MenuMENU

zurück

2026-01-25 11:08:45, Jamal

Die unsichtbare Landkarte

Folgten wir einer Linie, die nicht wir gewählt, sondern erinnert hatten? Rief uns das Land? War unsere Route in Wahrheit ein Resonanzraum mit persönlichen Botschaften?

War dieser Einfallsreichtum nicht leichtfertig? Was wussten wir schon. „Dreaming - Traumzeit“ reduzierte das Konzept auf eine westliche Vorstellung von Träumen, Innerlichkeit und Fiktion. Die Deutung ignorierte einen ontologischen Rahmen, in dem Schöpfung, Land, Identität und Handlung miteinander verwoben sind. Mich faszinierte diese Kosmologie. Ein vollständiges nicht-technisches Deutungssystem, in dem sich eine Lebensweise spiegelt, die für uns 300.000 Jahre lang ständige Praxis war. Ich will jetzt nicht von Stone Age High Tech anfangen. Für mich zeigte sich darin auch eine Einladung, andere Seinsweisen wahrzunehmen - weniger individualistisch, stärker eingebunden, verbunden mit Ort, Zeit und Ahnen. Es kontrastierte westliche Vorstellungen von Autonomie, Fortschritt, Getrennt-sein. Vielleicht lag gerade darin der Wert, sich „Dreaming“ mit Respekt und Offenheit zu nähern - nicht um es zu vereinnahmen, sondern um zu lernen, dass unsere Welt auch anders gedacht werden konnte.

Einst hatte ich versucht, Sigmund Freud originell zu lesen und ihn als jemanden zu verstehen, der eine europäisch-urbane Variante von „Dreaming“ geschaffen hat - wenn auch auf seine eigene, tief in Rationalität und Individualpsychologie verankerte Weise. Das „Dreaming“ (in der Kultur der Aboriginal People) ist kollektiv, mythisch, zeitlos, zyklisch, landschaftsgebunden und identitätsstiftend. Es erzählt, wie die Welt entstanden ist, welche Verbindungen zwischen Menschen, Orten, Tieren und Gesetzen bestehen. Freuds Traumdeutung hingegen ist individuell, psychologisch, linear, innengeleitet und symbolisch - aber auch sie ist eine Kartografie des Unsichtbaren, eine Interpretation von Sinn, durchzogen von Erzählstrukturen und symbolischen Figuren, die aus einem „anderen“ Bewusstsein sprechen. Beide Systeme - das „Dreaming“ und Freuds Theorie des Unbewussten - versuchen, verborgene Kräfte, die das sichtbare Leben strukturieren, verständlich zu machen. Beide erkennen im Traum eine vermittelte, tiefer liegende Wahrheit. Beide verwenden Erzählung, Bild, Symbolik - um Unsichtbares zu übersetzen. Und beide sind letztlich auch Sinnstiftungsmaschinen - mit ethischer, sozialer oder heilender Funktion.
Freud „verinnerlicht“ die Mythen: Er sucht sie im Subjektkern. Das ist die große Verschiebung vom mythischen Weltverständnis zur modernen westlichen Innenwelt. 

Die eurozentrische Sicht - Sigmund Freud, der in seinem Werk auf archaische Mythen und „primitive“ Kulturen zurückgriff, interpretierte sie meist als Projektionsflächen für westliche Seelenkonflikte - ohne deren Eigenlogik zu verstehen. Seine Konstruktion der Psyche ist tief verwurzelt im kulturellen Selbstbild des Westens. Die „Urhorde“, das „primitive Ich“, die Phantasmen der Wildheit - das alles folgte einer Gliederung im Geist des industriellen Zeitalters, an deren Ende der europäische, bürgerliche Mann als implizites Ideal stand. Freud schrieb über „die Wilden“, ohne ihnen je begegnet zu sein - sie waren Denkfiguren, nützliche Folien. Claude Lévi-Strauss’ „Traurige Tropen“ gilt als Meilenstein der Ethnologie, ist aber zugleich Ausdruck einer melancholischen, fast ästhetisierenden Fremderfahrung, die das Eigene an der Differenz misst und das „Andere“ letztlich zum Spiegelbild europäischer Krisen verklärt. Und André Malraux, der mit kolonialem Gestus durch Kambodscha streifte und Tempelreliefs wie Trophäen betrachtete. Skrupellos wilderte er im Reich der Roten Khmer. Vor seiner Glanzzeit als Schriftsteller und Kulturminister war er ein Plünderer - geleitet von der Überzeugung, dass große Kunstwerke gerettet -, wenn nötig auch aus ihrem Zusammenhang gerissen werden müssten. 1923 ließ er in Kambodscha Tempelreliefs aus Banteay Srei entfernen - kunstvolle Apsara-Figuren, gemeißelt in rosa Sandstein. Er wurde verhaftet, verurteilt, kam aber schnell wieder frei. Später stilisierte er sich zum Verteidiger der Kultur gegen das Vergessen. Der weiße Hochmut blieb unangetastet.   

Malraux war kein Einzelfall. Ganze Museen des Westens beruhen auf dieser Geste: der Überzeugung, dass sich aus gebildeter Bewunderung Ansprüche ableiten ließe - weil man zu würdigen weiß. Der koloniale Blick verkleidet sich. Noch immer tragen Aneignungen die Signatur des Übergriffs: Wir geben euch Bedeutung, indem wir euch entnehmen.