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2025-12-31 07:52:27, Jamal

Barfüßige Frauen

„Nur wer barfuß geht, hört die Stimme des Waldes. Nur wer auf dem Erdboden schläft, kennt die Sprache der Wurzeln.“  

Ich war noch klein, als ich begriff, dass meine Großmutter ein besonderer Mensch war. Sie ging zu jeder Jahreszeit barfuß. 

„Wenn du die Erde nicht spürst, wirst du dich selbst verlieren“, sagte sie einmal, als ich meine Schuhe nicht finden konnte und heulend im Türrahmen stand. Heute glaube ich, dass sie meine Schuhe aus dem Verkehr gezogen hatte, um mich auf ihren Weg zu führen. Die Leute im Dorf nannten sie „die Nebelfrau“.
Yongping, mein Geburtsort, liegt in einem Tal in Süd-Yunnan. Da berühren die Berge den Himmel und der Nebel steigt morgens aus den Teeblättern. 

„Schuhe machen dich taub.“   

Meine Großmutter sagte, wer barfuß ginge, würde nicht nur gehen, sondern von der Erde gehört werden.

„Du denkst, du läufst über den Berg. Aber es ist der Berg, der dich trägt.“

„Das Leben ist keine Technik, Lin Mei. Es ist ein Strom. Wir dürfen ihn nicht stören.“

Sie ließ mich barfuß im Tau stehen, lehrte mich durch die Fußsohlen zu atmen.  

„Wenn du lauschst, kannst du hören, wie der Berg atmet. Und wenn du still bist, erinnert sich dein Blut daran, dass du auch ein Baum bist.“

Meine Großmutter sammelte Kräuter. Sie kannte die Wege des Körpers. Ihr verdanke ich meine Urszene, das Erlebnis einer zweiten Geburt. Sie initiierte mich. Sie lehrte mich, was sie täglich praktizierte. Sie war Bewegung. Wenn ich fragte, warum sie keinen Namen für ihre Übung hatte, lachte sie leise.

„Solange du einen Namen brauchst, hast du es noch nicht verstanden.“

Es war zuerst Qigong, hatte aber nichts mit dem zu tun, was ich später lernte. Als ich älter war, zeigte sie mir ihre Deutung von Taiji.  

„Ein Blatt wehrt den Wind nicht ab. Es fliegt mit ihm. Es tanzt den Wind.“

„Das Wasser fließt. Der Berg bleibt. Du bist beides.“ 

Sie zeigte mir, wie man Wasser schöpft, ohne es zu stören. Wie man ein Blatt pflückt, ohne den Zweig zu verletzen. Wie man atmet, als sei man Wind.

Heute bin ich selbst Lehrerin. Du nennst mich Meisterin Lin, aber in mir lebt jemand stiller, älter, barfüßiger als ich es bin.

Mein Name ist Lin Mei He. Ich bin der Pflaumenkranich im Wald. Ich habe meinen Namen von meiner Großmutter. Sie brachte mich zu Lian Hua. Sifu Lian zog mir die Energie aus der Brust, sobald ich unachtsam wurde. Sie war Weng Chun- und Wing Chun-Meisterin und hatte Wurzeln in White Crane. Mit sechzehn wurde ich auf ihre Empfehlung in einem Kloster in der Nähe von Quanzhou aufgenommen. Dort lernte ich Chan-Meditation, Schreiben mit Wasser auf Stein.

„Jede Technik will zurück ins Herz. Sonst ist sie leer.“

Ich blieb sieben Jahre. 

Warum Nordhessen, fragst du. Du wirst lachen, Hei Long. Ich kam ursprünglich als Nachfolgerin eines Qigong-Meister aus Zhejiang nach Deutschland. Er wollte sich zur Ruhe setzen und suchte eine Garantin der reinen Lehre für einen Kreis von wohlhabenden Schülern in einer ländlichen Gegend Deutschlands. Ich landete in Frankfurt, nahm einen Zug nach Kassel und fuhr mit dem Bus weiter. Mein Ziel war Edermünde. Versehentlich stieg ich eine Station zu früh aus. Es war April. Die Kirschbäume blühten. Ich ging zu Fuß. Der Weg führte mich zum Fluss. Ich sah das Wasser, hörte das Rauschen, roch das Moos, und wusste: Ich bin angekommen. Seitdem lebe ich hier. Und jetzt weiß ich auch warum. Du bist mein Grund, Hei Long.

