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2026-01-07 17:42:02, Jamal

„Das stimmte genau zu dem, was mir Sacher-Masoch selbst über sein gegenwärtiges Leben schrieb, und da er mir in seinen Briefen versicherte, dass die Korrespondenz mit mir ihm alles ersetze, was er bisher an Zerstreuungen gehabt habe, war ich nahe daran, mir einzubilden, dass ich Einfluss auf ihn gewonnen habe." Wanda von Sacher-Masoch

Erotische Horizonterweiterung in Räumen des Grauens

Die komplex gedrechselten Handläufe im Rathaus von Ederthal sind eine Sehenswürdigkeit. Sie enden in einer Sphäre, die dem öffentlichen Verkehr nur nach Absprache zugänglich ist. Der Volksmund spricht von „Räumen des Grauens“. Der reißerische Anklang transportiert keine Übertreibung. Zwei Rathauskammern bergen Interieur und Equipment einer verbürgten Folterkabinetts. Die peinlichen Befragungen der Inquisition fanden auch in Ederthal statt, den protestantischen Landesherrn (seit Philipp, dem Großmütigen) zum Trotz. Sina kennt den Schauplatz seit ihrer Kindheit. Sie trägt ein schwarzes Satin-Camisole und einen geschlitzten grauen Kaschmir-Bleistiftrock. Das Abbigliamento kontrastiert Meister Masarus maßgeschneiderten Mao-Anzug. Sina spricht stark an auf Masarus Stimme, sein expressives Deutsch, die Mulden und Hügel seiner Aussprache.

„Jetzt und hier“, verlangt sie. Sie braucht drei egoistische Minuten.

Masarus sieht den martialischen Kram zum ersten Mal. Ich zähle auf: ein Kniestuhl, eine Streckbank, diverse Zangen und Halseisen so wie das Schwert des „Marschbacher Köpfers“ zu einem Ensemble des Grauens (siehe „Ederthtal im Spiegel der Geschichte“ von Diana von Pechstein. Gefördert von der Stiftung „Weltweites Hessen“.) Der Köpfer soll ein auf eigene Faust operierender Gerechtigkeitsfanatiker des 17. Jahrhunderts gewesen sein. Die landesherrlichen Scharfrichter kamen aus Kassel nach Ederthal, um zu köpfen oder zu hängen. Komplizierte Übergänge vom Leben zum Tod wurden anderenorts vor größerem Publikum exekutiert. Neben dem Gruselkabinett erhält man in einem Verschlag eine Monstrosität aus der Abteilung Jahrmarktssensationen. Erzählungen von Moorleichenfunden erfahren ihre Anschaulichkeit in naiver Bebilderung. Es gibt eine Vitrine mit Spangen, Fibeln, Kämmen und Klingen und es gibt den Stuhl des Novgorod-Fahrers mit der Jahreszahl 1412 als ein in Stunden nicht zu begreifendes Schnitzwerk. Zärtlich führt Sina Masarus Finger über das legendäre Stuhlrelief. Tändelnde Finger verfolgen die Konturen eines Mannes im Knöpfrock. Er trägt Barett und Schnabelschuhe. Sein zum Gürtel reichender Bart ist geteilt und geflochten.

Jahrhunderte stand die Moritat in der Marienkirche den Nachkommen eines Weltmannes zur unbequemen Verfügung. Bis das Fernsehen kam, reichte das Gedächtnis der Gemeinde weit in die Vergangenheit. Da war ein Ederthaler Gotthilf beinah noch als Kind Reisenden nachgelaufen bis Stralsund. Er fand ein Auskommen auf See und wurde Mitglied einer Hansa (nicht der Kaufmanns- und Städtekooperation Hanse). Hansa ist ein germanisches Wort für Gemeinschaft. Verlor man die Zugehörigkeit, war man verhanst. Gotthilf sammelte im Kategatt Hering ein, der so üppig aufkam, dass man ihn mit den Händen greifen konnte. Er kehrte heim mit einem zum Aufspüren von Wildhonig abgerichteten Bären. Der Bär könnte auch ein großer Hund gewesen sein. Gotthilf lehrte die Jagd mit stumpfen Pfeilen auf wertvolle Pelztiere in der russisch-skandinavischen Art. In seinem Bericht erschienen Magnaten in Gewändern von mongolischer, via Venedig nach Pommern geschaffter Seide. Gotthilf zählte zu jenen, die mit einem Freibrief der Mecklenburger Herzöge die maritime Großmacht (und Haupterbin der Warägerexpansion) Dänemark auf der Ostsee geschädigt hatten. Ihre Kriegsschiffe nannten die Hanseaten Friedenskoggen.

