Lustsporen
Nora ist eine Kongresspersönlichkeit. Sie hält Vorträge, die über ihr Fach hinaus Beachtung finden. Sie schlägt Angebote aus. Sie will in Ederthal bleiben und ihren Fachbereich leiten. Sie wäre dann die erste Sprachmeisterin. Das ist ein historischer Titel für den Dekanatsvorstand des Germanistischen Seminars. Nora entstammt einem Professorenhaushalt, für sie ist eine Universität ein wabenförmiges Gebilde, in dem sie gleichzeitig Biene und Imkerin sein kann. Zwei Konferenzen liegen zeitlich und räumlich so nah beieinander, dass Nora zwischen den Schauplätzen zu pendeln beabsichtigt. Sten begleitet sie zur ersten Station. Die zweite erreicht sie allein, angeblich nach einem finalen Streit. Albrecht ist ihr vorausgeeilt und holt sie am Bahnsteig ab. Sie gehen sofort aufs Hotelzimmer. Champagner lagert im Badewanneneisbad.
Nora zieht sich gern in Hotelzimmern aus. Auch in dieser Konstellation bewegt sie sich auf einer bewährten Route. Albrecht misst zwei Meter. Er ist ein Typ wie Kretzsche Kretzschmar. Sein Fetisch ist die manuelle Stimulation seines Penis von einer promovierten Brillenschlange mit überquellend-tropfenförmigen Brüsten. Ein Geschöpf, das sich in der Academia bewegte wie eine aufrecht gehende Eidechse im vietnamesischen Dschungel. Albrecht zweifelt nicht an der Existenz von Aliens und Reptilien. In Vietnam wurde erst vor wenigen Jahren in einer zehn Kilometer breiten und vierzig Stockwerke hohen Höhle ein unterirdischer Dschungel entdeckt. Das Refugium beherbergt ein komplettes Ökosystem mit Sandstränden an einem Fluss, eigenen Wolken, halbautonomer Flora und Fauna und bis zu achtzig Meter hohen Stalagmiten. Zwei Karstkrater sorgen für Sonnenlicht. Fossiler Fledermausguano liefert natürlichen Dünger. Forscher entdeckten dort Amphibienarten und die Vu Quang-Antilope. Die Sơn Đoòng-Höhle liegt im Nationalpark Phong Nha-Kẻ Bàng nahe der Grenze zu Laos.
Von jeher schöpft Albrecht aus dem Vollen. Seinen größten Coup landete er mit der Aufdeckung mafiöser Strukturen in Mecklenburg-Vorpommern. Kolumbianische Kartelle nutzten bereits die DDR als sicheren Hafen. Die Polizei beschlagnahmte tonnenweise illegale Waren, und Pablo Escobars Motto „plata o plomo – Silber oder Blei“ - entweder du nimmst Bestechungsgeld an oder du wirst erschossen - landete unter den Top Ten der Ahrenshooper Slogan-Olympiade. Biedere Rauschgifthändler bezogen Quartier an der Ostsee. Kleine, dicke Männer traten auf, die wie Pinguine watschelten und das Gehabe von verschlafenen Bürgermeistern an den Tag legten. Sie ließen sich und ihre Familien von britischen Söldnern bewachen. Gemächlich versuchten sie, die kolumbianische Justizministerin Mónica de Greiff zu töten. Auf ihren Kopf war ein Preisgeld von zwei Millionen Dollar ausgesetzt. Die Lebensspanne der Politikerin war Gegenstand einer Wette.