Die Faust der kontrollierten Antwort

Ich führe nicht. Ich folge. Ich folge nicht. Ich zeige. Ich zeige nicht. Ich bin. Ich bin die Leere, in die du kippst. Die Leere ist Formlosigkeit mit Intention. Sie ist Nicht-Widerstand mit Richtung. Sie ist Bewusstheit ohne Ego.

*

Nei Jin ist die Fähigkeit, über fokussierte Aufmerksamkeit und innere Organisation gezielt muskuläre, fasziale und neuronale Prozesse zu aktivieren und zu steuern – häufig ohne äußere Bewegung.

*

Statt einen Schlag zu blocken, leitet der Übende die Angriffsenergie ab. Dabei helfen ihm Spiralbewegungen, Atemsteuerung und Gewichtsverlagerung. Er nutzt das Momentum des Angreifers gegen den Angreifer, schließlich ohne sichtbaren Kraftaufwand.

*

Der Gegner stößt vor, du weichst nicht aus, sondern öffnest dein Zentrum, nimmst die Energie auf und bereicherst dich in einer Situation, die alle anderen nur mit Verlust und Angst in Verbindung bringen.

Guten Morgen, Hei Long. Ich habe dich erwartet.

Die Sonne steigt langsam über die Baumkronen. Die Eder schimmert wie flüssiges Quecksilber. Wir stehen auf einer Kiesbank und ich spüre deine Entschlossenheit. Der Fluss atmet wie jedes Lebewesen. Ich würde das gern zu dir sagen, aber dann müsste ich vielleicht ausschweifen und dich metaphorisch einfangen und das will ich nicht. Ich liebe das Einfache und die Konkretion. Ich genieße unsere Momente der Wortlosigkeit. Du wirst nie erfahren, was du mir bedeutest. Wie selig du mich machst. Ich habe gelernt, mich zu verbergen.

In einer flachen Biegung des Flusses, da, wo sich das Tal öffnet, breitet sich unser Kiesbett aus wie ein Mosaik. Runde, glatte Steine - geschliffen von Jahrtausenden - liegen dicht an dicht, als hätten sie sich nach langer Reise zur Ruhe gebettet.

„Stabilität ist eine Illusion,” sage ich. „Wie der Fluss, so verändert sich alles ständig. Gong-fu beginnt im Fühlen.”

Kiesel bewegen sich unter deinen blanken Sohlen, kaum merklich, aber genug, um deine Mitte zu stören.

„Jeder Kiesel ist Teil eines Ganzen. Zwischen den Steinen fließt das Wasser. Du stehst auf den Steinen, die vom Wasser bewegt werden. In diesem Zusammenspiel entsteht ein Raum, in dem du lernst. Auch dein Gegner ist nicht das, was du siehst, sondern das, was du fühlst.”

Ich lasse einen Augenblick verstreichen. Für dich ist das ein Augenblick vor dem Training, dem du entgegenfieberst. Du verstehst noch nicht, dass wir längst im Training sind.

„Geologen nennen dies ein hochpermeables Sedimentbett”, führe ich aus. „Es schafft Habitate. Es bietet kaum Widerstand. Sei genauso durchlässig.”

Das Licht spielt auf Wasserwirbeln. Libellen schweben wie Ideenelfen auf der Oberfläche.

„Im Kiesbett”, sage ich, „lernst du nicht nur zu stehen, du lernst, einfach zu sein.”

Faak Sau

Heute führe ich dich in die erste vollständige Anwendung des Rückführens ein - eine Bewegung, die keine Technik wird, sondern verhindert, dass du die Mitte verlierst.

Der verborgene Radius - Faak Sau entsteht im Verlust und in der anschließenden Rückkehr zur Mitte.

Was bedeutet das?

Faak Sau ist keine Technik im üblichen Sinn, sondern Ausdruck eines Vorgangs. Du verlierst kurzzeitig deine Mitte und findest sie im Kontakt mit dem Gegner wieder.

Was geschieht im Moment des Angriffs?

Der Angriff bringt dich ‚nach außen’. Du wirst aus der Linie gedrängt. In diesem Moment ist deine Mitte scheinbar verloren. Du bist nicht mehr vollständig in deiner Struktur, du folgst dem Impuls des Angreifers. Doch genau in diesem Verlust liegt der Zugang zur Rückkehr. Du nimmst Kontakt auf. Du spürst die Richtung des Gegners, seinen Schwerpunkt, seine Absicht. Das Spüren erinnert dich: Meine Mitte liegt nicht außen, sondern innen. Du richtest dich neu aus - mit Hilfe der Gegnerkraft. Du nutzt das Momentum des Gegners, um deinen eigenen Körper zu re-organisieren. Du führst dich selbst zurück in Balance und so den Gegner ins Ungleichgewicht.

