Phonetischer Hochmut
Die Verheißungen von Academia waren wahr geworden. Persephone war nun eine Kongresspersönlichkeit. Sie hielt Vorträge, die über ihr Fach hinaus Beachtung fanden. Sie schlug Angebote aus. Sie wollte in G. bleiben, Professorin werden und schließlich den Fachbereich leiten. Wie gesagt, sie entstammte einem Professorenhaushalt, für sie war eine Universität ein wabenförmiges Gebilde, in dem sie gleichzeitig Biene und Imkerin sein konnte. Zwei Konferenzen lagen zeitlich und räumlich so nah beieinander, dass Persephone zwischen den Schauplätzen zu pendeln beabsichtigte. Ein Liebhaber, von dem noch nicht die Rede war, begleitete sie zur ersten Station. Die zweite erreichte sie allein, angeblich nach einem finalen Streit. Ich war ihr vorausgeeilt und holte sie am Bahnsteig ab. Wir gingen sofort aufs Hotelzimmer. Champagner lagerte im Badewanneneisbad.
Wir bewegten uns auf einer bewährten Route, darauf achtete ich. Ich benetzte Persephones Bauchnabel. Sie sollte nicht glauben, dass ich ihr etwas nachtrug. Niemand verstand sie besser als ich. Wir kamen beide aus Rostock. Wir waren aufgewachsen mit den Erzählungen von den ersten Westreisen unserer Eltern, noch unter dem Eindruck, nicht zu wissen, „wo Italien liegt". Geprägt hatte uns die elterliche Entwurzelung und Erbitterung und das Gefühl, in undurchsichtigen Verhältnissen die Fahne des Anstands auf dem Fundament einer Erziehung zur Gemeinschaftlichkeit hochzuhalten. Dazu kam eine manchmal orgiastische Erotisierung von Verlusten in tribalistischen Verherrlichungsszenen einer verlorenen Zeit. Plötzlich spürte ich eine Erschütterung. Eine Erregung in den Elementen empfing ich als nachdrückliche Warnung. Persephone verstand die Aufregung nicht, sie war sich ihrer Liebe vollkommen sicher, so wie sie sich keine zwei Wochen später ganz sicher war, dass zwischen uns nichts mehr sein konnte. Zwischen den Sätzen „Ich folge dir, hörst du?" und „Wir werden uns nicht wiedersehen" lagen am Ende nur zehn Tage.
Redlichkeit vermutete Persephone nur im Osten. Sie hielt den Westen für eine Flitterbude. Sie fand sich ganz besonders ehrlich, ihr Wesen war die reine Unschuld. Andererseits existierte der Topos des Verrats an der eigenen Herkunft.Kurz nach der letzten Trennung, Persephone war übers Wochenende bei einer Konferenzbekanntschaft gewesen, besuchte ich sie in ihrem Büro in Iron Thunderbolts Thinktank. Sie war da als Expertin schlechthin akkreditiert. Ich kannte den Blick, mit dem Persephone mich empfing. Sie regredierte zur Zwölfjährigen, die sich mittags den Schrecken ausmalt, der sie nachts als Alptraum ereilt. Sie unterstellte mir, nur deshalb vorbeigekommen zu sein, um „zu prüfen", wie sie aus dem Wochenende hervorgegangen war. Ich machte mir nicht die Mühe, Persephone vom Gegenteil zu überzeugen. Ich ging einfach.Sie rief nachmittags an, sie musste mir etwas sagen, aber nicht am Telefon. Wir trafen uns in einem Lokal, in dem sie schon ein paar Mal Schluss gemacht hatte. Darauf wies ich hin. Sie behauptete, das nicht bedacht zu haben. Sie wollte noch ins Kino, das hatte sie einem Amadou versprochen. Nie ersparte sie mir die Namen.
Wieder ging ich grußlos ab und fuhr hundert Kilometer durch Mecklenburg und Vorpommern, um mich zu beruhigen. Nachts klingelte ich Sturm. Ich irrte, weil ich für ausgeschlossen hielt, dass sie nicht da war. Sie kam dann um die nächste Ecke. Wir sahen uns an wie Feinde. Mein Leben war ein Fetzen, mit Persephone war in diesem Augenblick auch nicht viel mehr los. Wir kapitulierten einfach nur noch einmal vor der Macht des einen über den anderen. Ohne Freude. Ohne Vertrauen. Wir Träumer waren füreinander harte Brocken geworden.
