Sture Landsknechtsformation
In der Schlacht von Flodden anno 1513 marschierten die Schotten mit fünf Meter langen Piken in sturer Landsknechtsformation. Die Engländer hielten dagegen mit Bills. Das waren Stangenwaffen, entwickelt aus landwirtschaftlichen Werkzeugen. Garniert mit Haken, Klingen, Spitzen. Die Piken zerbrachen, die Bills hielten.
Aslan lehnte am Tresen, sein Blick badete in den Details eines Schlachtgemäldes. Mühelos punktete er bei Fiona mit der richtigen historischen Einordnung. Ja, Aslan war beschlagen; jederzeit hätte er aus dem Stehgreif zu der Hellebarden-Replik, die dekorativ in einem Sonnenschirmplafond ankerte, einen Vortrag halten können. Akio erinnerte einen gemeinsamen Augenblick in Florenz, Aslan vor einem Fresko, Krieger in dramatischen Posen und zugleich, dem Tod geweiht und ihr Schicksal begrüßend, somnambul-lunar entrückt. Es war in den Uffizien, es war Paolo Uccellos „Schlacht von San Romano”. Ein Lanzenwald ragte in den Himmel, die Ewigkeit sich aufbäumender Pferde, Ritter in glänzender Rüstung ... Die Piken taugten nichts in den Sümpfen von Flodden. Der Sieg hing von der Technik ab. Das keltische Element verlor sich schon in Mythen, da bluteten die keltischen Krieger noch aus klaffenden Wunden. Hinter den Fenstern der merkwürdig desolaten Schankstube schimmerte Castle Rock im Abendlicht. Edinburgh Castle thronte über der Stadt. In der Kneipe splitterte das Gelächter wie Glas. Die Trinkgeschehen wirkte wie ein Tableau vivant.
„Wenn ihr etwas Besonderes wollt,” sagte der Barkeeper, „dann habe ich den Ardbeg Corryvreckan, 57Prozent. Nichts für schwache Nerven.”
Fiona strahlte.
„Corryvreckan. Direkt von Islay. Rauch und Torf und dunkle Schokolade und schwarze Johannesbeere. Stark, rau, unberechenbar.”
Fiona prostete den verwitterten Veteranen am Tresen zu. Sie kannte jeden hier seit ihrer Kindheit. Der Tresenpatron gab sich wie ein sesshaft gewordener Seemann und ein bisschen auch wie ein Priester der Malzkunst. Er versah ein Amt - und zwar in einer Weise, die mehr Ritual als Arbeit zu sein versprach.
Drei Tage später waren Aiko und Aslan wieder in Ederthal. Noch am Abend ihrer Ankunft absolvierten sie ein Training in ihrem Garten. Ihre konstant verbundenen Kraftfelder erzeugten Lustwärme. Akio hob die Hände langsam über das Becken und begann die stehende Säule - Zhan Zhuang. Ihre Atmung führte das Qi in den unteren Dantian. Aslan folgte ihrem Bewegungsfluss. Das Liebesatmen setzte die Energie eines Tsunamis frei. Sie zogen ihre Lust in das Herz-Qi und erlebten Orgasmen vom Scheitel bis zur Sohle. Zum Spaß nannten sie das Energiearbeitshöhepunkte.
Jede Drehung ihrer Hüften, jeder Armschwenk wob das Liebes-, Lust- und Kraftnetz dichter.
In ihnen tobte ein Sturm aus Lust und Verlangen. Sie führten sich gegenseitig an ihre Grenzen - nur um in einer Schwerelosigkeit zwischen Ekstase und Katharsis zu schweben. Aiko wollte nicht, dass es aufhört. Nicht einen Moment.
Sie lag auf ihm, der Körper schweißnass, zitternd, erschöpft.
Die Atmung bewegt den Geist und der Geist bewegt das Qi. Die chinesische Medizin ordnet Kälte dem Yin und Hitze dem Yang zu. In Prozessen kontrollierter Aufladungen verwandeln sich Aiko und Aslan in eine Yang-Fackel und einen Yin-Polarkreis. Sie lassen die Elemente kollidieren und fusionieren. Sie führen ihre Aufnahme- und Leitfähigkeiten in einen gemeinsamen Qi-Stromkreis. Dieser hyperenergetische Tanz von Kraft um eine Mitte, in der ein befreiter Wille steht (ungefähr Rilke), hat einen enormen Schauwert. Jede Zeugin der Supernova wird zur Verkünderin. Ich habe die Kraft gesehen. Sie schießt wie eine von Flammen gezeugte Schlange aus den Körpern der Praktizierenden und schließt jene spiralig ein. Ich denke gerade an die Balztänze japanischer Mandschurenkraniche auf Hokkaido.
Nach solchen Qi-Manifestationen entladen sich Aiko und Aslan sehr gern ineinander. So ein Qi-Quickie in einer universitären Ecke hat seinen eigenen Reiz.
Zwischen Aiko und Aslan gibt es nichts Alltägliches, keine Gewohnheiten im üblichen Sinn - ihr Zusammensein ist Spiel, Ritual, Gebet, ein Tanz aus Licht und Wärme.
Auf einem Grat zwischen Ekstase und Weihe lassen sie sich gegenseitig glühen.
Ein seidiger Morgen. Nebel über der Ederaue.
Einatmen, die Hände heben, als würden sie den Himmel tragen. Ausatmen, die Arme senken, als seien sie Wind. Der Qi-Fluss zwischen ihnen ist sichtbar wie ein Lichtband. Aiko verkürzt den Abstand und küsst Aslan. Seine Hände gleiten unter ihren Kimono, finden ihre Hüften, finden seine Heimat. Aiko lässt den Stoff von ihren Schultern rutschen. Sie ist nackt, warm, wach.
„Du bist mein Qi”, flüstert sie.
*
Es ist einer jener Abende, an denen die Zeit stillzustehen scheint. Ein letzter goldener Glanz liegt auf der nordhessischen Savanne ... Akio und Aslan liegen auf der Decke, die sie mit in den Garten genommen haben. Rehen ästen in Rufweite.
Haut an Haut genießen sie das Nachglühen, das jederzeit zum Vorglühen werden kann. Erste Sterne zeigen sich. Marienkäfer erklimmen schwankende Halmgipfel, ein Kauz ruft. Und dann - Schritte. Lachen. Stimmen. Akio richtet sich auf. Aslan folgt ihrem Blick. Durch das Gartentor treten ...