Die Nacht von Yucatán
Der Mensch überstand die Nacht von Yucatán als Maus unter der Erde. Er fürchtete sich in Höhlengängen. Er hatte es so weit gebracht, weil er als Beute den Sauriern unbedeutend erschienen war nach einer schlichten Kalkulation von Aufwand und Ertrag. Wie so oft drückte die Evolution nach einer Katastrophe die Resettaste und eine Minusvariante setzte sich durch. So kam es zum Triumph des Gramms über die Tonne.
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Das Nervensystem versagt nicht - es erfüllt seine Aufgabe, wenn es eine potentielle Leistung nicht freigibt.
Das menschliche Nervensystem ist kein Instrument zur Leistungsoptimierung, sondern ein Überlebenssystem. Es entstand nicht, um Ziele zu verfolgen, sondern um den Organismus am Leben zu halten. Diese Priorität ist tief in seiner Architektur verankert und prägt seine Funktionsweise bis heute. Die ersten nervalen Steuerungssysteme entwickelten sich vor über 500 Millionen Jahren bei einfachen Organismen. Ihre Aufgabe war die schnelle Umsetzung von Reiz in Reaktion. Gefahr bedeutete Spannung, Bewegung und Rückzug. Alles, was später hinzukam, basiert auf diesem Fundament.
Das Nervensystem ist hierarchisch organisiert. Subkortikale Strukturen wie Hirnstamm und Amygdala regulieren Atmung, Herzfrequenz und Muskeltonus und bewerten fortlaufend, ob eine Situation sicher oder bedrohlich ist. Die längste Zeit waren unsere Vorfahren Fluchttiere. Das menschliche Nervensystem ist daher primär auf Vermeidung, Rückzug und Schutz organisiert. Jagd, Aggression und zielgerichtete Konfrontation sind Überlagerungen, funktionale Erweiterungen eines Systems, das ursprünglich dem Entkommen diente. Ein zentraler Ausdruck dieser Schutzlogik ist die Regulation des Muskeltonus. Erhöhter Tonus stabilisiert, schützt und bereitet auf Gefahr vor. Wird diese Spannung chronisch, entsteht eine dauerhafte Hemmung der freien Bewegung. In solchen Zuständen überschreibt Muskelspannung die bewusste Absicht. Motorik folgt nicht dem Willen, sondern der Sicherheitslogik des Systems. Veränderung ist deshalb so schwierig, weil das Nervensystem kein Register für Einsicht hat, sondern nur auf parasympathische Impulse reagiert. Es orientiert sich ausschließlich an körperlich erfahrbarer Sicherheit.
Die Kommunikation mit dem eigenen Nervensystem ist eine kulturelle Grundkompetenz und sogar eine Form innerer Alphabetisierung.
Natürliche Technologien und Biologische Funktionssysteme
Instinkte können unsere Umwelt nicht „sehen”. Sie wähnen sich umgeben von Ungeheuern der Tiefsee, wie sie noch kein Mensch gesehen hat. Sie empfangen urzeitliche Gefahrensignale, während der Proband nach seinen kognitiven Begriffen nicht mehr riskiert als den temporären Verlust seiner Komfortzone.
Maximale Leistung deuten unsere Instinkte als Bedrohung. Atemsteuerung kann den Parasympathikus aktivieren und so die subkortikalen Schutzprogramme dämpfen. Spielerische Bewegungen aktivieren den Jagdmodus, ersetzen Angst durch Motivation und erzeugen Belohnungszustände. Graduelle Grenzerfahrungen und wiederholte Erfolgserlebnisse lehren das Nervensystem: maximale Leistung ist an dieser Stelle erlaubt und ungefährlich. Leistung entsteht, wenn das Nervensystem lernt, dass seine ursprünglichsten Schutzprogramme in der modernen Umgebung überflüssig sind. Die unsichtbare Bremse löst sich, Muskelspannung wird adaptiv, Gelenke bleiben beweglich - die Kraft fließt.