Albrecht benetzt Noras Bauchnabel. Sie soll nicht glauben, dass er ihr etwas nachträgt. Niemand versteht sie besser als Albrecht. Sie kommen beide aus Rostock. Sie sind aufgewachsen mit den Erzählungen von den ersten Westreisen ihrer Eltern, noch unter dem Eindruck, nicht zu wissen, „wo Italien liegt“. Geprägt hat sie die elterliche Entwurzelung und Erbitterung und das Gefühl, in undurchsichtigen Verhältnissen die Fahne des Anstands auf dem Fundament einer Erziehung zur Gemeinschaftlichkeit hochzuhalten. Dazu kam eine manchmal orgiastische Erotisierung von Verlusten in tribalistischen Verherrlichungsszenen einer verlorenen Zeit. Plötzlich spürt Nora eine Erschütterung. Eine Erregung in den Elementen empfindet ich als nachdrückliche Warnung. Albrecht versteht die Aufregung nicht, er ist sich ihrer Liebe vollkommen sicher, so wie sie sich keine zwei Wochen später ganz sicher sein wird, dass zwischen ihnen nichts mehr sein kann. Zwischen den Sätzen „Ich folge dir, hörst du?“ und „Wir werden uns nicht wiedersehen“ liegen am Ende nur zehn Tage.
Redlichkeit vermutet Nora nur im Osten. Den Westen hält sie für eine Flitterbude. Sie findet sich ganz besonders ehrlich, ihr Wesen ist die rein-ge***te Unschuld. Andererseits existiert der Topos des Verrats an der eigenen Herkunft.
Aus Noras Aufzeichnungen
Du hast es so gesehen und keine andere Deutung zugelassen. Du glaubtest, alles im Griff zu haben. Ich sage dir, wie du dich wahrnimmst. Ich komme aus einem guten Stall, ich habe eine gute Ausbildung, einen guten Kopf. Ich kenne alle und alle kennen mich. Ich hätte mehr aus mir machen können als Sportler, aber beruflich habe ich keinen Millimeter verschenkt. Das stimmt auch alles. Bloß ist das nicht mehr als eine Schliere auf der Windschutzscheibe im Vergleich mit Superpower-Verbindungen. Menschen wie ich führen zwei Leben. Einerseits sind sie in der Gesellschaft und tragen sich da so vor, dass manche denken, was türmt die sich so auf. Den meisten entgeht diese Dimension. Sie registrieren den hohen Status, den selbstbewussten Auftritt, die guten Klamotten. So oder so triggert sie der phonetische Hochmut. Sie vernehmen die Appelle der Hochsprache und stehen unbewusst stramm. Sie sind Untergebene von Geburt. Das wird ihnen nie klar. Sie sterben mit einem falschen Gefühl von Gleichheit. Mein anderes Leben führe ich in einem Land der Geister. Dahin führt ein Traumpfad - Songline - mir ist da alles vorgeschrieben. Meine Freiheit erschöpft sich in einer wahnsinnigen Daseinsfreude. Ich kann jederzeit eine tiefe Vorstufe dieser Ebene erreichen und mich gesteigert erleben. Das ist viel für einen Menschen, aber wenig gemessen daran, was überhaupt möglich ist. Auch die Geister haben eine Welt. Ich sage alles so einfach wie möglich. Das habe ich von Zuträgern gelernt. Das sind Trainer, Masseure, Physiotherapeuten, Osteopathen, Musiker, Dichter, Bade- und Turnhallenmeister, Studiobetreiber und Extremsportler. Sie sind Medien der Macht. Aus ihnen bauen die Meister Batterien so wie man Rechner zusammenschaltet, um digitale Nervenzentren kollabieren zu lassen. Sie generieren eine Kraft, die sie selbst zu keinem Zeitpunkt haben. Einige wirken geistig schwachbrüstig und seelisch fadenscheinig. Bei manchen leuchtet ein kleines Licht. Man ahnt ein Glück im Winkel; etwas unter bizarren Umständen Gelungenes. Ihre Rollen im großen Netzwerk begreifen sie nicht. Jeder Adept geht durch eine Schule, deren Lehrer etwas unterrichten, dass sie sehr gut beherrschen, ohne das große Fach überhaupt zu kennen. Sie sind blind wie geblendete Ochsen, die man einst an Mühlräder kettete. Kommt man ihnen zu nah, nimmt man einen unangenehmen Geruch wahr, als wäre eines ihrer Glieder vor langer Zeit eingeschnürt worden und in der Fessel verrottet. Möglich, dass nur ich und andere Dienerinnen eines Meisters diesen Gestank wahrnehmen. Es tut mir nicht leid, das sagen zu müssen. Du hattest nie eine Chance. Wenn Sten will, dass ich in der Schlucht einer Differenz zwischen deinen und seinen Möglichkeiten abstürze, dann lässt er mich die Bodenlosigkeit erleben. Für dich bin ich wie von Sinnen, während ich in Wahrheit, hochgeschaltet auf einen dir unbegreiflichen Grad der Luzidität, etwas Neues lerne. So wie Ameisen Läuse in einer Trutzgemeinschaft zum gegenseitigen Vorteil melken, so werde ich von Sten gemolken und beschützt. Ich lebe unter einer unsichtbaren Abdeckung. Männer rennen dagegen wie gegen eine transparente Wand.
