„Ja, du hast diese magische Wortqualitäten und lässt einen ganz wundervoll sinnlich reisen. Es liegt am Typ Frau, wohin jede mit so einem Zauber gehen möchte, das Feld ist groß in der Welt der Imagination, ob erotisch oder ganz konkret. Alles zieht seine Kreise, manche Bahnen liegen näher beieinander als andere." Musenzeit
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„Dieses ganze Kapitel ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn,die ganze Kraft der Signale, der ganze Stolz, wieder mein. Nur meinem Meisterwürde ich wie ein Kätzchen die Hand lecken und schnurren... ganz zahm ... Ein sehr erregender Part. Ich denke, ich muss hier eine kleine Lesepause einlegen." Christine Zarrath
Die Sprachmeisterin
Für die zu spät Gekommenen und jene, die es versäumt haben, sich Notizen zu machen, erkläre ich noch einem den Ausgangspunkt der Hauptgeschichte, die im „Sprachschloss" erzählt wird. Die Heldin heißt Simone Walther. Sie ist eine Post-doc-Stipendiatin an der Landgraf Philipp Universität in der nordhessischen Kleinstadt Ederthal. Sie hat zu jeder Zeit ein halbes Dutzend erotischer Projekte. Das hält sie von einer steilen Karriere in Academia nicht ab. Schwerpunkte ihrer Arbeit liefern die Werke von Erasmus von Rotterdam, Wanda von Sacher-Masoch und Samuel Beckett. Simone strebt die sagenhafte, wenn nicht sogar mythische Position einer Sprachmeisterin an. Im Augenblick okkupiert diese Position Cornelius von Pechstein, ein viril-charismatisches Halbgenie mit einem gargantuesken sexuellen Appetit. Es versteht sich von selbst, dass er auch Simone als Liebhaber dient. Er ist ihr Faustpfand des Gelingens. Dann ist da Cole, auch er Philologie-Professor und so athletisch wie ein Olympionike. Und schließlich müssen wir über den Dozenten Ned reden. Der in 'Dallas'-Dimensionen sozialisierte Spross einer texanischen Rancher-Dynastie formuliert entfesselt: Wir sind in die Wissenschaft Geflüchtete. Unsere Zufluchtsorte sind Staubhöhlen ungewogenen Wissens. Wie Molly Bloom im Schluss-Soliloquium von James Joyce' ‚Ulysses' forderst du mich mit deinen Augen auf, noch einmal zu fragen, ob du mich heiraten möchtest.
Faustpfand des Gelingens
Galveston ist eine texanische Stadt auf einer Insel im Golf von Mexiko. An ihrer Küste strandeten spanische Eroberer zur Zeit der Conquista, Frankreich beanspruchte sie als kolonialen Besitz. Galveston wurde später (wieder?) spanisch, doch erst der französische Pirat Louis Michel Aury gründete im 19. Jahrhundert eine europäische Siedlung auf der Insel. Aury stand als Söldner im Dienst von Simón Bolívar, man überwarf sich in New Orleans. Auf eigene Rechnung forderte Aury die spanische Marine im Golf von Mexiko heraus.
Ned stammt aus Galveston. Im Bewusstsein der Vergänglichkeit jedes Ja, sagt Simone einfach mal wieder ja. Das ein bloßes Ja so erregend wirken kann. Spielerisch weicht sie zurück, bis sie mit dem Rücken an der getäfelten Wand steht. Ihr Atem beschleunigte sich unter dem Porträt des ersten Sprachmeisters, einem trist aus der Wäsche guckenden Patron namens Johannes Frühauf. Ned schließt auf, seine Präsenz brennt Löcher in Simones Deckung.
„Ja," sagt sie, der Dramaturgie gehorchend. Offensichtlich braucht es nicht mehr. Simone könnte jeden Familienvater ruinieren und als blauer Engel einen Professor zum Pudel machen.
„Ich habe dich so lange gesucht. In jeder Frau, der ich nahegekommen bin, habe ich dich gesucht."
