Mammalian Dive Response ist ein Überlebensreflex, der das Nervensystem abrupt in einen sauerstoffsparenden, parasympathisch dominierten Zustand versetzt und dabei Angst, Stress und Alarmreaktionen übersteuert.
„Wenn wir alarmiert sind ... greifen wir auf ein urzeitliches Wissen um das dunkle Potential des Genpools zurück." James L. Burke
Ein archaischer Reflex der Regulation und des Überlebens
Mammalian Dive Response (MDR), auf Deutsch als Säugetier-Tauchreflex bezeichnet, ist ein angeborener physiologischer Reflex, den alle Säugetiere besitzen. Er erfüllt eine grundlegende biologische Funktion: das Überleben unter Sauerstoffmangel zu maximieren. Wird der Reflex aktiviert, versetzt das Nervensystem den Körper in einen Spar- und Schutzmodus, der lebenswichtige Organe priorisiert und nicht notwendige Funktionen drosselt.
Ausgelöst wird Mammalian Dive Response vor allem durch den Kontakt des mit kaltem Wasser. Atemanhalten verstärkt die Wirkung zusätzlich. Sensorische Rezeptoren leiten diese Reize über den Trigeminusnerv an den Hirnstamm weiter, wo uralte autonome Schaltkreise den Reflex auslösen. Der MDR ist nicht willentlich steuerbar. Er wirkt automatisch und entzieht sich bewusster Kontrolle.
Nach der Aktivierung treten mehrere koordinierte körperliche Veränderungen auf. Der Herzschlag verlangsamt sich deutlich (Bradykardie), der Sauerstoffverbrauch sinkt. Gleichzeitig ziehen sich die Blutgefäße in Armen und Beinen zusammen, sodass das Blut bevorzugt zu lebenswichtigen Organen wie Gehirn und Herz geleitet wird. Parallel dazu dominiert das parasympathische Nervensystem, insbesondere über den Vagusnerv. Der Körper gelangt in einen Zustand tiefer autonomer Regulation, gekennzeichnet durch Ruhe, Stabilität und reduzierten Energiebedarf.
Evolutionär betrachtet verschaffte dieser Reflex Säugetieren einen entscheidenden Vorteil. Individuen, die bei Untertauchen, versehentlichem Wasserkontakt oder Atemhemmung Sauerstoff sparen konnten, hatten höhere Überlebenschancen. Bei Meeressäugern ist der Tauchreflex extrem ausgeprägt und ermöglicht lange Tauchzeiten. Beim Menschen ist er schwächer, aber dennoch funktional – ein Hinweis auf die gemeinsame evolutionäre Herkunft.
Besonders bemerkenswert ist die Fähigkeit des Mammalian Dive Response, höhere emotionale und kognitive Zustände zu übersteuern. Da er im Hirnstamm verankert ist und nicht im Großhirn entsteht, kann er Angst, Panik oder akute Übererregung abrupt unterbrechen. Das Nervensystem wechselt von Alarm zu Kontrolle, selbst wenn sich die äußeren Umstände nicht verändert haben. Dies zeigt, dass Regulation nicht immer über Denken, Bewertung oder Einsicht erfolgt, sondern auch direkt über körperliche Signale.
Das Nervensystem verfügt über robuste Mechanismen zur Selbstregulation, die unabhängig von kognitiver Kontrolle funktionieren.