Selbsterschöpfende Intensität
Der Exzentriker Leopold von Sacher-Masoch sprengt den bourgeoisen Rahmen. Doch sogar er findet seinen Meister. So labyrinthisch und enigmatisch, wie ‚Anatol‘ an die Sache herangeht, war vor ihm noch kein - in anonymer Schriftlichkeit aufkreuzender - Verehrer. Der vom ersten empfangenen Brief an bis in die Fingerspitzen affizierte Leopold reißt sich ein Bein aus, um mit Anatol persönlich zu verkehren. Doch Anatol scheut den direkten Umgang. Er bestellt das Ehepaar Sacher-Masoch an alle möglichen Orte, um da in Abwesenheit zu glänzen. Ab und zu vertritt ihn - in kostümfestlichen, absurd kostspieligen Arrangements - eine gehandicapte Person. Aurora-Wanda von Sacher-Masoch spricht noch in der derben Sprache des 19. Jahrhunderts über den Bedauernswerten. Endlich kommt Aurora aus der Deckung. Sie hört auf so zu tun, als überschreite sie nur unter Zwang Grenzen der Schicklichkeit. Anatol versteht sich auf narkotisierendes Gefasel. Es verfängt bei Aurora so, dass ihre Maske fällt. Wir sehen die rasend neugierige, mal entzückte, mal enttäuschte, alldieweil fleißig der Fährte folgende Gattin eines ewig als Sündenbock eingespannten Freigeistes. Anatol zieht sich endlich unerkannt zurück. Doch setzt er eine Schlussmarke, die seine Enttarnung gestattet. Im Abschiedsbrief offenbart er seine Kongenialität. Jederzeit könnte er an Leopolds Stelle schwül werden. In einer Phantasie präsentiert er sich in einem „roten Hermelinpelz … und weißen Atlashosen“. Der Adressat liegt zu seinen Füßen und bestaunt den kapitalen Fang.
„Ich werde mich ohne Zweifel in Wanda verlieben, und sie sich in mich … ein wunderbares Leben - nur darf ich nicht vergessen, vorerst das unbefleckte Siegel meines Vaters zu zerschlagen und meinen Stammbaum zu zerreißen.“
So legt der Wittelsbacher Bayernkönig Ludwig II. eine Spur ins Haus der Sacher-Masochs. Dem Paar gelingt es, Ludwigs raunenden Agenten zu identifizieren. Es handelt sich um den Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Aurora begeht an dieser Stelle einen Flüchtigkeitsfehler. Sie bezeichnet Wilhelms Bruder Alexander als jenen Stellvertreter, der ihr in den illustresten Kulissen die traurigsten Szenen machte. Ihr Prince d’Orange verausgabte sich im Pariser Nachleben bis zum verfrühten Exitus. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Henriette Hauser, saß er Édouard Manet Modell. Henriette verkörperte Manets unsterbliche ‚Nana‘. Sie paradierte sie als „Citron“. Ihren Liebhaber taufte Henriette „Prince de Citron“.
Sie wünscht sich den Sprachmeister Goya viel engagierter und dies oft im Vorübergehen. Ihre Erwartungen zielen auf eine Serie kleiner Impulse, die den erotischen Betrieb aufrechterhalten. Für Persephone ist das Mündliche, Vorläufige und Dazwischengeschaltete manchmal wichtiger als das Hauptgeschehen.