Der Verborgene Radius

In der klassischen Lehre unterscheidet man den Inneren Radius - deinen unmittelbaren Wirkungsraum, in dem du strukturell präsent bist und deine Kraftlinien intakt sind - vom Äußeren Radius - dem Bereich, in dem du reagieren musst, weil du nicht mehr steuerst, sondern geführt wirst. Das ist oft ein Raum der Kompensation. Man schlägt, aber man ist nicht mehr da. Der Verborgene Radius sagt: Dein Zentrum reicht so weit, wie du bewusst bleibst. Das ist eine tiefe Erkenntnis. Sie berührt den Wesenskern der inneren Kampfkünste. Der Verborgene Radius ist kein Raum, den du mit deinem Körper erreichst, sondern mit deinem Gewahrsein. Er beginnt dort, wo du eigentlich zu spät, zu schwach, zu weit entfernt wärst und es doch nicht bist. Weil du rückführst.

Wenn du in den äußeren Radius gedrängt wirst von Druck, Tempo, Schmerz, Täuschung, dann scheint deine Mitte verloren. Du fühlst dich aus der Linie katapultiert. Doch genau da beginnt der Moment der Rückführung.

Faak Sau 借力而返中 (die fremde Kraft nutzen, um ins Zentrum zurückzukehren), Gwaan Sau 合中 (die Mitte sammeln, ins Zentrum schließen) - diese Techniken enthalten das Prinzip der kontaktbasierten Re-Zentrierung. Du nutzt den Angriff nicht, um dich zu wehren, sondern um zurückzukehren.

Faak Sau entsteht, wenn du deine Mitte verlierst, aber nicht panisch wirst. Stattdessen nutzt du den Gegner als Spiegel und Kraftquelle, um deine Mitte bewusster und tiefer wiederzufinden. Das ist die Kunst der Wandlung.

*

Faak Sau entsteht in dem Raum, den der Gegner aufmacht, wenn er denkt, du seist offen. Du kämpfst nicht um Raum. Du bist Raum. Du kontrollierst nicht den Gegner. Du kontrollierst die Mitte. Sie ist deine Leere. Der Gegner kippt in deine Leere.

*

Wir stehen knöcheltief im Wasser. Ich gebe dir absichtlich unklare Energie. Mal Druck, mal Rückzug. Deine Aufgabe: Bleibe leer, finde die Rückkehr. Antworte mit einem Faak Sau, der sich in den Aktionen des Gegners entwickelt. Es geht nicht darum, etwas zu machen. Es geht darum, sich nicht im Weg zu stehen.

Faak Sau entsteht, wenn du den Fluss des Lebens nicht mehr störst.

Innere und äußere Wirkungsräume

Der verborgene Radius ist die Reichweite des Yi – der absichtslosen Präsenz. Wo das Gewahrsein ist, da ist das Zentrum – unabhängig von der Position des Körpers.

*

Der Unterbauch (Hara) ist dabei kein Gegenbegriff, sondern der körperliche Anker. Er trägt das Zentrum, aber er definiert es nicht. Das Zentrum entsteht erst da, wo Körper, Atem und Gewahrsein gekoppelt sind. Ohne Hara gibt es keinen Träger. Ohne Gewahrsein kein Zentrum.

Verliert man durch Druck, Tempo und/oder Schmerz das Gleichgewicht, scheint das Zentrum verloren. Genau hier beginnt die Rückführung. 借力而返中 (die fremde Kraft nutzen, um ins Zentrum zurückzukehren) beschreibt keinen technischen Kunstgriff, sondern einen Zustandswechsel. Man nutzt den Impuls des Gegenübers, um die Kopplung von Körper und Geist wiederherzustellen.

Wo 失中 (Zentrum verloren) eintritt, entsteht Bewegung ohne Ankunft. Man reagiert, kompensiert, folgt – der Körper ist aktiv, doch der Geist ist nicht da. Der verborgene Bereich jedoch ist 神到 (der Geist ist angekommen). Das Zentrum reicht so weit, wie das Gewahrsein reicht. Selbst dort, wo man zu spät, zu schwach oder zu nah wäre, bleibt man nicht verloren, weil man 返中 (Rückkehr ins Zentrum) vollzieht.

In der klassischen Lehre unterscheidet man Zustände des Zentrums. Im inneren Wirkungsraum sind die Bewegungen verbunden, die Persönlichkeit ist intakt. Das ist 中定.