Persephones Perspektive
Du hast es so gesehen und keine andere Deutung zugelassen. Du glaubtest, alles im Griff zu haben. Ich sage dir, wie du dich wahrnimmst. Ich komme aus einem guten Stall, ich habe eine gute Ausbildung, einen guten Kopf. Ich kenne alle und alle kennen mich. Ich hätte mehr aus mir machen können als Sportler, aber beruflich habe ich keinen Millimeter verschenkt. Das stimmt auch alles. Bloß ist das nicht mehr als eine Schliere auf der Windschutzscheibe im Vergleich mit Superpower-Verbindungen. Menschen wie ich führen zwei Leben. Einerseits sind sie in der Gesellschaft und tragen sich da so vor, dass manche denken, was türmt die sich so auf. Den meisten entgeht diese Dimension. Sie registrieren den hohen Status, den selbstbewussten Auftritt, die guten Klamotten. So oder so triggert sie der phonetische Hochmut. Sie vernehmen die Appelle der Hochsprache und stehen unbewusst stramm. Sie sind Untergebene von Geburt. Das wird ihnen nie klar. Sie sterben mit einem falschen Gefühl von Gleichheit. Mein anderes Leben führe ich in einem Land der Geister. Dahin führt ein Traumpfad - Songline - mir ist da alles vorgeschrieben. Meine Freiheit erschöpft sich in einer wahnsinnigen Daseinsfreude. Ich kann jederzeit eine tiefe Vorstufe dieser Ebene erreichen und mich gesteigert erleben. Das ist viel für einen Menschen, aber wenig gemessen daran, was überhaupt möglich ist. Auch die Geister haben eine Welt. Ich sage alles so einfach wie möglich. Das habe ich von Zuträgern gelernt. Das sind Trainer, Masseure, Physiotherapeuten, Osteopathen, Musiker, Dichter, Bade- und Turnhallenmeister, Studiobetreiber und Extremsportler. Sie sind Medien der Macht. Aus ihnen bauen die Meister Batterien so wie man Rechner zusammenschaltet, um digitale Nervenzentren kollabieren zu lassen. Sie generieren eine Kraft, die sie selbst zu keinem Zeitpunkt haben. Einige wirken geistig schwachbrüstig und seelisch fadenscheinig. Bei manchen leuchtet ein kleines Licht. Man ahnt ein Glück im Winkel; etwas unter bizarren Umständen Gelungenes. Ihre Rollen im großen Netzwerk begreifen sie nicht. Jeder Adept geht durch eine Schule, deren Lehrer etwas unterrichten, dass sie sehr gut beherrschen, ohne das große Fach überhaupt zu kennen. Sie sind blind wie geblendete Ochsen, die man einst an Mühlräder kettete. Kommt man ihnen zu nah, nimmt man einen unangenehmen Geruch wahr, als wäre eines ihrer Glieder vor langer Zeit eingeschnürt worden und in der Fessel verrottet. Möglich, dass nur ich und andere Dienerinnen eines Meisters diesen Gestank wahrnehmen. Es tut mir nicht leid, das sagen zu müssen. Du hattest nie eine Chance. Wenn CC wollte, dass ich in der Schlucht einer Differenz zwischen deinen und seinen Möglichkeiten abstürze, dann ließ mich er manchmal drei, vier Mal hintereinander die Bodenlosigkeit erleben. Für dich war ich dann wie von Sinnen, während ich in Wahrheit, hochgeschaltet auf einen dir unbegreiflichen Grad der Luzidität, etwas Neues lernte. So wie Ameisen Läuse in einer Trutzgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil melken, so werde ich von CC gemolken und beschützt. Ich lebe unter einer unsichtbaren Abdeckung. Männer rennen dagegen wie gegen eine transparente Wand.
Das Herrschaftsalphabet
Die Schwarze Bar, das Gogol, der Kerker. Persephone und Asim kreuzen gemeinsam auf. Persephone trägt Rock und Stiefel. Ich verliere gleich den Verstand. Vor Ablauf der Nacht wird Asim Persephones Rock heben. Das erlebt Persephone gern schon im Treppenhaus. Wortlos setzt sie mir die Pistole auf die Brust. Entweder du akzeptierst die Situation oder ich verkleinere ihren Rahmen so, dass für dich darin kein Platz mehr ist. Ich bin blind vor Wut. Anstatt Persephone zu fragen, warum sie es nötig findet, mit einem Mann auf einem unserer Plätze zu erscheinen, sorge ich für das leibliche Wohl.
„Was trinkst du?" frage ich Asim. „Persephone brauch ich das nicht zu fragen."
