Heilige Öffnungen
Die spanischen „Eroberer“ nannten ihn Gran Cañón. Sie verstanden nichts. Ihre Nachfolger übertrafen sie vielleicht noch auf den Feldern der Ignoranz und der Ausbeutung. Koloniale Landvermessungen, Enteignungen und Bewässerungsprojekte zerschnitten nicht nur die Landschaft, sondern auch die Zeitlinien der autochthonen Völker. Der Río Colca, einst wild und unreguliert, wurde gezähmt, kanalisiert, kontrolliert – und mit ihm die Erinnerungsräume der Collagua und Cabana.
Wir liebten uns auf der warmen Erde, geformt von tektonischer Spannung und von Erosion. So reihten wir uns ein in eine Gemeinschaft der Gläubigen, für die hier alles sakral war.
Das Dämmerungsblau verschleierte rotglühende Klippen. Die Schatten von Raben zogen kreisend ihre Muster über unseren Lagerplatz. Auch das war ein Zeichensystem.
Die Luft flimmerte von der Tageshitze, doch im Tal regte sich die Kühle der Nacht. Wind fuhr in deinen Schopf, als hätte der Canyon selbst ihn berührt.
„Die Zeit“, sagtest du. „ist keine Linie. Sie ist sedimentär. Sie rieselt.“
Alles war Gnade und Glück. Ich liebte das Gefühl, dem Ursprünglichen anzugehören.
„Hörst du das?“, flüstertest du.
„Pukaqay.“
Das Wort der Collagua für heilige Öffnungen in ihren landwirtschaftlichen Terrassen und Bewässerungsstrukturen. Zugang zur Unterwelt. Ausgang der Menschheit.
Die Collagua glauben, dass wir einer vorzeitlichen Schicht der Erde und zugleich einer Ordnung entstammen, die sich stetig wandelt. Der Colca Canyon ist ihre Pukaqay. Wo der Río Colca am tiefsten einschneidet, liegt die Bruchstelle zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
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Du sprachst vom Ayni, dem Prinzip des wechselseitigen Gebens und Nehmens, das die Welt zusammenhält – Menschen, Berge, Flüsse, Ahnen und Götter in unausweichlicher Verbindung.
In der antiken Kosmologie der Anden gibt es drei Welten: Hanan Pacha, die obere Welt des Himmels und der Götter; Kay Pacha, unsere Welt des Hier und Jetzt; und Ukhu Pacha, die untere Welt, die Quelle des Lebens, des Wassers und der Ahnen. Im Colca Canyon verlieren die Grenzen zwischen den Sphären ihre Undurchlässigkeit.
Ich wollte dich schon wieder in mir spüren. Auch wenn ich noch nicht den Mut fand, dir das Lied meiner heimlichsten Erwartungen vorzusingen, wusste ich doch, dass ich mit dir weiter gehen würde als mit deinen Vorgängern. Die Havasupai in Arizona erzählen von einem Volk, das einst in Harmonie mit dem blauen Wasser lebte. Der Fluss war ein Wesen. Eine göttliche Präsenz. In dieser Kosmologie entstand die Welt in einer Vereinigung von Wasser, Wind und Stein. Der Mensch gesellte sich als Geist dazu. So ergab sich eine Dualität von Natur und Geist. Wer diesen Pakt ehrte, vernahm die Sprache der Steine.
Jede Schicht war ein Zeitalter. Ein Weltalter. Ein abgebrochener Versuch. Eine aufgegebene Ordnung. Unsere Berührungen erinnerten in diesem Augenblick an eine Zeit, bevor alles voneinander geschieden wurde - die Körper von der Erde, das Wasser vom Geist, der Mensch von seinen Ahnen.
„Wenn wir lieben, ohne Anspruch, wenn wir hören, ohne zu nehmen, öffnet sich die Weisheit in uns“, sagtest du.
So wurde unser Körpergespräch zum Ritual … zur Erweiterung des transkontinentalen Walkabout. Du warst nicht zufällig in meinem Leben. Wir waren Aufgaben füreinander. Ich bat dich, dich meiner Mitte liebevoll zu widmen. Ich kam mit einem kosmischen Dank auf den Lippen. Du zogst mich auf dich und streicheltest meine Brüste. Obwohl du in mir warst, fühlte ich mich in dir verankert. Ich spürte deinen genitalen Puls und identifizierte ihn als göttlichen Atem.
Wir empfingen uns. Als wir später schweigend nebeneinander lagen, fühlte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben richtig erzählt.