Unter Druck entsteht oft ein Raum, in den man gedrängt wird. Hier reagiert man. Man bewegt sich, weil man muss. Man schlägt, kompensiert, sichert. Der Körper arbeitet, doch das Gewahrsein ist fragmentiert. Das ist der äußere Wirkungsraum – wiederum 失中.

Und dann gibt es etwas, das sich nicht eindeutig fassen lässt. Man ist zu spät, zu schwach, zu nah und doch ist man nicht verloren. Denn das Zentrum endet nicht dort, wo der Körper endet. Es reicht so weit, wie das Gewahrsein reicht. Das ist der verborgene Wirkungsraum: 神到.  

Die Rückführung (返中) ist dabei kein Wiederherstellen eines alten Zustands, sondern eine Neuorganisation im Übergang. Technisch äußert sich das als kontaktbasierte Rückkehr ins Zentrum. Man wehrt sich nicht gegen den Angriff – man nutzt ihn, um das Spiel mit Gleichgewicht fortzusetzen.

Faak Sau entsteht genau dort, wo die alte Ordnung nicht mehr trägt – und man dennoch nicht panisch wird. Man versucht nicht, Raum zu gewinnen, man gibt ihn auch nicht auf. Man bleibt leer (守虛). Der Gegner glaubt, man sei offen. Er glaubt, einen Vorteil zu haben. Er rückt auf – und kippt. Nicht, weil man ihn kontrolliert, sondern weil man die Mitte hält. Und die Mitte ist leer.

Im Westen spricht man an dieser Stelle von Struktur, Gleichgewicht, Linie, Zentrum, Intention, Integration oder Transformation. Diese Begriffe sind nicht falsch, aber sie suggerieren statische Zustände, die es nicht gibt. Gleichgewicht stellt sich nicht her, es ereignet sich immer wieder neu – ausgehend von Instabilität. Fragilität ist das Wesen des Gleichgewichts. Weil das schwer zu fassen ist, arbeitet man im Westen mit Beruhigungsbegriffen.

Stabilität ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Ewige Fragilität ist der Schlüssel. Sie zeigt, wo man sich ausdehnen, wo man nachgeben und wo man zurückführen kann.  

Der Gegner ist kein Feind, sondern eine Notwendigkeit. Ohne ihn existiert das Prinzip nicht: kein Druck, kein Impuls, keine Rückführung. Ein Gegner ist wie ein guter Freund – einer, der eine Aufgabe stellt, die man sich selbst nicht geben würde. Jede Bewegung des Gegners liefert Information, Kraft und Gelegenheit. Alles, was er tut, hilft dabei, besser zu werden.

Lau Ying

Fast alles, was uns ausmacht, entstand in der Ewigkeit vor dem Bewusstsein. Unsere Bewegungsmuster und unsere emotionalen Reaktionen sind Schöpfungen einer Zeit, in der kein Denken existierte. Sie liegen subkortikal gespeichert, in jenen Regionen des Gehirns, die wir mit den frühesten Wirbeltieren teilen. Dort befindet sich ein Archiv der geologischen Zeit. Die Erdgeschichte in uns – Schicht um Schicht, wie Sedimente aus Nervengewebe. Das Bewusstsein ist eine hauchdünne Kruste.

*

Hei Long, du bist gekommen. Der Morgen, die Bäume, der Fluss, das Kiesbett und ich haben dich gemeinsam erwartet. Ich sehe den Glanz deiner Haut, die Müdigkeit deiner Sehnen und dein unbeirrbares Herz.

Du bist da. Und das ist genug. Heute lernst du, wie du verschwindest und dabei wirkst.

Die Lektion vom Verschwinden: Lau Ying– Die fließende Form des Unsichtbaren

Lau Ying ist kein klassischer Gong-fu-Begriff und doch erfasst er eine Realität des Kampfes. Es ist das Prinzip, das dich nicht nur ungreifbar, sondern unbemerkt handeln lässt. Es wirkt resonant. Du verschwindest nicht, indem du dich entziehst, sondern indem du nicht da bist, wo man dich vermutet. Nicht in der Technik. Nicht im Widerstand. Nicht in der Absicht.

Schrittlose Bewegung

Wir beginnen im Kiesbett. Ich bewege mich auf dich zu, du weichst nicht aus, du bist einfach nicht da.

Wie du es richtig machst:

Du nimmst wahr, bevor der Impuls kommt. Du verlagerst dein Gewicht ohne sichtbare Bewegung. Du verlässt deine Form, ohne sie zu verlieren. Das nennt man: Körper-Stille bei Energie-Präsenz.

