Das Verschwinden im Kontakt
Das Bewusstsein überzieht als neuronale Haut die alte Landschaft des Nervensystems. Unter ihr pocht das urzeitliche Leben weiter - die automatischen Rhythmen des Herzschlags, der Atmung, des Hungers, der Angst. All das trägt die Erinnerung an eine Welt, in der es noch keine Gedanken gab. Mit der Ausbreitung der Großhirnrinde kam die Selbstbezüglichkeit ins Spiel. Zum ersten Mal konnte ein Organismus nicht nur reagieren, sondern sich seiner Reaktionen bewusstwerden.
Das Bewusstsein formte keine neue Welt. Es begann, die alte zu sehen und erkannte, dass das, was in ihm denkt, selbst aus Schichten besteht: Reptiliengehirn, Säugetierhirn, Kortex, Neokortex - ein Organismus, der über seine eigene Vorgeschichte nachdenkt. In dieser Schichtung zeigt sich eine merkwürdige Spannung. Das Bewusstsein will verstehen, ordnen, erzählen. Doch seine Grundlagen sind nicht sprachlich, sondern rhythmisch, instinktiv, emotional. Jeder Gedanke ist durchzogen von Strömen, die tiefer reichen als Logik - von Atavismen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Die Kruste denkt, aber der Untergrund fühlt. Das Bewusstsein leuchtet, doch sein Licht stammt aus der Dunkelheit darunter. Das Erwachen des Bewusstseins ist kein Sieg über die Natur, sondern ihre feinste Fortsetzung - das Selbstgespräch der Erde.
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Finde den Punkt, wo Bewegung beginnt, ohne dass du etwas tust. Das ist Yi.
Wenn du deine Wirbelsäule, dein Becken, deine Schultern und deine Absicht verbindest, wirst du ein Bogen. Fajin – das ist das Loslassen des Pfeils.
Fù Zhōng (復中) ist dein Heimweg. Fù Zhōng ist das Gedächtnis deiner Mitte. Fù Zhōng zeigt dir, wie du dich neu zentrierst, wenn jede Form zerfallen ist und nichts bleibt, woran du dich festhalten kannst.
Das Verschwinden im Kontakt
Guten Morgen, Hei Long.
Heute führe ich dich zur zweiten inneren Bewegung. Ich erinnere meinen eigenen Anfang. Damals war ich nicht weniger ungeduldig als du. Ich wollte Technik, wollte Anwendung, wollte tun. Meine Meisterin schenkte mir nur Stille und Stand. Tag für Tag, morgens und abends, ließ sie mich stehen - ohne Chi Sau, ohne Formen, ohne Worte.
Formlos. Wortlos.
Eines Tages trat sie zu mir. Kein Gruß, kein Blick. Sie hob nur die Hand, berührte mit den Fingerspitzen mein Handgelenk - und in diesem Kontakt begann der Boden unter mir zu schwanken. Ich stand, und doch fiel ich. Ich fiel, und doch blieb ich stehen. So zeigte mir die Meisterin, wie man sich innerlich entzieht, ohne sichtbar zu weichen.
Die zweite innere Bewegung ist das Verschwinden im Kontakt. Sie ist schwerer zu fassen als jede äußere Technik, denn sie geschieht nicht, nachdem du etwas erkannt hast, sondern während der erste Impuls dich berührt.
Erkenne die Absicht vor der Bewegung.
Wir stehen in der Eder, das Wasser ist so klar, dass du jeden Kiesel schimmern siehst. Die Effekthascherei des Sonnenlichts im Wasserspiegel. Zwischen unseren Beinen schießen Elritzen wie silberne Pfeile hin und her. Du legst deine Hände an meine Unterarme, beinah ohne Druck, wie du es von mir gelernt hast. Dein ganzer Körper will mir folgen - das ist gut und sogar schön, aber heute lernst du, nicht zu folgen.
Ich weiß es noch nicht lange. Die Wahrheit ist, ich habe mich in dich verliebt. Ich bin deine Meisterin, du bist mein Schüler und mein Liebling. Ich genieße die Solostunden mit dir, mehr als du dir vorstellen kannst. Ich muss an mich halten, um die Sachlichkeit unserer Körperkontakte nicht einfach außer Kraft zu setzen.
Ich muss mich nicht fragen, ob ich dir gefalle. Ich sehe es in deinen Augen. Aber du siehst nicht, was du in mir auslöst.
Die zweite innere Bewegung
Der häufigste Fehler bei der zweiten inneren Bewegung ist, dass der Schüler zwar äußerlich aus der Linie geht, aber innerlich im Angriff hängen bleibt. Du erkennst es daran: Deine Aufmerksamkeit klebt am Kontaktpunkt. Du weichst zwar aus, aber innerlich verfolgst du immer noch den Schlag, statt den Raum zu fühlen. Deine Schultern halten unbewusst Spannung, als würdest du blocken. Die Lösung besteht darin, sofort den Faden der Aufmerksamkeit vom Angriff ins eigene Zentrum zu ziehen. Du gehst aus der Linie, als würdest du in das Kieselbett unter deinen Füßen sinken. Begreife den Kontakt nicht als ‚Punkt der Gefahr’, sondern als ‚Anker für Orientierung’. Erst wenn dir die innere Loslösung gelingt, kann die zweite innere Bewegung ihr Geheimnis entfalten - das Verschwinden im Kontakt.
Rückstoß aus der Leere
Meine Meisterin nannte die zweite innere Bewegung Fung Ying – das Abdunkeln des Adlers. Von außen sieht man kaum mehr als eine subtile Drehung im Becken.
Umlenkung der Kraft - Alles, was der Gegner bringt - Druck, Griff, Schlag - fließt in dein Zentrum.
Rückstoß aus der Leere - Du antwortest nicht mit Gegenkraft, sondern aus dem Moment, in dem nichts ist. Die Hemmung ist weg, und was geschieht, ist schnell, formlos, unerwartet.
Der Name „Abdunkeln des Adlers” kommt daher, dass du den Blick des Gegners verdunkelst. Er verliert den Zugriff auf dich, weil er nicht mehr spürt, wo du bist. Das ist der Kern dieser Bewegung. Du entziehst dich der gegnerischen Kontrolle, ohne dich räumlich zu entfernen.