Das und noch viel mehr erzählt Diana von Pechstein als Privatdozentin in ihren Vorlesungen an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität. Sie ist zudem Sinas Cousine, Nichte der Bürgermeisterin und die Fremdenverkehrskoordinatorin von Ederthal. Geradezu fürstlich residiert sie im Rathaus. Diana füllt Tagebuchseiten mit ihren Erlebnissen, die seltsamer nicht sein könnten. Mit den flüchtigsten Bekannten beginnt sie E-Mail-Konversationen, die oft nicht aufhören, wenn sie - jedes Mal mit der gleichen Freude - darauf hinweist, dass sie gerade ihr Höschen ausgezogen hat, und zwar - das ist wichtig - extra für die Person, die sie schriftlich anspricht. Das Schreiben ist notwendig, um ein gewisses, keineswegs unübertroffenes Vergnügen zu destillieren. Wir reden von einer Variante. Aber sehen wir uns diesen Punkt noch einmal im Detail an. An manchen Tagen amüsiert und erregt sich Diana im Verhältnis zu drei lüsternen Brieffreunden. Sie könnte die Passage an einer Stelle kopieren und an zwei einfügen. Sie könnte sich viel Schreibarbeit sparen, aber darum geht es nicht. Es geht darum, jedes Mal neu zu schreiben: Ich habe gerade mein Höschen ausgezogen, ich habe es für dich getan. Du siehst mich auf meinem Bürostuhl sitzen. Soll ich das Kleid über meinen Hintern ziehen? Gefällt dir die Idee, dass mein Chef hereinplatzt und den fadenscheinigsten Grund für sein Erscheinen vorbringt, den man sich vorstellen kann? Er starrt auf mein Dekolleté.

Diana ist sich nicht bewusst, wie kompromittierend solche Mitteilungen in einer Welt ohne Privatsphäre sind, in der jeder ausgeschlafene Zwölfjährige weiß, wie er seine Nachbarn effektiv ausspionieren kann. Wenn ein Mann so unhöflich ist, dass er solche expliziten Kommentare fragwürdig findet, hält Diana ihn für einen Spielverderber.

Sie trägt ein hautenges ärmelloses Wickelkleid mit einem verschlungenen Muster auf nachtblauem Grund.

„Kunst lebt vom Zwang und stirbt an der Freiheit“, sagt André Gide. Man lockt das unbekannte Wesen auf der anderen Seite des Geschehens aus seinem sozialen Schneckenhaus, indem man sich ein paar Freiheiten herausnimmt. Der Mensch, mit dem Diana gerade spricht, befindet sich auf der amerikanischen Seite des Atlantiks und hat keine Ahnung, wie das Leben in Dianas Kleinstadt ist. Nennen wir ihn Gary. Er arbeitet in einer Behörde, aber wir dürfen nicht sagen, in welcher. Im Internet kursieren Fotos von ihm. Auf einem zweiten Bildschirm sieht Diana Gary auf einem Golfplatzfoto. Es zeigt Lässigkeit und Reichtum, aber auch etwas, das darüber hinausgeht... vielleicht so etwas wie maritim konnotierte Markigkeit.

Gary ist jedenfalls auch Segler. Diana braucht Männer, die eine Hotelrechnung, egal in welcher Höhe, gleichgültig begleichen. Gary sieht aus wie so ein Prachtexemplar. Starkes Kinn. Gute Zähne. Große Hände. Ein prahlerischer Egoismus steht ihm auf die Stirn geschrieben.

Er sieht aus, als könne er den Ozean im Galopp überqueren und einfach hereinschneien, ein Boss in XXL, unbeschwert, unerbittlich, selbstverständlich durchgreifend.

Sein Blick überbrückt den Abstand zwischen Kontinenten. Er sitzt an einem Computer in Washington. Es besteht eine berufliche Verbindung, der die private Nutzung des Equipments zuwiderläuft. Diana bittet Gary, die Skype-Funktion auszuschalten.

„Ich möchte mich von deinen Worten berühren lassen. Stell dir vor, es sind Hände oder was auch immer, so weit sind wir noch nicht, ich meine, ich bin immer zu schnell, das kostet mich so viel. Also, bitte, bau es langsam auf.“

Bitte schreib mir. Schreib meinen geheimen Namen richtig. Im Gegenzug mache ich dich zu meinem König. Diana sagt das vorsichtshalber nicht, obwohl sie es gerne sagen würde. Es laut auszusprechen ist ein Vergnügen, es aufzuschreiben das nächste.   