Du nimmst wahr, bevor der Impuls kommt. Du erkennst die Absicht vor der Bewegung.

Du nimmst mikroskopische Spannungsveränderungen im Atem, im Muskeltonus, im Raum wahr. Du spürst Intention, bevor Bewegung sichtbar wird.

Du verlagerst dein Gewicht ohne sichtbare Bewegung.

Das ist ein zentrales Element innerer Arbeit. Die Gewichtsverlagerung findet in den Tiefenstrukturen statt. Das sind Mikrobewegungen im Becken, spiralige Faszienspannung und Atemsteuerung. Dies ist der Kern von „moving inside while being still outside”.

Du verlässt deine Form, ohne sie zu verlieren.

Du gibst die starre Form auf, das äußere Bild. Aber du behältst die innere Struktur: Ausrichtung, Zentrum, Verbindung, Spannungsverteilung. Du bleibst im Prinzip (Formlosigkeit innerhalb der Form).Die Form ist ein Boot. Irgendwann steigst du aus und schwimmst.

Körper-Stille bei Energie-Präsenz

Innere Bewegung bei äußerer Ruhe. Energetische Wachheit im strukturellen Stillstand. Ting Jin (hörende Kraft) ohne Aktion.

Wir stehen in der Eder. Das Wasser ist kalt, der Grund instabil. Der Fluss zieht unaufhörlich an den Waden. Du stehst nicht fest, aber du fällst auch nicht. Dein Körper organisiert sich von selbst. Ich trete näher und lege meine Hand auf deine Schulter. Du weichst nicht aus. Du spannst dich nicht an. Du tust nichts. Statt einer Antwort lässt du den Kontakt nach innen sinken. Mein Impuls passiert dich. Meine Kraft findet keinen Widerstand, der sie organisiert. Sie verliert ihre Richtung. Sie wird schwer. Sie wird dein Gewicht, nicht dein Problem. Unsichtbarkeit entsteht nicht im Rückzug, sondern in deiner Unlesbarkeit. Verschwinden ist keine Technik. Es ist die anspruchsvollste Form von Gegenwärtigkeit. Nur wer nicht im Voraus sichtbar ist – nicht in Haltung, nicht in Absicht, nicht in Spannung – hat Zeit genug, nicht dort zu sein, wo man ihn sucht. Wenn du morgen wiederkommst, beginnen wir mit der ersten inneren Bewegung. Nicht sichtbar. Nicht erklärbar.

Nei Fa – Die innere Freisetzung

Unsere emotionalen Reaktionen sind Ergebnisse evolutionärer Anpassung - gebildet, geformt, verfeinert, lange bevor sich das Bewusstsein entwickelte. Die frühen Schichten des Menschseins liegen im Untergrund des Gehirns, dort, wo der Hirnstamm und das limbische System die ältesten Funktionen des Lebens sichern. Atmen, Hunger, Angst. Diese Regionen sind organische Fossilien. Sie bewahren Bewegungsmuster, Triebe und Affekte, die aus der Vorzeit stammen.

Über den subkortikalen Arealen erhebt sich die Großhirnrinde, der Ort des Bewusstseins, der Reflexion, der Sprache. Sie ist kaum ein paar Millimeter stark - eine Kruste aus Neuronen, die sich über den vorsintflutlichen Schichten des Nervensystems ausbreitet. Und doch ist sie es, die die Vergangenheit betrachtet, die in sich selbst zurückschaut und erkennt, dass sie auf uralten Strukturen ruht. Wenn wir handeln, fühlen, entscheiden, dann greift das Bewusstsein in dieses Arsenal. Kein Gedanke entsteht unabhängig von evolutionären Mustern. In jedem Impuls zuckt eine Flosse, die sich einst in den Schlamm eines devonischen Tümpels stemmte.

Guten Morgen, Hei Long.

Ich sehe dich und spüre deinen Ernst. Ich höre, wie dein Atem dich wachsen lässt. Im Schatten der Erlen ist das Licht gedämpft. Heute arbeiten wir an Nei Fa – der inneren Freisetzung. Ich erinnere mich, wie ich das erste Mal eine innere Bewegung verstand. Ich war hungrig und ungeduldig, so wie du jetzt. Ich trainierte Tag für Tag morgens und abends. Meine Meisterin ließ mich stundenlang stehen. Kein Drill, kein Chi Sau, keine Erklärungen.

