Erzählter Sex
Vermutlich braucht die Erzählerin, die Worte fühlt, eine doppelte Imago. Ein furioses Gehirn, das bis auf ihr Skelett durchgreift und sie erschauern lässt wie in einem englischen Roman aus dem frühen 19. Jahrhundert, und jemanden, der eine Einladung in eine Eisdiele so unschuldig aussprechen kann, dass die Erzählerin sich in der Vorstellung verliert, er könne, während er über Oscar Wilde spricht, einen Schenkel so berühren, dass sie Gefahr liefe, den Strohhalm in ihrem Eiskaffee zu zerbeißen.
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„Die Macht ist nicht im Sieg oder in der Unterwerfung, sondern in der Beherrschung des Spiels." Persephone Zu den Verpflichtungen umfassender Staatsführung gehören Suspendierungen der Vernunft so wie der Reinheit. Sind genug gute Münzen im Umlauf, darf aus royalen Beimischungen schlechter Münzen keine Staatsaffäre gemacht werden. Ein Volk allein mit vorbildlichem Verhalten zu beherrschen, kann nicht gelingen. Ovid sagt: Was nur aus Furcht vor Schande vermieden wird, ist schon getan. Eine Verfassung ohne trügerische Zugaben gibt es nicht, so Seneca. Um den Missstand zu überspielen, setzt man dem Mysterienspiel vom Ursprung alles zu, was ein einnehmender Prospekt braucht. Mit verdummenden Erzählungen und Verlegungen grundgesetzgebender Versammlungen in den Himmel lassen sich geduldige Gläubiger erziehen. Jeder Staat hält wenigstens einen Gott an der Spitze. Weiß der Staat nicht weiter, bemüht er seinen Gott (seine Götter). Cicero: Da bemühen die Tragiker ihre Götter, wo sie den Knoten nicht selbst lösen können. Nehmt jene ernst, die sich scheuen, sich etwasanvertrauen zu lassen. Mansoll das nicht schmutzig nennen, was notwendig ist.
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„Die drei teuersten Dinge, die ein Gehirn tun kann: den Körper bewegen, etwas Neues lernen, Unsicherheit aushalten." Lisa Feldman Barrett im Interview mit Nele Pollatschek in der Süddeutschen Zeitung
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„Karsten schwitzt seit ein paar Minuten auf mir herum." Helene Bockhorst
Leser: „Einen Moment bitte, ich wette, du warst nackt unter deinem Kleid bei dem Handjob im Hotel, aber dein Kollege hatte es zu eilig, näher darauf einzugehen."
Simone: „Du erzählst es, als wärst du dabei gewesen. So ergibt sich eine interessante Erweiterung. Während ich den Kollegenpenis stimuliere, nimmst du mich von hinten."
Leser (Minuten später): „Okay, ich bin wieder an Deck. Ich habe mich dir in deinem Büro vorgestellt. Ich sehe eine ohne Ende erregte Mittelklassepersönlichkeit, die sich nicht für den Pförtner und solche Leute interessiert. Also bin ich dein Chef und du findest mich so attraktiv, dass du denkst, mein Status wäre dir egal. Aber du bist sehr daran interessiert. Macht trifft Macht. Es muss immer eine intellektuelle Ebene geben. Entschuldigung, mein Telefon. Ich muss das Gespräch annehmen. Bis bald."
Sprachlustpartner
Grandiose Kaldera-Formationen prägen die Landschaft. Die erdgeschichtlichen Verwerfungsexzesse lieferten schlagartigen Entvölkerungsprozessionen malerische Kulissen. Touristen ergötzen sich am Verfall. Es gibt einen Ruinen-Hype. Alle Wege führen zu Hügelgräbern, japanisch Shōwa.
„Die Shōwa-Zeit ... bezeichnet ... die Regierungszeit des Tennō Hirohito, des dritten Kaisers der modernen Periode, vom 25. Dezember 1926 bis zum 7. Januar 1989." Wikipedia
In dem japanisch grundierten Chat steigen Simone und Gary in einem Luxus-Love-Hotel ab. Zum ersten Mal formieren sie sich in einer Phantasie als Paar. Sie sind verheiratet und holen ihre Flitterwochen nach, für die sie nach der Hochzeit keine Zeit hatten. Sie wollen über das Bewährte hinausgehen. Das ist reizvoll, da sie tatsächlich keine gemeinsamen Routinen haben außer dem Chat-Einerlei, das seinen größten Reiz aus der Monotonie zieht, mit der Simone schildert, was sie trägt und was sie ablegt.
Gary erzählt seine Geschichten und Simone reagiert indirekt und akkurat so auf den rein schriftlichen Erzähler, als erlebe sie seine Präsenz in einer kaum verfänglichen Tête-à-tête-Situation. Zum ersten Mal soll sie mit Gary erzählten Sex haben. Alles ist vertraut, nur der Ort nicht. Die Setting-Struktur kollabiert. Simone entschuldigt sich und steigt aus. Die Erschütterung ihrer Zuverlässigkeit als Sprachlustpartnerin macht ihr zu schaffen. Außerdem muss sie unbedingt kommen, sonst platzt ihr Schädel.