Der Atem der Welt
Ich weiß nicht, ob es eine Initiation war. Es gab keinen zeremoniellen Rahmen, keinen Moment, an dem eine Erfahrung deutlich begann oder endete. Und doch war da dieses Gefühl, dass etwas durch mich hindurchging. Kein Wissen. Nichts, dass sich in Besitz nehmen ließ. Ich assoziierte ‚Durchlässigkeit‘. Das Bild von einer Tür, die nicht mehr ganz schließt.
Im Outback nahm meine Ehrfurcht vor der Schöpfung eigene Farben an. Gleichzeitig kämpfte ich mit der bizarren Empfindung, unangemessen auf die Erscheinungen zu reagieren. Unangemessen im Sinne von beanspruchend und vereinnahmend. Als hätte ich in der Wüste auch nur das Geringste beanspruchen können. Alles in mir war europäisch sortiert. Denken in Linien, Begriffe als Werkzeuge, komplett auf Analyse gepolt. Im australischen Busch wirkte wie eine Mentorin, die nicht mit mir stritt, sondern einfach neben mir stand und sagte: Du kannst es nicht fassen, aber du kannst es lassen.
Ich weiß, dass vieles von dem, was ich fühlte, gefährlich nah am Kitsch siedelte. Mein Blick verlor seine Ungenauigkeit nicht in den geführten und beaufsichtigten Begegnungen mit archaisch dimensionierten Daseinsformen. Wie alle Touristinnen musste ich aufpassen, nicht zu nehmen, was mir nicht gehörte. Ich blieb Gast. Trotzdem fühlte ich mich berührt von etwas, das älter war als Sprache, älter als meine Zweifel, älter als meine Vorstellungen davon, wie Erkenntnis funktioniert. Vielleicht waren es die Wüstenfarben, die mir das erzählten. Nuancen zwischen Sand, Staub, Hitze und Schatten. Farben, die nichts beweisen müssen. Sie erinnerten mich an etwas, das ich nie zuvor gesehen hatte, aber doch erkannte. Und vielleicht geht es gar nicht darum, es zu verstehen. Vielleicht reicht es, dass es mich verwandelt hat.
*
Wir verließen Alice Springs am frühen Morgen. Dunst überzog die Landschaft, kaum mehr als ein flüchtiger Schleier, ein letzter Atemzug der Nacht. Ich fuhr. Wir sprachen wenig. War es Wehmut? Schon legte ich mir eine Version zurecht, in der das alles in der Vergangenheit lag. Ich erinnerte das Outback bereits, während ich ihn noch erlebte. Das Asphaltband des Stuart Highway zog sich. Stunden ohne landschaftliche Abwechslung. Nur Hitze und roter Staub, der sich überall festsetzte. Spinifex, Termitenhügel, ein Kängurukadaver. Ein ausgebleichter Rinderschädel.
Wir erreichten das Wüstennest Tennant Creek. Die Sonne stand tief, der Himmel changierte von flammendem Orange zu halluzinogenem Violett. Die Nacht brach herein. Noch in der Dunkelheit flimmerten die Tageshitze über dem Straßenasphalt.
Ich beobachtete lauter Kinoeffekte. Jede Szene kannte ich aus einem Film, so unwirklich und geradezu gespenstisch war das alles. Das Kaff erschöpfte sich in einer Ansammlung von Gebäuden mit rostigen Wellblechdächern, geschlossenen Tankstellen und verrammelten Läden.
Der Motelparkplatz war leer bis auf ein paar Pickups, die so aussahen, als seien sie schon lange nicht mehr bewegt worden. Das Bett war eine nicht besonders breite Pritsche, auf dem Bildschirm des toten Fernsehers klebte ein Zettel mit der Zeile: Enjoy the stars, not the screen. Die Dusche war nicht einladend genug für ein erotisches Zwischenspiel. Aus dem verrosteten Brausekopf kam enttäuschend wenig Wasser. Ich entbehrte das gute Gefühl, frisch geduscht zu sein. Als ich mich anziehen wollte, gabst du deine gespielte Gleichgültigkeit auf. Ein Blick reichte. Die Kammer wurde zur Kulisse für einen Moment völliger Gegenwart. Unsere Lust brach auf. Keine Inszenierung, kein Vorspiel. Deine Hände auf meinem Hintern, mein Atem an deinem Hals, unsere Körper fanden sich ohne Umweg. Das Bett quietschte empört, als wollten die Sprungfedern protestieren, aber sie hielten stand. Unsere Ströme flossen ineinander. Wir verschmolzen auf dem Zenit unseres Begehrens und bedankten uns gegenseitig mit einem Gänseblümchenstrauß der nachträglichen Zärtlichkeit. Mich amüsierte der Kontrast zu meinen Fingernagelspuren auf deinem Rücken.
Zum Abendessen gingen wir lediglich über die Straße vor dem Motel in einen Pub. Von außen sah die Kneipe aus wie eine Werkstatt im frühen 20. Jahrhundert. Auf einem Schild stand: Cold Beer - Hot Meals - Locals Only (But You’re Alright). Hinter dem Tresen stand eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt, die uns mit einem verwaschenen Nicken begrüßte. Es konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war es sogar freundlich gemeint. Keine Jukebox, kein Fernseher, kein WLAN. An den Tischen saßen Männer in Shorts und Boots. Trucker, Miner, Farmer. Eine begnügten sich mit Büchsenbier, dem schäumenden Hahn zum Trotz. Wir reihten uns ein, nahmen ein Carlton Draught vom Fass und bestellten Steak mit Pommes, ohne nach der Karte zu fragen. Es gab sowieso nur das, was auf dem Schild über der Theke stand. Kein Schnickschnack. Das Fleisch blutete, die Pommes knusperten, die Jumboflasche Ketchup trug kein Etikett.
Man trank hier sogar Carlton Draught aus der Büchse, so wie Victoria Bitter und XXXX Gold - serviert in kleinen Schaumstoffhüllen, den stubby holders.
Ein Blue Heeler (Australian Cattle Dog) langweilte sich unter dem Billardtisch.
Am nächsten Morgen brachen wir zeitig auf. Nichts hielt uns in dieser bewirtschafteten Einöde. Wir bogen auf den Barkly Highway ab, es ging jetzt Richtung Osten. Die Straße war gerade wie mit einem Lineal gezogen. Die monomentale Monotonie schrie danach, jemandem aufs Gemüt zu schlagen.