Sie stellte sich vor mich, hob die Hand und legte nur die Fingerspitzen an mein Handgelenk.

Kein Druck. Kein Zwang. Trotzdem wurden meine Beine weich und der Atem stockte. Etwas in mir zog sich zurück, als hätte man in meinem Inneren eine geheime Falltür geöffnet, die ich bis dahin nicht kannte. Ich kippte - nicht nach hinten, nicht zur Seite, sondern in mich selbst. Aber da, wo ich zu fallen glaubte, war Raum. Ich war leicht, frei, unzerbrechlich.

„Meisterin, was ist das?” fragte ich.Sie lächelte nur:

„Kein Muskel. Kein Knochen. Nur das Feld.”

Dir dies zu offenbaren, selbst wenn es nur in Gedanken geschieht, fühlt sich an, als entblößte ich mich vor dir. Manchmal sehe ich uns beide in der Eder schwimmen, frei von allem, was uns trennt. Es gibt Momente, in denen ein Schüler seiner Meisterin etwas gibt, ohne es zu wissen. Ein Blick, eine Stille, ein unausgesprochener Gedanke. Nei Fa beginnt im Erkennen dessen, was sich nicht zeigt, und im Führen einer Bewegung, die keiner sieht, bis sie ankommt.

„Heute wirst du die erste innere Bewegung üben - das Zurückholen des eigenen Zentrums, während der Körper scheinbar noch in der alten Position verweilt. Du wirst im Wasser stehen, das dir bis zu den Knien reicht. Die Strömung zieht leicht an dir. Deine Füße sinken etwas in den Kies, und während du äußerlich still bleibst, wirst du innerlich die Struktur verschieben, als würdest du eine unsichtbare Linie vom Flussbett bis in dein Herz ziehen. Kein Muskel, kein sichtbarer Schritt - nur der Strom in dir.

Übe dies, bis du spürst, dass die Bewegung nicht mehr dir gehört, sondern dem Wasser. Erst dann, Hei Long, hast du sie verstanden.”

Die erste innere Bewegung ist ein Zurückführen ohne Zurückgehen. Das Einladen der fremden Kraft, bis sie wieder dorthin fließt, woher sie kam, nur dass der Gegner diesen Ort nicht mehr findet. In der äußeren Form sieht man vibrierende Fingerstöße und peitschende Ellenbogen. In der inneren Form sieht man nichts. Muskelkraft ermüdet, Internal Force nährt. Internal Force fühlt sich ‚richtig’ an, weil sie mit dem Körper arbeitet, nicht gegen ihn. Sie löst Widerstand auf, anstatt ihn zu brechen. Und sie verbindet dich mit etwas, das größer ist als Technik - einer stillen Quelle. Es geht nicht um nach vorn gerichtete Kraft, sondern um Kraft aus dem Rückholen. Wenn du ‚außerhalb’ bist, holst du nicht nur dich zurück, sondern auch die Energie des Gegners in dein Zentrum.

Sau Ying Jeung– die Hand, die Schatten einsammelt

Die Bewegung beginnt nicht mit dem Körper, sondern mit einer Entscheidung ... Viele verstehen Nei Fa als eine Technik der letzten Rettung. Kompensation nach Strukturverlust. Rückführung aus der Bedrohung. Doch das ist nur die äußere Schicht. Nei Fa beginnt dort, wo das Ich nicht mehr im Vordergrund steht. Nicht ich rette mich, sondern das Zentrum kehrt zurück zu sich selbst. Nei Fa ist die Kunst, aus dem Zerfall neue Ordnung zu erzeugen – und zwar im Vertrauen auf das Resonanzfeld des eigenen Seins.

Wir stehen im Fluss. Ich zeige dir eine scheinbar einfache Bewegung. Ein Zurückführen der Hand vom Rand zum Zentrum.

Was tust du?

Du hebst die Hand nicht. Du führst sie nicht technisch zurück. Du lässt sie erspüren, woher sie kam und störst nicht ihre Rückkehr.

Du entkoppelst dich von jeder Absicht. Du lässt die Form von innen entstehen. Du verstehst, die Bewegung war nie weg. Sie war nur überlagert. Du wirst leer im Arm - aber gegenwärtig im Zentrum. Die Rückführung ist kein Rückzug, vielmehr ein energetisches Heimkehren.

Warum ist das die erste Bewegung?

Weil alles von diesem Punkt ausgeht. Wenn du dich nicht selbst zurückholen kannst, bist du dem Außen ausgeliefert. Diese Bewegung macht dich unsichtbar und unbezwingbar zugleich, weil sie resoniert. Sie ist schwerer zu fassen als jede äußere Technik, denn sie geschieht nicht, nachdem du etwas erkannt hast, sondern, während der erste Impuls dich berührt.