*

Um ein subtiles Angebot zu unterstützen, trägt Nora Lippenstift auf. Sie verschiebt den Hemdkragen so, dass es aussieht, als gäbe sie versehentlich etwas preis. Sie kalkuliert die Abweichung von ihrer Performancelinie mit einem Lustgewinn. Das Hemd gehörte Amos, mit dem sie in der Wüste Sinai war. Diana trägt es als Hommage. Mit Amos hat am Ende fast nichts geklappt, aber da war doch etwas ... eine goldhaltige Ader im Erz; eine Bonanza, die leider nicht ausgebeutet werden konnte.

An einem anderen Tag

Erotisch lebt Diana in einer visuellen Echokammer. Zehnmal hat sie im „Reich der Sinne“ gesehen. Sie surft auf Wellen der Simulation. Das lebhaft wirkende Exemplar einer Wildkatze in ihrem Wohnzimmer, die geräumige Abgeschiedenheit ihres Dachbodens, wo sich bereits jemand erhängt hat, das Sonnenfeuersymbol als Holzschnitt im verschleierten Stil des abstrakten Expressionismus … Dianas Vorstellungen von Geborgenheit grenzen ans Verschwörerische. Sie kennt sich mit Waffen aus. Ihre bevorzugten erotischen Szenarien haben mit Sport zu tun.

Es bedeutet ihr viel, dass Branwell denselben Namen trägt wie der einzige Bruder der Schwestern Charlotte, Emily und Anne Brontë. Branwell Brontë war ein begabtes Irrlicht. Er litt unter Polytoxikomanie.

Diana hat das Gefühl, jedes Organ sei in den Dienst der Sexualität gestellt. Sie lockt Branwell an allen vorbei in den toten Flügel der im Mittelalter erbauten Universität. Der Spielraum ist endlos, ein gewaltiges Refugium, doch Diana will die Enge einer wilhelminischen Toilettenkabine. Die männliche Automatik. Diana widersteht dem Druck. Dessen technische Umleitung ist Chi Sao. Diana kontrolliert das Geschehen. Sie erlebt, was sie erleben möchte.

Sie schmiegt sich an Branwell. Dir gebe ich mich mit Leib und Seele hin, flüstert sie ihm in Gedanken zu. Eine unbeschreibliche Freude beherrscht sie. Dianas Körper ist eine einzige perfekt stimulierte erogene Zone.  

Zur gleichen Zeit an der Eder

Ein Graureiher schweigt reglos im Fluss. Ein Eisvogel schießt über den Spiegel, ein blitzender Splitter aus Azur und Kupfer. Das kaum kniehohe Wasser schimmert effektvoll, es spiegelt flirrende Hitze. Kleine Wirbel, flüchtige Signaturen der Strömung, bilden sich hinter polierten Kieseln, die in einem von Schieferplatten unterbrochenen Buntsandsteinbett liegen. Der Bundsandstein markiert eine Zeit vor mehr als 240 Millionen Jahren, als das Edertal ein Wüstenbecken der Trias war. Die Schieferformationen bezeugen das Devon und sind fast doppelt so alt. Sie erzählen von einer ozeanischen Totalität voller Korallenriffe, Ammoniten und Panzerfischen.

Wüste, Meer und eine Zwischenzeit von 160 Millionen Jahre. Das Tal verdankt sich keiner Gletscherformung, sondern einem älteren Erosionsgeschehen. Ariane von Schauenburg hat sich am Vortag mit der Vermutung vorgewagt, das Edertal sei in der letzten Eiszeit (Würm-Kaltzeit, vor ca. 115.000 - 11.700 Jahren) entstanden. Sie ist ein Geschöpf der Gegend, umso peinlicher fand sie Gions Belehrungen. Während der letzten Eiszeit lag Nordhessen am Rand des Eisschilds. Damals herrschten Periglazial-Bedingungen - Frostwechsel, Schuttflure, Schmelzwasser, Lössablagerungen.

Für Ariane ist Gion ein Wissender und ein Erwachter. Sie behilft sich mit einem Jargon aus dem Esoterik-Discounter und einer eher fadenscheinigen Argumentation, auch um die Absichten ihres Mentors vor sich selbst zu verschleiern. Es geht nicht darum, dass Gions Interesse an Ariane so wenig vornehm war wie das Interesse anderer Männer. 

Die Monotonie der Verehrungsgesänge. Das ist alles furchtbar langweilig. Gions Spielräume erlauben es Ariane, in ihm einen besonderen Mann zu sehen. Er schenkt ihr einen neuen Blick auf die Welt. Die Kiesel unter ihren Sohlen sind Archive des Klimas, geschliffen von Zeit. In Gions Gegenwart realisiert Ariane erdgeschichtliche Ausblicke, die ihr bis beinah heute an Ort und Stelle stets entgangen sind.