeit

Sechs Tage nach seiner Geburt stirbt Williams‘ Schwester im Alter von drei Jahren. Die Eltern verbarrikadieren sich hinter einem Trauerwall. Sie isolieren sich in ihrem Schmerzuniversum. Wie ein Fremder wächst der Sohn in seinem Elternhaus auf. Täglich nimmt er Eisbäder der Lieblosigkeit. Ihn berühren nur die tauben Finger funktionaler Versorgung. Die Rosskur verhilft William zu einer profunden Genügsamkeit. Sie gibt ihm die Kraft, sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Der Einzelgänger entscheidet sich für den Mannschaftssport Basketball. William entwickelt sich zu einem fähigen Spieler und zu einem genialen Analytiker.

Ann Napolitano, „Hallo Du Schöne“, übersetzt von Werner Löcher-Lawrence, Dumont, Roman, 510 Seiten, 25,-

Seine aktive Laufbahn endet nach zwei Karambolagen auf dem Spielfeld. William konzentriert sich auf eine akademische Karriere. Er peilt eine Geschichtsprofessur in Chicago an. Er scheint auf einem guten Weg.

Das Glück trifft ihn in der Gestalt einer Kommilitonin. Julia verkörpert die durchsetzungsfähige, liebvoll-robust sozialisierte älteste von vier Schwestern. Sie entscheidet sich für William. Kurz wähnen sich beide am Ziel ihrer Träume. Dann erkennt jeder seinen Irrtum.

William verlässt seine gerade gegründete Familie. Er wird seine Tochter Alice nicht aufwachsen sehen.

Ann Napolitano erzählt so anrührend, dass ich gegen Aufwallungen ankämpfen muss. Die Sogwirkung ist enorm. An allen Ecken und Enden des Romangeschehens ergeben sich glänzende Volten. Die Geschichte schimmert wie ein Spinnennetz in der Sonne.

Die Mutter der Schwestern erlebt ihre Ehe mit dem weltflüchtigen Charlie als Desaster. Der Alltag schreddert ihre Träume. Erst Charlies Tod offenbart der Familie sein Potential als Helfer in der Not. Charlie ist das Nachleben eines Vorstadtheiligen vergönnt. Zumal alleinstehende Mütter erinnern sich an seine Unterstützung mit Verehrungseifer. 

Der Autorin gelingt es, Sympathien für ihre sehr unterschiedlichen Held:innen zu wecken, und dem Interesse an ihnen einen langen Atem einzuhauchen.

Der erratische William versagt vielfach. Er scheitert als Athlet und als Akademiker. Er ist eine gewaltige Enttäuschung für Julia. Doch nicht nur als Sportphysiotherapeut wächst er über sich hinaus. Seine mitunter wahnhaft anmutenden analytischen Spitzfindigkeiten helfen angehenden Basketball-Profis nicht an ihren körperlichen Schwachpunkten zu scheitern. William schafft „eine neue Infrastruktur der Warmherzigkeit“.

Aus der Ankündigung

Gemeinschaft und Zugehörigkeit kennt William Waters nur vom Basketballplatz. Das ändert sich, als er am College die temperamentvolle Julia Padavano kennenlernt und sich in sie verliebt. Er, der eine unglückliche Kindheit erlebt hat, erfährt, was es heißt, eine Familie zu haben. Denn Julia und ihre drei Schwestern sind unzertrennlich und ihre Eltern lange sehr präsent. William wird Teil des so herrlichen wie anstrengenden Chaos aus Liebe und Fürsorge. Zusammen überstehen die Schwestern den Tod des Vaters und den Weggang der Mutter. In allen Krisen geben sie einander Halt und erfreuen sich gemeinsam an Julias Glück mit William. Doch seine tiefe Einsamkeit wirft nicht nur Julias genau durchdachte Pläne für ihre gemeinsame Zukunft über den Haufen, sondern treibt auch die vier Schwestern auseinander – bis ein Schicksalsschlag ihren alten Zusammenhalt erfordert.

Zur Autorin

Ann Napolitano studierte an der New York University und unterrichtet heute an verschiedenen Universitäten Literatur. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift One Story und wurde im November 2019 für den Simpson/Joyce-Carol-Oates-Literaturpreis nominiert. ›Hallo, du Schöne‹, Ann Napolitanos vierter Roman, steht seit Erscheinen auf der New-York-Times-Bestsellerliste und war sowohl eine Empfehlung des Oprah-Winfrey-Book-Clubs als auch auf Barack Obamas Buchempfehlungsliste Sommer 2023 vertreten. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in New York/Brooklyn.