Schritt für Schritt

Erkenne den Moment, bevor dein Körper reagiert. Nimm dich aus der Linie. Weiche nicht zurück. Fließe wie Wasser durch eine Lücke. Du lässt den feindlichen Impuls ins Leere laufen, aber bleibst mit deiner Mitte verbunden.

Kontakt im Unsichtbaren halten

Auch wenn meine Kraft dich nicht mehr drückt, hältst du den inneren Faden, als würdest du noch berührt. Das ist der ‚unsichtbare Griff’.

Rückkehr in den Raum

Aus dieser Position führst du deine Kraft in die Lücke zurück, die mein Angriff hinterlassen hat. Das geschieht ohne äußere Eile, innen aber blitzschnell. Die zweite innere Bewegung ist keine Flucht. Sie ist wie das plötzliche Verstummen eines Vogels im Wald. Der Raum verändert sich, aber niemand realisiert die Veränderung.

Wenn du das kannst, Hei Long, wird selbst ein starker Angriff dich nicht binden können. Du wirst nicht nur frei, du wirst unsichtbar wirkend.

*

Keine Eile. Keine Technik. Nur Rückführung und Präsenz.

Und während du das tust, frage dich:

„Wird mein Zentrum größer, während mein Arm zurückkehrt?”

Die Rückkehr zur Mitte als energetisches Prinzip

Du dachtest, du bist verloren. Aber du bist nur außerhalb deines Zentrums. Und der Weg zurück ist kürzer als ein Atemzug.

Nei Fa lehrt äußerlich Notfalltechniken, um aus einer gebrochenen Struktur zurück zur Mitte zu kommen. Innerlich überträgt Nei Fa dieses Prinzip auf deinen Geist und Körper: Nicht: Wie rette ich meine Position? Sondern: Wie bleibe ich zentriert, wenn alles auseinanderfällt - körperlich, geistig, energetisch?

Du reagierst nicht auf Technik. Du folgst nicht dem Gegner auf dem Pfad seiner Aktionen. Du spürst, wohin sein Zentrum sich verschiebt, und begleitest es dorthin, wo es sich selbst verliert.

*

Mein Zentrum ist nicht mehr fest. Es ist nicht da, wo du suchst. Es ist nicht zu zerstören, weil es nicht gebunden ist. Ich bin nicht da, wo dein Schlag endet. Ich bin schon da, wo dein Gleichgewicht endet. Ich berühre dich nicht, ich begleite dich nur ein kleines Stück in dein eigenes Kippen (über deine eigenen Klippen).

Verschwinden im Kontakt

Das Bewusstsein überzieht als neuronale Haut die alte Landschaft des Nervensystems. Unter ihr pocht das urzeitliche Leben weiter - die automatischen Rhythmen des Herzschlags, der Atmung, des Hungers, der Angst. All das trägt die Erinnerung an eine Welt, in der es noch keine Gedanken gab. Mit der Ausbreitung der Großhirnrinde kam die Selbstbezüglichkeit ins Spiel. Zum ersten Mal konnte ein Organismus nicht nur reagieren, sondern sich seiner Reaktionen bewusstwerden.

Das Bewusstsein formte keine neue Welt. Es begann, die alte zu sehen und erkannte, dass das, was in ihm denkt, selbst aus Schichten besteht: Reptiliengehirn, Säugetierhirn, Kortex, Neokortex - ein Organismus, der über seine eigene Vorgeschichte nachdenkt. In dieser Schichtung zeigt sich eine merkwürdige Spannung. Das Bewusstsein will verstehen, ordnen, erzählen. Doch seine Grundlagen sind nicht sprachlich, sondern rhythmisch, instinktiv, emotional. Jeder Gedanke ist durchzogen von Strömen, die tiefer reichen als Logik - von Atavismen, die sich nicht in Worte fassen lassen. Die Kruste denkt, aber der Untergrund fühlt. Das Bewusstsein leuchtet, doch sein Licht stammt aus der Dunkelheit darunter. Das Erwachen des Bewusstseins ist kein Sieg über die Natur, sondern ihre feinste Fortsetzung - das Selbstgespräch der Erde.

*

Finde den Punkt, wo Bewegung beginnt, ohne dass du etwas tust. Das ist Yi.

Wenn du deine Wirbelsäule, dein Becken, deine Schultern und deine Absicht verbindest, wirst du ein Bogen. Fajin – das ist das Loslassen des Pfeils.

