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2026-01-11 13:55:52, Jamal

 Spirituelle Schuld

Aslan war für Aiko viel mehr als ein Trainer - er war ihr Seelenführer. Seine Persönlichkeit spiegelte den Geist, den sie einst verleugnet hatte. Aslan verkörperte den Bushi-Spirit. Er lehrte Aiko, was sie längst bis zur Lehrbefähigung beherrschen sollte.

Dr. Fiona MacLeod ahnte nichts von Aikos seelischen Abgründen. Die Historikerin registrierte eine ausgesuchte Garderobe an der Schnittstelle zwischen traditioneller japanischer Ästhetik und modernem Design. Aiko trug ein kimono-inspiriertes Oberteil in Indigo und einen sandbeigen Tellerrock. Die Kombination verlieh ihr die klassische japanische Silhouette mit einer abgefeimten Wendung ins Edel-Schräge.

Eine Neigung zum Twist verriet der Schalk im Auge unserer Heldin.

Das schlichte Obsidianperlenspiel am Handgelenk war kein Schmuck im westlichen Sinn, keine Zierde, sondern ein Juzu. Die buddhistische Gebetskette ging zurück auf die letzte echte Onna-bugeisha des Takemori-Clans, eine Frau, die in historischen Aufzeichnungen und mündlichen Überlieferungen als Meisterin der Kenjutsu-Künste erwähnt wurde.

Aiko wusste, dass sie die Linie mit ihrer Gleichgültigkeit und dem Trotz unterbrochen hatte. Für diesen Frevel musste sie büßen - und zwar in einer Wüste der westlichen Verständnislosigkeit. Sie durfte erst nach einem vollendeten Beweis ihrer Würdigkeit zurückkehren.

Fiona hätte jeder Kunde von solch einem inneren Geschehen die Aufmerksamkeit verweigert. Für sie war jedweder seelische Aufruhr eine lächerliche Aufblähung. Aiko aber wusste, wie gefährlich unsichtbare Schuld auch solchen Menschen werden konnte, die sie verleugneten. Es war jeden Tag aufs Neue eine potentiell tödliche Prüfung. Jene feindlichen Vorstellungen, die Aiko förmlich besiedelten, besaßen materielle Kraft. Sie übten Druck aus und zogen an ihr. Ein falscher oder vielleicht auch nur zögerlicher Schritt und Aiko sähe sich zu Handlungen genötigt, die Außenstehende nie begreifen würden.

Fiona wandte sich Aslan zu. Er war Turko-Texaner, reich von Geburt, großgewachsen und hypertroph muskulös. Aslan war Dozent an der Ederthaler Landgraf Philipp Universität, ein Mann der Bücher und zugleich Olympiasieger im Freistilringen; versiert ferner in Gōjū-ryū - und Kyokushin Karate, Wing Chun der Yip Man-Lineage und Chen-Taijiquan.

Zu Gōjū-ryū - Stil der Härte und Weichheit - Ging aus dem historischen Naha-te hervor, einer der drei Hauptströmungen des Okinawa-Te. Die Entwicklung des Gōjū-ryū ist eng mit den Leben und Lehren zweier herausragender Meister verbunden:

Kanryō Higaonna (1853 - 1916)

Higaonna gilt als der Gründer des Naha-te. Er verbrachte mehrere Jahre in Fuzhou, China, wo er unter dem Meister Rū Rū Kō (Chinesisch: Liu Liu He) White Crane trainierte, einem Experten im südchinesischen Kung-Fu, insbesondere im Chūan-Fa. Nach seiner Rückkehr nach Okinawa begann er, die chinesischen Techniken mit den traditionellen lokalen Kampfkünsten zu verbinden und legte so den Grundstein für das Naha-te. Higaonna war streng, diszipliniert, tief spirituell. Er legte großen Wert auf Atemtechnik, Standfestigkeit und Qi.

Chōjun Miyagi (1888 - 1953)

Miyagi war ein Schüler Higaonnas. Er formalisierte das System Naha-te und gab ihm den Namen Gōjū-ryū. Registrierte Gōjū-ryū 1933 beim Dai Nippon Butokukai, der zentralen Martial-Arts-Organisation in Japan. Kreierte Formen (kata) wie Sanchin (stabile Standhaltung, Atemtechnik, Spannung) und Tenshō (weiche, kreisende Bewegungen).

