Ökologische Bewusstseinselite und gebildete Eitelkeit
Ålesund war bekannt für seine ökologische Bewusstseinselite und die subtile Arroganz der Community. Hier wirkte unsere Resonanz-Ökonomie wie ein flirrender Faden in einem Gewebe gebildeter Eitelkeit.
Nebenan wurde die Halle einer ehemaligen Schmiede als Workspace genutzt. Um die Jahrtausendwende hatte eine Architektengemeinschaft das Potenzial und den Charme der Werkstatt mit ihrem monumentalen Fachwerkdesign entdeckt. Nun trafen sich in der Tankesmedja - Idea Forge - Gedankenschmiede Kreative aller Couleur. An den Wänden hingen ruß-rustikale Schwarz-Weiß-Fotografien von Schmiedehämmern.
Vor der ruralen Kulisse etablierte sich ein Ideenmarktplatz. Menschen verschiedenster Herkunft kamen zusammen, um gemeinsam neue Wege des Zusammenlebens zu erforschen - vorgeblich jenseits von Konsumzwang, Ressourcenausbeutung und kolonialer Macht. Unberufen und selbstermächtigt beriefen sich viele auf die Werte Indigener - in Schweden, nicht anders als in Neuseeland und Mexiko (unseren letzten Stationen). Überall trafen wir denselben Typus digitaler Backpacker. Er flog zu seinem Vergnügen durch die Welt, predigte Nachhaltigkeit und erwartete WLAN in jeder Wildnis. Hemmungslos verbrauchte er Ressourcen und inszenierte sich dabei als jemanden mit besonderem Zugang zur Weisheit von Naturvölkern. In Mexiko berief er sich auf die Nachfahren von Azteken, in Neuseeland auf das Erbe der Māori, in Schweden auf die gefährdete Sámi-Kultur. Der Vorwurf der kulturellen Aneignung, den er ständig erhob, träfe ihn bei gerechter Betrachtung selbst.
Beziehungsvorspiel - Im Präsens des erzählten Augenblicks
Zu gern möchte ich mein Kleid fallen- und dich den Büstenhalter öffnen lassen. Ich vernehme deine Stimme an meinem Ohr (Das leise Lachen am Ohr eines anderen“, Wolf Wontratschek), die mich so unverschämt reizt. Ich schmiege mich an dich und atme dich ein. Der Duft deines Aftershaves gefällt mir (kein Wunder, ich habe es ausgewählt), ebenso das, was darunterliegt. Du riechst richtig. Im Augenblick brauche ich nicht mehr, um glücklich zu sein. Trotzdem will ich dich mit Haut und Haaren. Doch dann fällt mir wieder ein, wie raffiniert aufgefächert die Lustempfindungen in der Ära unseres Beziehungsvorspiel mitunter waren ... gerade als du so auf mich einwirkst, dass ich mich unwillkürlich vorbeuge. Eine Hand gleitet unter den Saum, um da neugierig innezuhalten.
Atlantisches Grau
„... und niemand weiß, woher der Wind in dieser Stadt bläst, er bläst nicht vom Meer oder vom Gebirge.“ Steinunn Sigurðardóttir
Über Millionen Jahren lebten unsere Vorfahren im permanenten Überlebensmodus. Raubtiere, klimatische Exzesse, Nahrungskonkurrenz und interspezifische Konflikte bedrohten ihr Leben. In dieser Umgebung war Wachsamkeit entscheidend. Angst aktiviert den Sympathikus, steigert Herzfrequenz, Muskelspannung und Reflexgeschwindigkeit und schafft einen Zustand maximaler Reaktionsbereitschaft. Dieses Angstsystem koppelt sich an kognitive Prozesse. Antizipation und strategische Planung greifen ineinander, sodass ein inneres Modell der Umwelt entsteht, das Handlungen präzise steuert – von Flucht über Jagd bis zu Werkzeuggebrauch.
Aus der permanenten Bedrohung entstand das menschliche Bewusstsein. Es ist ein adaptiver Mechanismus, der es erlaubt, Gefahren zu erkennen, Risiken zu vermeiden, Handlungen zu planen und Szenarien innerlich zu simulieren. Die Ambivalenz früher Menschen – zugleich Gejagte und Jäger – selektierte nicht nur körperliche Anpassungen, sondern auch mentale Flexibilität, soziale Kooperation und präzises Timing. Angst wird zur evolutionären Ressource. Sie bildet die Grundlage für Flucht, kognitive Kontrolle, strategisches Handeln und menschliche Innovationskraft.