Fù Zhōng (復中) ist dein Heimweg. Fù Zhōng ist das Gedächtnis deiner Mitte. Fù Zhōng zeigt dir, wie du dich neu zentrierst, wenn jede Form zerfallen ist und nichts bleibt, woran du dich festhalten kannst.

Das Verschwinden im Kontakt

Guten Morgen, Hei Long.

Heute führe ich dich zur zweiten inneren Bewegung. Ich erinnere meinen eigenen Anfang. Damals war ich nicht weniger ungeduldig als du. Ich wollte Technik, wollte Anwendung, wollte tun. Meine Meisterin schenkte mir nur Stille und Stand. Tag für Tag, morgens und abends, ließ sie mich stehen - ohne Chi Sau, ohne Formen, ohne Worte.

Formlos. Wortlos.

Eines Tages trat sie zu mir. Kein Gruß, kein Blick. Sie hob nur die Hand, berührte mit den Fingerspitzen mein Handgelenk - und in diesem Kontakt begann der Boden unter mir zu schwanken. Ich stand, und doch fiel ich. Ich fiel, und doch blieb ich stehen. So zeigte mir die Meisterin, wie man sich innerlich entzieht, ohne sichtbar zu weichen.

Die zweite innere Bewegung ist das Verschwinden im Kontakt. Sie ist schwerer zu fassen als jede äußere Technik, denn sie geschieht nicht, nachdem du etwas erkannt hast, sondern während der erste Impuls dich berührt.

Erkenne die Absicht vor der Berührung.

Wir stehen in der Eder, das Wasser ist so klar, dass du jeden Kiesel schimmern siehst. Die Effekthascherei des Sonnenlichts im Wasserspiegel. Zwischen unseren Beinen schießen Elritzen wie silberne Pfeile hin und her. Du legst deine Hände an meine Unterarme, beinah ohne Druck, wie du es von mir gelernt hast. Dein ganzer Körper will mir folgen - das ist gut und sogar schön, aber heute lernst du, nicht zu folgen.

Ich weiß es noch nicht lange. Die Wahrheit ist, ich habe mich in dich verliebt. Ich bin deine Meisterin, du bist mein Schüler und mein Liebling. Ich genieße die Solostunden mit dir, mehr als du dir vorstellen kannst. Ich muss an mich halten, um die Sachlichkeit unserer Körperkontakte nicht einfach außer Kraft zu setzen.

Ich muss mich nicht fragen, ob ich dir gefalle. Ich sehe es in deinen Augen. Aber du siehst nicht, was du in mir auslöst.

Die zweite innere Bewegung

Der häufigste Fehler bei der zweiten inneren Bewegung ist, dass der Schüler zwar äußerlich aus der Linie geht, aber innerlich im Angriff hängen bleibt. Du erkennst es daran: Deine Aufmerksamkeit klebt am Kontaktpunkt. Du weichst zwar aus, aber innerlich verfolgst du immer noch den Schlag, statt den Raum zu fühlen. Deine Schultern halten unbewusst Spannung, als würdest du blocken. Die Lösung besteht darin, sofort den Faden der Aufmerksamkeit vom Angriff ins eigene Zentrum zu ziehen. Du gehst aus der Linie, als würdest du in das Kieselbett unter deinen Füßen sinken. Begreife den Kontakt nicht als ‚Punkt der Gefahr’, sondern als ‚Anker für Orientierung’. Erst wenn dir die innere Loslösung gelingt, kann die zweite innere Bewegung ihr Geheimnis entfalten - das Verschwinden im Kontakt.

Rückstoß aus der Leere

Meine Meisterin nannte die zweite innere Bewegung Fung Ying – das Abdunkeln des Adlers. Von außen sieht man kaum mehr als eine subtile Drehung im Becken.

Umlenkung der Kraft - Alles, was der Gegner bringt - Druck, Griff, Schlag - fließt in dein Zentrum.

Rückstoß aus der Leere - Du antwortest nicht mit Gegenkraft, sondern aus dem Moment, in dem nichts ist. Die Hemmung ist weg, und was geschieht, ist schnell, formlos, unerwartet.

Der Name „Abdunkeln des Adlers” kommt daher, dass du den Blick des Gegners verdunkelst. Er verliert den Zugriff auf dich, weil er nicht mehr spürt, wo du bist. Das ist der Kern dieser Bewegung. Du entziehst dich der gegnerischen Kontrolle, ohne dich räumlich zu entfernen.