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Sollte sie am Ende mit Albrecht mehr verbinden als mit Stan? Immerhin haben Albrecht und sie eine Gothic-Rave-Phase und die Strandsex-Initiation im Kohorteneinklang durchlaufen. Albrecht war Noras Zeuge, als sie von der Magistrale abwich auf Saumpfade der Nebenreize. In seiner Gegenwart baute sie die ersten Kammern zur Erzeugung erotischer Echos. Er könnte sie jederzeit unmöglich machen. Sein Nora-Archiv ist der reine Giftschrank, und doch erregt Nora die Vorstellung, dass Albrecht Fotos von ihr wie seinen Augapfel hütet, die sie kompromittieren.
Es ist auch eine Sucht, sich gedanklich immer wieder zu Albrecht herunterzubeugen und ihm wie eine Magd mit schriftlichen Stimulationen zu dienen. Nora findet zwei Dutzend Nachrichten voller platzender Ungeduld nach kaum einer Stunde Schreibtischabstinenz. Albrecht schreibt: „Ich schätze, in der Topografie deiner Lust ist stets genug Platz für mich. Vielleicht erinnere ich Dich an einen Typen, den du in der Uni gern unter dem Tisch gewichst hast. Du mochtest es einfach, seinen Schwanz in der Hand zu haben und sein Gesicht anzusehen. Anschließend habt ihr beide aus einer Tüte Chips gegessen, und an deinem Finger war noch ein bisschen Sperma. Das hat dich gleich wieder scharf gemacht. Eine sekundäre Attraktion. Ich weiß, wie du das nennst: Side Thrill. Du hast einen Finger in den Mund gesteckt und auf obszöne Weise daran gelutscht. Der Typ wollte trotzdem keine zweite Runde. Ein Erguss am Tag reichte ihm. Sein Abendprogramm stand fest; in einer Kneipe mit Freunden Fußball gucken und Bier trinken. Frank kam vorbei. Er verkörperte eine Mischung aus sportlich und verträumt. Du bist freudig auf ihn zugegangen, hast dich in den Arm nehmen lassen, Frank fand, es liefe gut für ihn. Du bist mit ihm auf ein entlegenes Klo. Er wollte küssen, das kleine Einmaleins aufsagen, zeigen, was er gelernt hatte in der Sex-Benimmschule. Du wolltest das alles nicht. Es hat dich angeödet. Du hast dich mit leichtem Siffschauder hingehockt und Frank ermutigt, vor deinem Mund zu masturbieren. Deinen Kick hat er bestimmt nicht verstanden. Aber ich weiß, dass dir eine Erinnerung an diesen Augenblick sexual arousal on demand liefert.“
Das Herrschaftsalphabet
Die Schwarze Bar, das Gogol, der Kerker. Nora trägt Rock und Stiefel. Ein abgehalfterter Liebhaber verliert gleich den Verstand. Vor Ablauf der Nacht wird Sten Noras Rock heben. Das erlebt sie gern schon im Treppenhaus. Wortlos setzt sie dem Unglücklichen die Pistole auf die Brust. Entweder du akzeptierst die Situation oder ich verkleinere ihren Rahmen so, dass für dich darin kein Platz mehr ist. Albrecht ist blind vor Wut. Anstatt Nora zu fragen, warum sie es nötig findet, mit Sten auf einem Schauplatz ihrer Jugendliebe zu erscheinen, sorgt er fürs leibliche Wohl.
