Japanische Haute Couture
Entschlossen, sich dem Ritter auf der Stelle „hinzugeben“, eilt Aurora R., die spätere Wanda von Sacher-Masoch, - nach einem langen schriftlichen Anlauf - zur Wohnung ihres Brieffreundes und Wohltäters Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotentem Gatten, siehe „Ulysses“), den sie bis auf den Tod erkältet anzutreffen erwartet. Tatsächlich begegnet ihr Leopold in elegischer Aufgeschlossenheit. Ihn entzückt die juvenile Bravour der Besucherin. Revidieren muss er die Vorstellung, die ihm eine strenge Post eingab. Er hatte mit einer starken Dame gerechnet; mit einer angenehm furchteinflößenden Person.
Im Verlauf des Tages in Chets Büro
Der Nebenreiz als Hauptquelle des Vergnügens - der volle Genuss entfaltet sich nur im Verhältnis zu einem kongenialen Mitspieler. Chets intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Es deutet sich eine ideale Koexistenz an, Nana fühlt sich von der Einsicht gekitzelt, dass Nana sie mit intellektuellem Schenkeldruck regieren will. Das reizt sie. Sie wirkt sich gern bestimmend aus, nimmt aber auch Einladungen einer überlegenen Souveränität an.
Nana genießt Chets Schliche. Den aus lauter Verblendungen platzenden Herrschaftswillen deutet sie als starkes Interesse.
Im luftleeren Raum
„Erasmus hat keine Heimat, kein richtiges Elternhaus, er ist ... im luftleeren Raum geboren.“ Stefan Zweig
Er setzt seinen Taufnamen zwischen zwei angenommene Namen. Er verschmäht die Sprache seiner holländischen Ahnen und gibt Latein den Vorzug. In seiner Anverwandlung „Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam“ spricht Stefan Zweig von einer planvollen „Verschattung“ der unehelichen, sprich delegitimierenden Abstammung. „Ärgerlich“ sei es gewesen, von einem Priester gezeugt worden zu sein. Der Autor unterstellt Erasmus die Geburtsnot eines unerwünschten Kindes. Erasmus dementiert sein Schicksal, indem er sich zum Desiderius erklärt - zu einem Erwünschten. 1487 tritt er in den Augustinerorden ein, ein Jahr später legt er das Gelübde ab. Ohne besondere Frömmigkeit frönt er seinen künstlerischen Neigungen. Der „frei denkende und unbefangen schreibende“ Erasmus bleibt Priester, wenn auch mit weltlichen Spielräumen. Er erlangt Dispens, wo immer ihn der Priesterschuh drückt. Zweig erkennt einen „inneren Unabhängigkeitszwang“.
Nana bedenkt ihre eigene Herkunft. Dazu an anderer Stelle mehr. In Erasmus erkennt sie einen gewieften Taktiker. Der Epochale scheut Streit und revolutionäre Ruppigkeit. „Unnützen Widerstand“ vermeidet er. Lieber „erschleicht (er sich) seine Unabhängigkeit als sie zu erkämpfen“. Auch Nana fällt nicht gern mit der Tür ins Haus. Sie schätzt verschattete Manöver und belohnt die (Er-)Kenner ihrer Raffinesse. Manchmal stürzt sie sich förmlich in ein gewiss unerwartet zartes Lächeln, während sie es als Nebensache erscheinen lässt, dass ein Mann im Anblick ihres in Spitze gefassten Busens versinken kann.
Ihre Freundin Lale Schlosser inszeniert auf der Studierendenbühne Heiner Müllers ‚Hamletmaschine‘. Zur Premiere trägt Nana ein asymmetrisch geschnittenes Kleid mit schräger Knopfleiste aus Yohji Yamamotos „karg-eleganter Sommerkollektion“, so sagt es die Werbung. Japanische Haute Couture mit einem androgyn-dekonstruierenden Ansatz. Nana registriert die Details des Bühnenbildes. Sie sieht ein Feininger-Geisterhaus. Es tropft aus lecken Rohren wie in einem Tarkowski-Film. Ruinierter Pomp, zerschlagene Quadriga. Gemalte Flugzeuge, verwischt wie von Gerhard Richter. Dann kommt der „zweite kommunistische Frühling“ als Bemerkung zur Seite gesprochen, Ophelia nimmt im Rollstuhl Platz. Hamlet sagt: „Was du getötet hast, sollst du auch lieben.“ Die Hamletmaschine als Kehrautomat. Sie fegt die Bühne: „Ich war Hamlet. Ich stand an der Küste und redete mit der Brandung BLABLA, im Rücken die Ruinen von Europa. Die Glocken läuteten das Staatsbegräbnis ein.“ Die Herrschaft von Helsingör fällt Fortinbras zu. Ihn erwartet „das Kanalisationsprojekt und der Erlass in Sachen der Dirnen und Bettler“. Hamlet sagt er nach: „Du glaubtest an die Kristallbegriffe und nicht an den menschlichen Lehm.“
Nana schlägt Chet als Schauplatz eines Rendezvous den malerischsten Raum im toten Flügel der Universität vor – den Karzer.
„Karzer waren die Bezeichnung für Arrestzellen an deutschen Universitäten, in denen bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vergehen im Rahmen der eigenen akademischen Gerichtsbarkeit der Universitäten geahndet wurden.“ Wikipedia
Es herrscht pharaonische Totenstille im Karzer. Die akademische Zelle wurde bis 1945 im Rahmen einer autonomen Gerichtsbarkeit genutzt. Die Wände sind archäologisch erhebliche Fundstellen.