Simone klebt auf dem Leim dieser Intensität. Neds Stimme erinnert Simone an die Synchronstimme von Robert de Niro. Sie verwirft den Vergleich und landet bei Tom Jones. Ein Reibeisen voller Testosteron.
Ich nenne dich The Voice, denkt Simone. Neds Berührungen brennen auf ihrer Haut. Er hebt ihr Kinn an, eine Geste, die beinah über seine Kraft geht. Lautlos ermutigt Simone den sich vortastenden Liebhaber. Für Cole ist es ganz selbstverständlich, ihr Kinn herrisch anzuheben und sie Kleines oder Süße zu nennen, oder eben auch Schlampe und Luder, kurz bevor der Deckel vom Topf fliegt. Ned steigt mit seiner Zunge ein.
Im nächsten Augenblick wechseln die Turteltauben die Aushandlungsebene. Simone wundert sich jetzt doch über die narrative Einstiegsvolte, von Heirat war nie zuvor die Rede. Trotzdem wird sie sofort in die Geschichte hineingezogen. Lieber wäre sie Stephen (Dedalus) als Molly (Bloom). Sie greift nach ihrem gründlich durchgearbeiteten ‚Ulysses'. Es ist ein heiliges Buch aus dem Nachlass ihres kommunistischen Großvaters, der in der Nazizeit - wie Thomas Braschs Eltern - im falschen Exil gewesen war und seine Liebe zu allem Britischen mit dem Sozialismus erfolgreich versöhnt hatte. Er war gern Bürger der DDR gewesen, aber so wie Heiner Müller Peter Hacks charakterisierte; der Aristokrat Hacks habe den Sozialismus als Märchen falsch verstanden. Die DDR war für Opa ein Märchenland mit lebenden Spielfiguren gewesen. Der potente Träumer förderte die Empfänglichkeit seiner Enkelin für eigensinnige Deutungen.
Auch Simone verschenkt nichts. Jetzt ist sie Molly, die Frau ohne Punkt und Komma (siehe „Ulysses"-Standardexegese); eine üppige Schönheit nach dem Ideal von Sacher-Masoch. Und da beginnt das Arrondissement. Ihre Belesenheit zwingt Simone großräumig auszuholen.
Entschlossen, sich dem Ritter auf der Stelle „hinzugeben", eilt Aurora R., die spätere Wanda von Sacher-Masoch, - nach einem langen schriftlichen Anlauf - zur Wohnung ihres Brieffreundes und Wohltäters Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotentem Gatten), den sie bis auf den Tod erkältet anzutreffen erwartet. Tatsächlich begegnet ihr L. in elegischer Aufgeschlossenheit. Ihn entzückt die juvenile Bravour der Besucherin. Revidieren muss er die Vorstellung, die ihm eine strenge Post eingab. Er hatte mit einer starken Dame gerechnet; mit einer angenehm furchteinflößenden Person.
Im Verlauf des Tages im Büro des Dekans
Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Cornelius' intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Simone fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Cornelius sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.
Simone genießt Cornelius' Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.
Im luftleeren Raum
„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren." Stefan Zweig
Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam" spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung" der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich" sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende" Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang".
Simone bedenkt ihre eigene Herkunft. Dazu an anderer Stelle mehr. In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand" vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen". Auch Simone fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.
Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine'. Simone trägt ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion" (aus der Werbung). Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Sie registriert die Details. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus Rohren wie in Tarkowski-Filmen. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling" als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben." Die Hamletmaschine fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein." Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler". Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm."
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Unzucht ist ein Wort, das nach Harnstein, Waisenhaus und Jugendarrest stinkt. Dieses Wort atmet in Simone. Sie will Unzucht treiben. Ist das in einer säkularen Gesellschaft überhaupt möglich? Simone schlägt Sprachmeister Cornelius als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.
„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden." Wikipedia
Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch wertvolle Fundstellen.