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Wir landen in Reykjavík. Dies ist kein Postkartenmoment. Du bleibst dicht bei mir, als fürchtetest du, ich könne wieder verlorengehen. Du hast Grund, an mir zu zweifeln. Zum ersten Mal, seit Beginn unserer Kollaboration vor einem Jahr. Ich war davon überzeugt, dass du vor mir von der Fahne gehen würdest; alarmiert von dem weiblichen Lächeln, das du bei jeder Gelegenheit erntest. Man sieht dir den großen Radius an der Nasenspitze an. Du bist so sichtlich auf Zack. Trotzdem warst du mir wahrscheinlich treu, während ich dir nun ganz bestimmt nicht mehr gerecht werde. Ja, ich schleppe mich mit etwas ab, dass leider nichts mit dir zu tun hat. Der Flughafen erinnert mich an einen US-amerikanischen Provinzbusbahnhof in einem Kinofilm des letzten Jahrtausends.
Wir holen den Mietwagen ab, einen Subaru Forester, wollüstig startest du den Motor. Kontrolle und Autonomie - nun bist du wieder der Pilot. Im nächsten Augenblick zieht Reykjavík an uns vorbei, wir sind on the road again, als vormals unschlagbares Team. Der Regen schlägt schräg gegen die Scheiben und verwischt die Aussicht auf Lavafelder und Fjorde. Die Landschaft gewinnt einen schroffen Charakter.
Seyðisfjörður liegt auf einer Fjordspitze, im Schatten von Bjólfur und Strandartindur. Zwischen den beiden Gipfeln rauscht Wasser über Hänge, die Fjarðará fließt durch die Gemeinde. Gufufoss heißt ein Wasserfall in Sichtweite. Dampf steigt auf, als würde der Berg atmen. Vulkanismus und hydrothermale Aktivitäten liefern den hydrologischen und geologischen Flow. Wir halten am Hafen vor einem Hotel. Ich registriere einen Mix aus nassem Eisen, Diesel, Tang und Schwefel – ein olfaktorischer Hinweis auf geothermische Leitungen. An der Rezeption riecht es nach solider Hausmannskost. Wir checken ein, die Frau am Empfang sieht so aus, als käme sie direkt von einem Fischtrawler. Wir übersehen die durchschnittliche Tristesse des Zimmers, die Berge vor dem Fenster dramatisieren sich als Silhouetten im Dunst.
Im Hotelrestaurant sitzen Versprengte. Fremde wie wir. Sie formieren sich nicht automatisch zu einer Internationale der Fernreisenden. Man bleibt für sich, spricht leise, ignoriert die anderen. Alle trinken Kreativbiere, die India und Fjallabjörn Pale Ale heißen. Ausgeschenkt wird auch Austri Brugghús, ein Lager namens „Slöttur“. Wir bestellen beide das Gericht des Tages - Kabeljau mit Stampfkartoffeln und Buttergemüse.
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In Snæfellsnes treffen wir Ásdís, eine Rangerin des Snæfellsjökull-Nationalparks. Sie stammt aus einem Weiler in der Gegend und überströmt uns mit ihrer Heimatliebe. Sie präsentiert sich in verschlammten Stiefeln, die Hände und das Gesicht sturmrot. Ásdís beklagt die Ignoranz der Touristen, die den Gletscher als Selfie-Sidekick betrachten.
„Der Gletscher verändert sich schneller, als wir es je gedacht hätten.“
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Über der Tür eines Antiquariats hängt ein handgemaltes Schild: Hrafn & Refur - Fornbækur og Furður. In der Auslage liegen eine vergilbte Karte der Westfjorde, eine zerlesene Njáls saga mit Randnotizen in Bleistift und ein antiker Kompass.
„Förum inn - Lass uns reingehen.“, sage ich.
Im Windfang streichst du mir den Schneeregen aus den Haaren, langsam, mit einer Sorgfalt, die mich immer noch überrascht. Deine Finger verweilen einen Moment zu lang an meinem Schlüsselbein, streifen meine Brust. Du ziehst die Hand nicht zurück. Ich entziehe mich und durchstreife enge Regalreihen. Meine Finger gleiten über Buchrücken: Galdrar og þjóðsögur - Zauber und Volksmärchen, The Arctic Sky, Edda - kommentiert. Du folgst mir. Ich spüre dich hinter mir. Dein Atem streift meinen Nacken. Ein Buch rutscht aus dem Regal und fällt zu Boden. Ich bücke mich. Der Einband ist schwarz, geprägt mit einem einfachen Runenzeichen.
„Vertu svona - Bleib so.“, flüsterst du.