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2026-01-10 08:44:49, Jamal

„Sie gab ketzerische Äußerungen über Ehe und Mutterschaft von sich, denen der Schießpulvergeruch persönlicher Einsichten anhaftete." Rachel Cusk

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„Nach der Handicap-Hypothese haben die Männchen mit den auffälligsten Farbtrachten schon deshalb gute Chancen bei den Weibchen, weil sie noch am Leben sind." Axel Buether

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"The sight of a feather in a peacock's tail, whenever I gaze at it, makes me sick." Charles Darwin

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„Amotz und Avishag Zahavi beschreiben die Grundgedanken des Handicap-Prinzips als ‚ganz einfach: Vergeudung kann sinnvoll sein, weil man dadurch schlüssig zeigt, dass man mehr als genug besitzt ... Gerade der Aufwand ... macht die Aussage zuverlässig.'" Wikipedia

Geschliffene Wälle

Simone versorgt Cornelius mit Erregungsmaterial. Das ist kein Altruismus, sie überlässt der Konkurrenz keinen Zentimeter. Die Wälle sind geschliffen. Jetzt baut Simone ihre Befestigungen aus. Cornelius ist in jeder Hinsicht wertvoll. Millionär von Geburt. Ein Gelehrter. Seine Art, sich sozial zu bewegen, verhehlt seine Vorsprünge. Die Dynamik des Reichtums auf seiner Seite und Simones gediegener Background befeuern den Sex. Simone ist dies ein bisschen peinlich.

Ihrer Liebe zum stummen Zwiegespräch frönt sie in allen akademischen Settings. Sie schreibt: Wir sind Meister der Manifestation. Wir schöpfen aus Phantasie und Wirklichkeit. Wir bauen etwas, das perfekt für uns ist. Rote Rosen sollen es für uns regnen (Hildegard Knef). Für uns gibt es kein Prêt-à-porter. Wir machen es nicht unter Haute Couture. Wie willst du mich, gerade jetzt? Du weißt, ich kann dir nicht widerstehen. Gegen meinen Willen bewegt sich meine Hand zu meiner Muschi. Es ist ein magischer Vorgang. Das übersteigt meine Selbstbeherrschung. Ich sitze hier tropfnass in einem Raum mit dreißig Leuten. Die Phantasielosigkeit stinkt. Die geistige Armut stinkt.

Cornelius' Antwort ist ein fader Aufguss seiner leidenschaftlichen Ausbrüche. Ist eine unangemessene, geradezu beleidigende Reaktion auf Simones Verausgabungsbereitschaft und ihrem Willen, Cornelius auf die Spitze ihrer Pyramide zu stellen und ihn da anzubeten.

Wir machen es kurz und klären einfach auf. Seit einigen Stunden belastet Cornelius die späte Einsicht, dass Simone ihn jederzeit denunzieren kann. Plötzlich erkennt Simone den Grund für die Krise ihres persönlichen Sprachmeisters. Mit Vorsicht kann sie überhaupt nichts anfangen. Sie sehnt sich nach seinen Worten, so wie sie am Anfang kamen, ungefiltert, angstfrei, überflutet von Hormonen.

„Ich lege mein Leben in deine Hand, um dich zu beruhigen", schreibt sie am späten Nachmittag. Beide sind im selben Institut an unterschiedlichen Orten. In einer halben Stunde wollen sie zusammen Käsebrötchen essen. Die Betreiberin der Cafeteria ist berühmt für ihre Käsebrötchen und ihren Kakao. Die Studierenden lieben Frau Schneider.

Lass uns weiterspielen, bettelt Simone in Gedanken, Cornelius beißt sofort wieder zu. Die Antwort kommt so prompt wie sein Vertrauen.

„Und wenn ich dich von hinten nageln will."

Simone antwortet zufrieden:

„Dann machst du es genau so, und ich werde mich daran noch erinnern, wenn ich eine alte Schachtel bin und niemand mehr das mit mir machen will."

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Begegnet Marcel Prousts Baron Charlus jemand mit der unangenehmen Vertraulichkeit eines gottlos-geschwätzigen Kirchgängers, knickt der Vornehme stets ein, bevor ein Elender seine Messe der Peinlichkeit auf Charlus' Kosten fertiggelesen hat.

Wäre ich Junggeselle, würde ich ... sagt so einer. „Sie verstehen es gewiss besser als ich, ein paar Matrosen anzuspitzen."

Charlus reagiert allergisch auf Allusionen solcher Indezenz. Eribon konstatiert: „So kann der Baron glauben, dass er nichts von seinem Laster verrät, während sein Geheimnis doch allen bekannt ist und ihn Sarkasmen ... aussetzt."

Charlus fühlt sich von seiner eigenen Diskretion geschützt. Eve Kosofsky Sedgwick spricht von einem „gläsernen Versteck" und charakterisiert die Recherche im Ganzen als ein „Schauspiel des Verstecks". Die Recherche verhandelt die permanente Inferiorität, in der Charlus stellvertretend für seinen schwulen Schöpfer Proust steckt.

Auch Cole weiß sich in einem gläsernen Versteck. Persephone kann ihn jederzeit bloßstellen, während er nichts gegen sie in der Hand hat. Ihre sexuelle Abenteuerlust ist ein gedeckter Scheck. Egal, was sie tut, es ist okay ... es ist weibliches Empowerment.

Entsagung und Stillschweigen

Befindet sich Cole nicht in der Lage eines Verdammten im 19. Jahrhundert? Wäre er klug, würde er Zuflucht zu Entsagung und Stillschweigen nehmen. Im Kampf mit Simone gelangt er niemals zu der heilenden Kraft, die in ihm ihren Ursprung hat, aber ihren Weg so nimmt, dass sie den gesellschaftlichen Affront verstärkt. So wie Charlus seine Waffen gegen sich selbst richtet, so richtet sich Cole im Verhältnis zu Persephone. Er gleicht einem Objekt, das zu dem Zweck hergestellt wurde, sich in die Luft zu sprengen. Jede Anstrengung, die Sexualität mit dem Sozialen zu versöhnen, entfaltet negative Wirkungen auf einem Minenfeld der Injurien. Jean Genet übertrifft alle Theoretiker, indem er das Wesentliche der isolierenden Scham auf den Punkt bringt: „Nicht nur kommt keine Tradition dem ... (Homosexuellen) zur Hilfe. Keine hinterlässt ihm ein System von Maßstäben ... sein Wesen wird als Anlass empfunden, sich schuldig zu fühlen."