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2026-01-06 10:50:04, Jamal

„Kunst ... ist wie ein Spiegel, der innere Landschaften beleuchtet, die wir längst kennen, ohne es zu merken." William S. Burroughs

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„Dass die tiefste kulturelle Revolution durch den Einzug der Marginalisierten in die Repräsentation ausgelöst wurde – in der Kunst, der Malerei, der Literatur, überall in den modernen Künsten, in der Politik und im sozialen Leben im allgemeinen. Unser Leben wurde durch den Kampf der Marginalisierten um Repräsentation verändert." Stuart Hall

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„Ich schlafe stets splitternackt auf teuren weißen Leinenlaken. Gestern hatte ich das Vergnügen, Pornos anzuschauen und in Kombination mit dem Betrachten des LinkedIn-Fotos meines Lieblingschefs zu kommen. Danach stand ich nackt im weißen Licht des Vollmonds auf der Terrasse meines Penthouses, tanzte ein wenig und wiegte mich in den Hüften. Ich genoss meinen Körper und war ich selbst. Wie fühlst du dich bei dieser Einweihung?" Simone

„Mein liebster Leser, danke für so viel Aufmerksamkeit. Ich weiß, wie du mich nennst, wenn du an deinem Schreibtisch wichst, während du Fotos anstarrst, die du von mir im Internet gefunden hast. Was für eine Kloake deine Seele ist. Aber mir ist es recht. Du nennst mich Schlampe und dabei läuft dir das Wasser im Mund zusammen. Ich könnte dich zu allem zwingen. Habe ich nicht schon die volle Macht über dein Leben? Ich sage dir, was du auf deinem Lieblingsfoto siehst. Ich trage eine halbtransparente schwarze Corsage mit floraler Spitze. Ich stehe in Strapsen, Strumpfhalter und Spitzenhöschen vor dir. Jetzt drehe ich mich um. Ich beuge mich ein wenig vor. Das ist alles, was ich tun muss. Ich verwöhne dich mit dem Anblick meines Hinterns. Mit meinem Hintern kann ich Häuserkaufen. Dein jämmerlicher Ausfluss in ein Küchentuch wird dir nicht helfen,meinen Hintern aus dem Kopf zu bekommen."

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Für Simone ist jede sexuelle Interaktion so schön wie die Narration, die den Akt bekränzt. In einem bettwarm-schläfrigen Augenblick im letzten prä-pandemischen Sommer assoziiert sie ein prestige-prächtig geschmücktes, frisch aufgeworfenes Grab. Sie sieht sich auf einer großbürgerlichen Beerdigung mit berühmtem Trauerredner. Simone sitzt neben Cornelius, er schiebt eine Hand unter ihren Po und das löst genug aus, um komplizenhaft aufzurücken.

Überall drohen die Fallstricke des Mechanischen. Ein falsches Wort, dessen Redundanz offenbart, wie unverbindlich der Sprecher zur Sache kommt, verkürzt die erotische Startbahn so, dass Simone nicht abheben kann.

Ein wortlos durchgeturnter, orgastisch finalisierter Akt bleibt eine trostlose Angelegenheit. Etwas kann öde sein und trotzdem mit einem Orgasmus enden. Die Lust hat ihr eigenes Alphabet, jeder muss noch einmal von vorn anfangen, sobald er sich selbst gegenüber persönlich werden möchte.

Spießerin der Unmoral

Charles Baudelaire nannte George Sand eine „Spießerin der Unmoral". Er unterstellte ihr die Urteilstiefe einer „Gardienne". Darüber würde Simone kein Wort verlieren, wäre es nicht Baudelaire gewesen, der, so erklärt es Hans Mayer, „die Dialektik von Skandal und bourgeoiser Gleichschaltung im Fall George Sand" aufdeckte.

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Aurora und Leopold von Sacher-Masoch sind gefragte Leute. Leopold steht als Skandalautor hoch im Kurs. Die originellsten Köpfe der Epoche pilgern zu dem Schreibritter nach Graz, ohne sich an dessen bodenständigen Überspannung zu stören. Bodenständig, so formuliert Simone, weil der räumliche Radius des Erotomanen einen stabilen Gegensatz zu seinen literarischen Ausschweifungen bildet. Das urbane Zentrum der Steiermark ist viele Jahre der Dreh- und Angelpunkt eines Autors mit europäischer Ausstrahlung.