Asim schmeckt die Fürsorge nicht.
„Schon okay", sagt er. „Ist 'ne Scheißsituation. Nicht nur für dich. Aber Persephone wollte unbedingt."
Friß Vogel oder stirb. Ich bitte Persephone um fünf Minuten unter vier Augen, sie folgt mir. Wir stehen mit Sicherheitsabstand voreinander.
„Ich werde dich nie aufgeben", sage ich.
„Ich weiß", antwortet sie. In ihren schwarzen Augen glimmt der Hass. „Ich weiß, dass ich dich am Hals habe."
Ich schließe die Augen, um den Schmerz besser ankommen zu lassen. Ich rauche mir ein Loch in die Lunge.
Ich luchse Persephone einen Abend ab, mit der Absicht, ihr Honig ums Maul zu schmieren. Der klebt dann hoffentlich noch, wenn ein anderer dran ist.
Es ist für mich immer noch unvorstellbar, dass Persephone mit anderen verkehrt wie mit mir. Eine selbstverständliche Begleiterin. Eine Freundin, die dich beim Essen fragt: „Schmeckts dir."
*
Persephone erscheint als Mädchen von bald achtundzwanzig Jahren.
Persephone sagt: „Wenn du willst, bleib ich bei dir."
Sherry vor Kötters Küchenkneipe, Persephone stellt fest: „Es ist immer noch sehr schön hier."
Auf dem Heimweg pisst sie zu meiner Freude in den Hof der Firma Reifenberg.
Ich treffe mich mit Persephone bei Asim im Atelier. Seine finnische Assistentin trägt ein Kostüm im Bolerostil. Ihre Handtasche ist mit japanischen Schriftzeichen bedruckt. Asim erklärt, dass sie als schreibendes Modell in Zukunft gefeiert werden wird. Ein Verehrer hat extra für sie einen Verlag gegründet. Asim bestellt Pizza. Der Bote nennt ihn Chef. „Chef, wo soll ich abstellen."
Asim behauptet, dass ihm üble Nachrede folgt. Die Frauen empören sich unisono. Ich entferne mich in eine stille Montagehalle und rauche auf einer Drehbank.
Persephone erscheint kompetent wie eine Zahnärztin. Ich habe ihre volle Aufmerksamkeit. Als wolle sie mitschreiben. Nur einmal hebt sie anzüglich eine Braue.
*
An manchen Abenden wähnen wir uns am Rand der Welt. Wir erfinden Spiele. Wir treffen uns so, dass auffällt, wie wenig an uns hängt. Da sind keine Kinder und keine hinfälligen Eltern, deren Versorgung an den Nerven zehrt. Wir haben nur unsere Leidenschaften und unsere Vorurteile. Jeder verbreitet sich über seine Kindheit, als könnte noch einmal von vorn anfangen, wer nur genug Phantasie darauf verwendet.
Nun erscheint es mir nicht mehr genauso selbstverständlich wie früher, Verwandtschaft zu haben und die Aussicht darauf, ein Erbe geschwisterlich teilen zu können. Ich besuche meine Eltern. Ich würge an jedem Satz.
...
Asim schläft zwischen Persephone und mir. Ich stelle mir uns als in ein irres Dienstbarkeitsverhältnis gezwungenes Geschwisterpaar vor. Über Asims Leib berühren sich unsere Finger an den Spitzen. Persephone hebt den Kopf, damit ich meine Hand ihr auf die Stirn legen kann, für einen Augenblick. Ich sehe ihre Verwirrung und bin untröstlich.
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Sie richtet Parmesan und Oliven an. Sie gießt Öl auf den Käse. Wir äsen wie jede friedliche kleine Herde nach dem Herrschaftsalphabet. Asim residiert in Persephones Bademantel, sie sitzt unglaublich schön im Unterrock da. Asim redet und ich schweige.
Ich habe den Tisch abgeräumt. Persephone fängt mich im Korridor ab und zieht mich in das kleine Zimmer, das sie nach ihrem Einzug zuerst bewohnte. Damals teilten sich drei Männer die Wohnung, denen Persephones Gesellschaft gelegen kam. Die Männer sind weg. Ich nenne mich nachlässig, weil mir die freundliche Übernahme lange nicht mehr gegenwärtig war.
Persephone redet mit mir, als sei sie vernünftiger als ich. Als müsste mir etwas klargemacht, eine Verständnislücke geschlossen werden. Mit sirrender Stimme. Ich höre Vorfreude, die Unternehmungslust einer Frau, die sich einem anderen animierend mitteilen soll.