„Was trinkst du?" fragt er Sten. „Nora brauch ich das nicht zu fragen.“
Sten schmeckt die Fürsorge nicht.
„Schon okay“, sagt er. „Ist ‘ne Scheißsituation. Nicht nur für dich. Aber Nora wollte unbedingt.“
Friss Vogel oder stirb. Albrecht bittet Nora um fünf Minuten unter vier Augen, sie folgt ihm. Sie stehen mit Sicherheitsabstand voreinander.
„Ich werde dich nie aufgeben“, sagt Albrecht.
„Ich weiß“, antwortet sie. In ihren schwarzen Augen glimmt Hass, Hohn und bodenlose Zuneigung. „Ich weiß, dass ich dich am Hals habe.“
Albrecht schließt die Augen, um den Schmerz besser ankommen zu lassen. Er raucht sich ein Loch in die Lunge.
Er luchst Nora einen Abend ab, mit der Absicht, ihr Honig ums Maul zu schmieren. Der klebt dann hoffentlich noch, wenn ein anderer dran ist.
Es ist für ihn immer noch unvorstellbar, dass Nora mit anderen verkehrt wie mit ihm. Eine selbstverständliche Begleiterin. Eine Freundin, die dich beim Essen fragt, ob es dir schmeckt.
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Nora erscheint als Fee mit Hochsteckfrisur.
Sie sagt zur Begrüßung: „Wenn du willst, bleib ich heute Nacht bei dir.“
Sherry vor Kötters Küchenkneipe, Nora stellt fest: „Es ist immer noch sehr schön hier.“
Auf dem Heimweg pisst sie zu Albrechts Freude in den Hof der Firma Reifenberg. In seiner Wohnung stehen Blumen in einem mitgegangenen Weizenglas. Die Blumen muss eine Frau vorbeigebracht haben. Die Vorstellung versetzt Nora einen Stich. Sie widersteht dem Wunsch, Albrecht ins Gebet zu nehmen und seine Aschenbecher zu zählen. Einen hat sie für ihn in einer Wismarer Bar eingepackt. Manchmal sind sie einfach losgefahren. In einer Fruchtschale, die Nora ihm vor zehn Jahren geschenkt hat, gammelt eine Avocado. Nora missfallen Streifen, die Albrecht theatralisch über die Wände gezogen hat.
In der Nacht klingelt ihr Telefon.
„Du wirst da jetzt wohl nicht drangehen“, hofft Albrecht in seiner Verblendung.
„Ich muss“, sagt Nora bizarr kleinmütig. Sie kann solche Schäden anrichten und fühlt sich doch so hinfällig.
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In Stens Atelier. Seine finnische Assistentin trägt ein Kostüm im Bolerostil. Ihre Handtasche ist mit japanischen Schriftzeichen bedruckt. Sten erklärt, dass sie als schreibendes Modell in Zukunft gefeiert werden wird. Ein Verehrer hat extra für sie einen Verlag gegründet. Er bestellt Pizza. Der Bote nennt ihn Chef. „Chef, wo soll ich abstellen.“
Nora glaubt, dass ihr üble Nachrede folgt. Sten entfernt sich in eine stille Montagehalle und raucht Ringe auf einer Drehbank. Nach einer Anstandspause gesellen sich Nora und Flora zu ihm. Flora trägt sich kompetent wie eine Zahnärztin. Sten hat die volle Aufmerksamkeit der Frauen. Als wollten sie mitschreiben. Einmal hebt Nora anzüglich eine Braue.
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Flora richtet Parmesan und Oliven an und gießt Öl auf den Käse. Die kleine Herde äst nach dem Herrschaftsalphabet. Sten residiert in Floras Bademantel, Nora sitzt unglaublich schön im Unterrock da. Flora kommt ihren Gastgeberinnenpflichten nach. Sten spricht.