Atmendes Schweigen
Schliefst du? Dein Atem ging gleichmäßig, deine Hand hielt meine sehr fest. Ich schloss die Augen. Und dann sah ich ihn. Einen Greis, gehüllt in ein Gewand aus Borke und Leder, das Silberhaar kunstvoll geflochten und mit Federn des Kondors geschmückt. Gestützt auf einem Stock, stand er auf einem Felsvorsprung über dem schwindelerregenden Abgrund des Colca Canyon.
„Du bist am Rand der vierten Welt,“ verkündete der Schamane. „Dies ist nicht Traum. Dies ist Erinnerung.“
Er führte mich in einen Kreis mit spiralförmigen Mustern, eingezeichnet im Sand.
„Die Welten wechseln, wenn der Mensch das rechte Maß verliert.“
Er berührte mit seinem Stock den Mittelpunkt der Spirale.
„Du bist gekommen, um dich zu erinnern. Du bist willkommen.“
Hinter ihm erschien ein Hirsch mit sieben Geweihspitzen, gefolgt von einer Schlange mit kupfernen Augen.
„Diese sind deine Zeugen.“
Der alte Mann deutete auf mein Herz.
„Du hast vergessen, was du wusstest, bevor du sprechen konntest. Der Canyon aber erinnert dich an deinen Weg durch die Welten.“
Ich wollte fragen, ob das eine Prüfung sei, aber der Alte schüttelte den Kopf, bevor ich sprechen konnte. Und dann lag ich wieder in deinem Arm unter den Sternen. Im ersten Licht des Morgens erschien ein Bauer mit seinem Maultier. Er sagte:
„Der Ort hat euch wiedererkannt.“
Aus einem Beutel zog er ein Bündel, eingewickelt in Rinde, gebunden mit Gras. Er legte es vor uns ab.
„Für den Rückweg. Ihr werdet es brauchen.“
Sakrale Topografie
Der Morgenwind wirbelte Staub auf. Die Sonne versengte zerklüftete Felsnasen, die wie Moai über dem Colca River aufragten. Nur einen Meter breit schob sich die Felszunge über eine Steilwand hinaus, eine schmale, ungesicherte Plattform über dem Abgrund. Ein falscher Schritt, ein Augenblick der Unachtsamkeit und unser Abenteuer wäre zu Ende gewesen. Lange hatte ich geglaubt, nichts könne mich stärker bewegen als die Songlines der Anangu und das atmende Schweigen der australischen Wüste. Ich wähnte mich auf der Fährte meines eigenen Dreaming; unterwegs im Geist des Walkabout. Vielleicht war das anmaßend, oder auch nur neunmalklug, aber ich war Anfang Zwanzig und kein Mensch redete von illegitimer kultureller Aneignung. Der lateinamerikanische Canyon offenbarte nicht nur mir, sondern uns beiden eine sakrale Topografie.
„Wir sind auf einem transkontinentalen Walkabout“, verkündete ich. Du nicktest. Dieses Wissen war auch in dir. Ich hatte unseren Gedanken nur ausgesprochen.
Du warst einfach da, so hyperpräsent wie all die Naturdolmen um uns herum.
Der Colca Canyon wirkte nicht, als sei er bloß geformt worden. Er schien geatmet zu haben, in Jahrmillionen, mit einer Geduld, die jeder Vorstellung trotzt. Die Erde klaffte auf, als hätte ein Karategott per Handkantenschlag den Felsen geteilt, um das Innerste der Welt offenzulegen.
*
Das Wasser eines saisonalen Nebenflusses schimmerte wie flüssiger Türkis, unwirklich schön. Jemand hatte den Himmel in den Canyon gegossen.
Der Schmelzwasserstrom mäanderte in einem Bett zwischen lunar leuchtenden Wänden. Das Wasser war unerwartet kalt, milchig von gelöstem Kalk. Winzige Wirbel umspielten meine Knöchel. Wie Adam und Eva überwanden wir Hand in Hand die Kältebarriere. Die Strömung entwickelte einen starken Sog. Wir konnten uns dem Fluss nicht ohne Obacht überlassen.
Ein Wasserfall schoss über eine Naturkaskade mit vermoosten Kanten in ein elementares Bassin. Wir setzten uns da auf einen flachen Stein und genossen ein heftiges Duscherlebnis. Ich roch Oregano, Thymian und Minze.
Damals wusste ich schon eine lange Weile, dass du mich sahst. Deine Wahrnehmung ging über meine allgemeine Wirkung weit hinaus. Sie erfasste meine inneren Bewegungen. Du kanntest die erogene Zone meiner Seele.
„Ich glaube, ich will dir hier und jetzt etwas sagen, dass für immer mit diesem Duschbad verbunden sein wird“, flüsterte ich gegen den Wasserlärm an.
Du nicktest bloß. Hättest du insistiert, ich wäre zurückgeschreckt. Doch du hast nie gedrängt. Und gerade deshalb war es möglich.
„Ich habe“, stockte ich, Worte suchend, die nicht kitschig klangen und schon gar nicht falsch waren. „Ich spüre es so stark, dass ich mich dir anvertrauen kann. Auch bei Sachen, die ich noch nie jemandem gesagt habe.“
Du sahst mich an. In deinem Blick lag absolut nichts, was mir Vorsicht gebot. Ich sah nur deine wahnsinnige Unbefangenheit und dieses stille Wissen, das ich nie ganz begreifen konnte.
„Ich vertraue dir so sehr, dass ich mich ...“
Du antwortest in der Sprache deiner Zärtlichkeit. Du zogst mich von dem Stein, wir gerieten sofort in die Strömung, wurden auseinandergerissen, mussten uns durch einen Parcours von Strudeln unsanft führen lassen. Wir waren Spielbälle. Auf uns wirkte elementare Gewalt und drohte, uns zu verschlingen.
Ich hatte keinen Augenblick Angst. Irgendwo in dieser tobenden Wildheit warst du, und dann waren wir wieder zusammen. Wir küssten uns leidenschaftlich, bevor wir vorsätzlich dramatisch auf einem Felsen strandeten, den eine Rinne vom Ufer trennte.
„Du musst mir nichts erklären“, sagtest du. Ich lehnte mich an. Du hieltest mich behutsam, wie man etwas Kostbares hält. Ich wollte weitergehen. Jedes Mal, wenn ich den Mund öffnete, kam nur ein halber Satz. Eine verkleidete Wendung. Eine Arabeske der Scheu.
Seit Tagen diskutierten wir das Maß der Liebe. Warum nicht das Gespräch auf einem Felsen weiterführen, der aus dem Río Colca ragte.
Der Stein war warm, beinah heiß. Wären wir nicht ausgekühlt gewesen, hätte wir die Aufladung kaum ausgehalten. Ich liebte es, zu erleben, wie schnell du zurück in unser Lieblingsspiel fandest. Unsere Körper trockneten schlagartig. Ich beobachtete glitzernde Linien auf deiner und meiner Haut. Alles in mir drängte zur Berührung. Du wusstest es. Das Maß unserer Liebe ließ sich im Augenblick nicht mehr bestimmen. Es war nicht mehr du und ich - es war das, was sich ineinander verstrickte und darüber hinaus ging.