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2026-01-13 12:16:58, Jamal

Gedankenkreuzzüge  

„Ja, du hast diese magische Wortqualitäten und lässt einen ganz wundervoll sinnlich reisen. Es liegt am Typ Frau, wohin jede mit so einem Zauber gehen möchte, das Feld ist groß in der Welt der Imagination, ob erotisch oder ganz konkret. Alles zieht seine Kreise, manche Bahnen liegen näher beieinander als andere.“ M.

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„Dieses ganze Kapitel ist wie eine Einwahl in die magische Datenautobahn, die ganze Kraft der Signale, der ganze Stolz, wieder mein. Nur meinem Meister würde ich wie ein Kätzchen die Hand lecken und schnurren... ganz zahm ... Ein sehr erregender Part. Ich denke, ich muss hier eine kleine Lesepause einlegen.“ C.

Faustpfand des Gelingens 

Für die zu spät Gekommenen und jene, die es versäumt haben, sich Notizen zu machen, erkläre ich noch einem den Ausgangspunkt der Hauptgeschichte, die im „Sprachschloss“ erzählt wird. Die Heldin heißt Nana von Eisenreich. Sie ist Dozentin an der Landgraf Philipp Universität in der nordhessischen Kleinstadt Ederthal. Zu jeder Zeit verwaltet sie ein halbes Dutzend erotischer Projekte. Schwerpunkte ihrer akademischen Arbeit liefern die Werke von Erasmus von Rotterdam, Wanda von Sacher-Masoch und Samuel Beckett. Nana strebt die sagenhafte, wenn nicht sogar mythische Position einer Sprachmeisterin an. Im Augenblick okkupiert diese Position Graf Goya, ein viril-charismatisches Halbgenie mit einem gargantuesken sexuellen Appetit. Der Sprachmeister ist Nanas Faustpfand des Gelingens. Dann ist da der Dozent Chet.  

Chet stammt aus Galveston. Galveston ist eine texanische Stadt auf einer Insel im Golf von Mexiko. An ihrer Küste strandeten spanische Eroberer zur Zeit der Conquista, Frankreich beanspruchte sie als kolonialen Besitz. Galveston wurde später (wieder?) spanisch, doch erst der französische Pirat Louis Michel Aury gründete im 19. Jahrhundert eine europäische Siedlung auf der Insel. Aury stand als Söldner im Dienst von Simón Bolívar, man überwarf sich in New Orleans. Auf eigene Rechnung forderte Aury die spanische Marine im Golf von Mexiko heraus. 

Keine Hoffnung auf Verschonung

Nana ist jedes Mal kreuzunglücklich, wenn ein Mann, der in Frage kommt, vor der Tür ihres nur für ihn geöffneten Informationsbüros stehenbleibt, als hätte er ein Recht darauf, sich um die Details nicht zu scheren. Oder eher noch, als hätte Nana kein Recht auf die Feinzeichnungen. Manchmal lässt sie einen Mann gewähren. Dann badet sie in seiner Verständnislosigkeit. Sie übernimmt seine Aufgaben, bis sie die Störung nicht mehr erträgt. Die Verständnislosigkeit kulminiert in der Plattitüde ‚wir haben uns doch so gut verstanden‘. Eben nicht. Haben wir nicht. Wir haben uns überhaupt nicht verstanden. Nana sagt das nie. Im Schwemmland des ebenso plötzlichen wie absoluten Desinteresses gibt es für nachträgliche Feststellungen keinen Zentimeter Raum. Nana brauchte ein paar Jahre, um zu begreifen, dass die Kombination aus körperlicher Präsenz und Ignoranz zwar ein paar Nischenangebote für sie bereitstellt, das Wesentliche jedoch noch nicht einmal streift.  

Wie lachende Pferde erscheinen ihr die Männer mit den Milchmixgetränken auf der Magistrale von Ederthal. Sie unterhalten sich in einer Snob-Sprache. Was machen sie hier? Die Masken tragen sie demonstrativ auf Halbmast. Das Habsburger Reich erwehrte sich der Pest erfolgreich mit einer Befestigung seiner Außengrenzen: einer Sperrzone von Kroatien bis Moldawien. Das Osmanische Reich stellte es mit militärischen Mitteln unter Quarantäne.

„Auf der türkischen Seite des Balkans wütet die Pest noch bis 1840, auf der österreichischen ward sie nie mehr gesehen".

Das erzählt der Archäologe Ian Morris unter der Überschrift Covid 19 - Antworten aus der Vergangenheit. Karl Heinz Götze bemerkt in seinem im erschienenen Aufsatz Der absolute Geist, die Cholera und die Himmelfahrt des Philosophen. Hegels Tod und Bestattung:

„Preußen machte (nach dem Choleraausbruch im angezeigten Jahr), was man am besten konnte. Man führte Krieg gegen die Krankheit ... Die Cholera lachte darüber und holte am 23. August 1831 ... Gneisenau, den Oberbefehlshaber des Preußischen Heeres, im November des gleichen Jahres Clausewitz, den berühmten Strategen.“

Bis zum Zeitalter der Impfungen war Quarantäne der Hauptseuchenschutz. Morris stellt fest, dass uns Covid 19 so lange auf den Stand der Habsburger zurückwirft, bis wir als Wirte nicht mehr wehrlos sind. Im Augenblick haben wir „die Wahl zwischen Abstand und Tod". So vorzeitig das Fazit erscheint, Morris sieht zugleich ein neues Zeitalter auf uns zu kommen, in dem westliche Demokratien vielleicht nicht mehr bildbestimmend sein werden. Der Wissenschaftler heftet seinen Ausblick an zwei historische Marken. Vermutlich waren wir lange gleicher als wir uns das vorstellen können, nämlich in der Wildbeuter-Ära, die vor zwölftausend Jahren in einem Wettbewerb der Hierarchien als Sesshaftigkeitsfolge endete. Dem ursprünglichen Regime nähern wir uns im Zuge der Nutzung fossiler Brennstoffe seit zweiundfünfzig Jahren. Bekanntlich verlieren die Egalisierungsimpulse aus dieser Ecke ihre Legitimität. Zieht man das in Erwägung, dann gewinnt Morris' Perspektive Bissfestigkeit. 

Paul B. Preciado nähert sich dem Horizont negativer Erwartungen mit der Vermutung, das Virus könne den augenblicklichen Zustand der Welt einfrieren.

„Alles bliebe bis in alle Ewigkeit in dem Zustand eingefroren, den die Dinge mit dem Ausbruch ... angenommen hatten.“

Zitate aus „Corona und wir - Denkanstöße für eine veränderte Welt"/Paul B. Preciado, „Ein Apartment auf dem Uranus - Chroniken eines Übergangs"