Naha-te und Okinawa-te

Okinawa, früher das Königreich Ryūkyū, war ein Zentrum des kulturellen Austauschs zwischen China und Japan. Die Kampfkunstsysteme entwickelten sich in verschiedenen Regionen der Insel. Shuri-te entstand in der Stadt Shuri und legte den Grundstein für das Shōrin-ryū. Tomari-te entwickelte sich in der Stadt Tomari und beeinflusste ebenfalls das Shōrin-ryū. Naha-te entwickelte sich in der Stadt Naha und bildete die Grundlage für das Gōjū-ryū. Diese drei Systeme - Shuri-te, Tomari-te und Naha-te - wurden später unter dem Begriff Okinawa-te zusammengefasst und bildeten die Basis für das moderne Karate.

Kyokushin Karate

geht auf Masutatsu Oyama (1923 - 1994) zurück. Der in Korea geborene Oyama studierte Judo, Shotokan-Karate und chinesisches Kempo, isolierte sich temporär in den japanischen Alpen und entwickelte seinen Stil nach dem Prinzip der „höchsten Wahrheit" (Kyokushin). Er kombinierte traditionelle Techniken mit Vollkontakt-Sparring, Prüfungen wie dem 100-Man Kumite und betonte mentale Stärke, Ausdauer und körperliche Härte. 1964 gründete Mas Oyama die International Karate Organization (IKO).

Chen-Taijiquan - In Chenjiagou, dem Ursprungsort des Chen-Stils, erlernte Aslan die klassischen Formen des Chen-Stils, einschließlich Handformen, Push-Hands (Tuishou), Schwert (Jian), Säbel (Dao), Stock (Gun) und Doppelschwert (Shuang Jian).

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Fiona war beeindruckt und sogar geblendet von Aslans monumentaler Erscheinung. Kurz verlor sie sich in einer erotischen Phantasie. Sie zeigte sich gern spröde. Die vulkanische Seite ihres sommersprossigen Wesens verbarg sie sorgfältig.

Fiona spürte den Leistenlustzug und seufzte unwillkürlich auf. Sie wollte Karriere machen und sich gewiss nicht selbst im Weg stehen. Eskapaden kamen nicht in Frage, aber kunstvoll vernebelte Akzente erlaubte sie sich - halterlose Strümpfe, ein Büstenhalter, der ihren Spitzen die Freiheit schenkte, sich unter dem Stoff abzuzeichnen.

Ja, Aslans Präsenz trieb sie an ihr Limit. Gerade konzentrierte er sich auf die Claymore-Kollektion. Der Begriff „Claymore“ kommt aus dem Schottisch-Gälischen: claidheamh mòr - großes Schwert. Es bezeichnet ein zweihändiges Schwert, das vor allem in Schottland im 15. bis 17. Jahrhundert verwendet wurde. Typisch ist die lange, gerade Klinge, etwa 100 - 140 cm, der Kreuz- oder schildförmige Handschutz, oft mit ausgeprägten Parierstangen. Es war die Lieblingswaffe der Highlander und in der schottischen Kriegerkultur ein erstrangiges Statusobjekt.

Jede Klinge, jede Gravur verband sich mit der dynastischen Landesgeschichte.

„Die meisten Besucher“, verkündete Fiona, „entdecken in diesen Räumen nur Fotomotive. Ein Selfie vor einem Claymore.“

Mit einem kleinen Lächeln triumphierte sie über die Ahnungslosigkeit der Masse. Zugleich signalisierten die gekräuselten Lippen die Anerkennung von Ebenbürtigkeit.

Fiona verpasste Aslan den Ritterschlag 2.0. Sie war in festen Händen. Ihre Loyalität hatte noch jede Probe bestanden. Ihre Wurzeln lagen in Edinburgh-Marchmont zwischen Sandsteinhäusern und Parks. Ihre Eltern, beide Lehrer, hatten ihr eine glückliche Kindheit geschenkt. Rugby bei den Edinburgh Harlequins hatte sie gelehrt, was Teamgeist, Kameradschaft und Durchhaltevermögen bedeuteten. Fiona spielte nicht mehr, unterstützte aber das Mädchenteam und vermittelte fleißig die Werte ihrer Prägung.

Sie deutete auf ein Highland Claymore, etwa 1,40 Meter lang und rund zweieinhalb Kilo schwer. „Aber Sie... ich sehe, dass Sie mehr als nur ein Foto suchen. Heben Sie es ruhig aus der Halterung. Zunächst einhändig. Spüren Sie das Gewicht?“

Erst als Aslan die zweite Hand an den Griff legte, wurde das Claymore kontrollierbar.