Aurora begegnet Alberta von Maytner, die unter dem Pseudonym Margarethe Halm publiziert. Mit merkwürdigen Begründungen vermeidet die Schriftstellerin den öffentlichen Verkehr. Im Sommer ist es zu heiß, im Herbst zu kühl, im Winter zu kalt. Das Frühjahr bleibt in der Aufzählung außen vor.

Kälte macht „hässlich". Besuch empfängt Maytner im Schlafzimmer. Ein mit Mullbahnen verhangenes Bett fungiert als pièce de résistance. So sagt es Aurora. Sie findet Maytner „noch ... hübsch genug".

Im Bett trägt die Ultrahäusliche ein „Hofkleid ... (mit) ungeheurer Schleppe".

„Ihr schwarzes Haar, das drei Tage in der Woche in Wickeln schmachten musste, war jetzt frei und flutete ihr in graziösen Wellen über den Rücken."

Maytner betrachtet sich als Stammmutter einer neuen Menschheit. In ihrem Schlafzimmer empfängt sie göttliche Sendungen. Der angenehm skeptischen Aurora versucht sie esoterisch den Mund wässrig zu machen; während Leopold der Verstiegenen nach dem Mund redet. Ihm kann kein Mensch zu irre sein.

Zu den ausgefallensten Persönlichkeiten in Leopolds Dunstkreis zählt die Lektorin und Übersetzerin Anna-Catherine Strebinger. Sie lässt sich „selbst gekaufte Blumen oder selbst aufgegebene Telegramme ins Theater bringen", um sie mit großartigem Erstaunen entgegenzunehmen.

Aurora nennt sie Kathrin. In Österreich erscheint Anna als Inbegriff einer Französin, obwohl sie das mit einem bayrischen Vater in dem aufgeheizten Postbellum-Klima nach 1871 so wenig sein darf, dass ihr Dauerverlobter, der leidenschaftliche Anti-Bonapartist und zeitweise als französischer Präsidentschaftskandidat gehandelte Marquis de Rochefort, von seinen Parteigänger vor die Wahl gestellt wurde, von Kathrin zu lassen, oder aber die Unterstützung seiner Partei zu verlieren.

Das referiert Simone in der Gegenwart ihres persönlichen Sprachmeisters. Er sitzt an ihrem Uni-Schreibtisch mit freiem Blick auf die Institutslinde vor dem Fenster. Sie kniet neben ihm und genießt gemeinsam mit ihm seine Aussicht auf ihre Brüste. In einer Phantasie ist Cornelius der Mann, dem Simone auf ewig gewogen sein darf. Die Einsicht zieht ihr den Magen zusammen, sie bekommt es mit der Angst zu tun.

Sie hört sich sagen: „Ich lass' dich nie mehr los."

Am liebsten würde sie fürderhin nur noch ein reizendes Bild abgeben. Simone will ein unauslöschlicher Teil von Cornelius' innenweltlichen Bildergalerie werden. Er soll sie nie mehr aus dem Kopf kriegen. Für später merkt sie sich den Satz: Wir haben unsere Erregung verbraucht und sehen uns nun mit scheuen Augen an.

Wie gesagt, das ist eine Phantasie. In Wahrheit gleicht Cornelius einem Vulkan, den nur die Instinktlosesten für erloschen halten. Manchmal cruisen sie gemeinsam in Simones restauriertem 68er-Mustang GT Fastback ... und Cornelius sieht auch ein bisschen so aus wie Steve McQueen als Lieutenant Frank Bullitt in der legendären Verfolgungsjagd auf den Straßen von San Francisco ... durch die hessische Savanne. Sie erreichen eine Aue in einem Fuldatal. Simone glaubt zu träumen, so blau liegt der Grüne See in der Grundmoränenlandschaft. Der See füllt eine través de glaciares, eine niedliche glaziale Rinne. Buben singen böse Lieder an seinem, von urweltlichem Wurzelwerk geäderten Ufer. Ihre Bestien liebäugeln mit Fahrradfahrerwaden.

Jetzt vermisst Simone die Ungezwungenheit eines Mannes, der sich darauf verlassen kann, dass die Frau neben ihm Sex mit ihm will, da sie sein Potential als ihre Beute betrachtet.