Um an einem anderen Punkt weiterzumachen:
Der Kontaktpunkt ist ein Schauplatz der Information. Kontrolle und Transformation finden im Raum um ihn herum statt.
Im Gong-fu wird nicht direkt am Kontaktpunkt operiert, sondern in dessen Nähe. Das hat vier Hauptgründe:
Früheres Spüren – Um den Kontaktpunkt herum lassen sich Richtungswechsel, Druckveränderungen und Intentionen schneller wahrnehmen. Man reagiert vorausschauend statt nachlaufend.
Hebelwirkung – Schon kleine Bewegungen wirken über den Unterarm oder Ellbogen stärker auf den Gegner, ohne Kraftverschwendung.
Flexibilität – Nähe statt Fixierung erlaubt ständiges Umlenken, Anpassen und den Erhalt des Flusses.
Strategie – Wer am Kontaktpunkt „klebt”, bekämpft Kraft mit Kraft. Wer in dessen Nähe bleibt, steuert Bewegung und Energie ohne Konfrontation.
Chi Sao (Klebende Hände) zeigt dieses Prinzip exemplarisch. Der Kontaktpunkt dient als Sensor. Die Kontrolle geschieht im Umfeld. So bleibt man weich, adaptiv und in der Initiative.
Liebe Lesende, bedenkt bitte, dies sind Lehrgeschichten. Sie sollen Inhalte vermitteln. Deshalb die sprechferne Diktion und die stupide Narration.
Aslan (aka Hei Long: so nannte ihn seine im Augenblick abwesende Meisterin) und Ariane übten Chi Sao. Sie standen bis zu den Knien in der Eder. Ihre Unterarme berührten sich beinah ohne Druck.
Zur Erklärung
Chi Sao trainiert taktiles Feingefühlen und Propriozeption. Selbst minimaler Kontakt aktiviert Mechanorezeptoren in Haut, Muskeln und Gelenken, die Informationen über Richtung, Geschwindigkeit und Druck des Partners liefern.
„Spürst du die Bewegungen in meinem Körper, Ariane?” fragte Aslan.
Die Frage zielt auf somatosensorische Wahrnehmung, die subtile Muskelbewegungen und Spannungsveränderungen erkennt.
„Ja, Sifu. Genau da, wo wir uns berühren.”
Ariane konzentriert sich auf den lokalen Punkt. Das entspricht der lokalen Haut- und Gelenkreizung, liefert jedoch nur Teilinformationen über die Gesamtbewegung.
Aslan schüttelte kaum merklich den Kopf.
Ein Hinweis, dass nur lokaler Druck nicht ausreicht - der Körper muss die gesamte Umgebung des Reizes erfassen, um effektiv zu reagieren.
„Der Punkt selbst ist nur ein Sensor. Wer dort Kraft aufbaut, setzt wie beim Tauziehen Kraft gegen Kraft. Spüre nicht am Punkt. Spüre um den Punkt herum.”
Der Punkt liefert Information, nicht Kraft. Direkter Druck erzeugt gegenseitige Muskelspannung, während das Spüren der Umgebung über Faszien, Muskeltonus und Propriozeption schnelle, adaptive Bewegungen ermöglicht.
Aslan variierte den Kontakt in einem unsichtbaren Spiel. Noch bevor Ariane es bewusst registrierte, hatte sich ihr Arm verschoben.
Das beschreibt unbewusste motorische Anpassungen. Spinale Reflexe und subkortikale Prozesse reagieren schneller als das Bewusstsein.
Die Strömung des Wassers schien jede Bewegung zu spiegeln.
Externe Umweltbedingungen (hier Wasser) wirken auf Gleichgewicht, Balance und sensorische Integration ein, was die Propriozeption weiter trainiert.
„Fühlst du, wie dein Körper reagiert, bevor du entscheidest?”
Bewusste Kontrolle ist oft langsamer als reflexive motorische Korrekturen, die durch somatosensorische Integration gesteuert werden.