Grenzlicht
Auf dem Weg nach Queensland veränderte sich die Landschaft zunächst fast unmerklich. Das endlose Outback-Ockerbraun wich vegetativem Grün. Die Erde verlor ihre Staubschicht.Sträucher wurden zu Büschen, Büsche zu Bäumen. Plötzlich gab es wieder Schatten.
Am Nachmittag passierten wir ein Schild mit der Aufschrift: Barkly Homestead - Fuel · Food · Accommodation · Beer. Ein Roadhouse mitten im Nirgendwo; die einzige Tankstelle, das einzige Bett, die einzige Cola weit und breit. Später notierte ich: Tanken, Essen, Dusche, Sternenhimmel. Das war nicht alles. Ich unterschlug den schönsten Moment des Tages, einmal wieder unter der Dusche.
Die Homestead bestand aus einem Gebäudeensemble mit einem grünen Innenhof - ein fast absurder Anblick in der Wüste. Es gab eine Tankstelle, einen Souvenirladen und ein bayrisch-rustikal vertäfeltes Restaurant.
Ich bestellte einen Chicken Parmy mit Chips und eine Cola, du bliebst bei Steaks und Pommes und Ginger Beer. Wir setzten uns unter einen Ventilator und ließen die Kühle langsam in uns hineinkriechen. An der Wand pappten Landkarten und ein Aushang mit „Dingo-Warnung“. Neben mir aßen zwei Grey Nomads-Paare Toasties mit Tomato Sauce, während ihre kleinen Hunde unter dem Tisch dösten.
Das Personal war jung und leicht zu identifizieren als amerikanische und europäische Backpacker, die für Kost, Logis und ein Taschengeld ein paar Wochen jobbten. Sie rissen sich alle kein Bein aus. Draußen standen Road Trains, Lkw-Kolosse, die so lang waren wie ein halber Zug. Wir hörten die Fahrer, sahen sie aber nicht.
Mount Isa
Am dritten Tag passierten wir die Grenze nach Queensland. Die Straße führte nach Mount Isa. Es war die erste größere Stadt seit Alice Springs, eine Miner-Kapitale fast schon an der Outback-Peripherie.
In Mount Isa gönnten wir uns den Komfortgenuss des besten Hauses am Platz. Das RedEarth Boutique Hotel war ein flacher, terrakottafarbener Bau mit breitem Vordach und einem gepflegten Vorplatz aus hellem Kies mit Anmutungen eines japanischen Steingartens. Im Haus war alles überraschend still, kühl und makellos. Die Frau hinter dem Rezeptionstresen hatte perfekt gezogene Augenbrauen. Du hieltest ihr die Kreditkarte hin, sie lächelte professionell, machte ihren Job, reichte dir die Schlüsselkarten. Zimmer 207, zweite Etage, rechts vom Aufzug. Das Zimmer roch nach Eukalyptusreiniger. King-Size-Bett, Nespresso-Maschine, Airconditioning, Flachbild-TV. Blütenweiß bezogene Betten, dichte Vorhänge, ein Bad mit Glasdusche, Eartherapy-Toilettenartikeln, polierte Armaturen, mannshoher Spiegel und Handtücher, die kunstvoll gerollt auf dem Waschbecken lagen.
Das erste Bad seit Tagen, das nicht nach Camping roch.
Wir umarmten uns unter dem Strahl. Du hattest du den Fernseher eingeschaltet, wir hörten Nachrichten. Die Weltlage war weit weg. Wir standen einfach nur da, ließen das Wasser über unsere Nacken laufen, über Rücken, Schultern, Beine. Schaum floss über die Fliesen unter unseren Füßen. Dampf legte sich auf den Spiegel.
Wir räkelten uns im Behagen.
Das Hotel hatte ein eigenes Restaurant mit á la Carte‑Menü (Steaks, Meeresfrüchten) und Cocktail-Lounge.
Charters Towers
Charters Towers verdankte sich einem Goldrausch. Die Stadt wirkte wie eine amerikanische Westernfilmstadt in den 1950er Jahren. Antike Fassaden mit verblassten Lettern, ein Hotel namens World’s End und leere Straßen.
Wir checkten ein, das Motel nannte sich großartig Heritage. Es stank nach nassem Hund und Wandschwamm. Die Klimaanlage war verbrecherisch laut.
„Hot Meals - Cold Beer“ - Wir aßen im Pub gegenüber unserer Bleibe - Burger, Bier, keine Fragen. Die Leute zeigten sich desinteressiert in einer höflichen Spielart. Vielleicht kannten sie schon alle Geschichten. Die Jukebox spielte australischen Country aus den 1990er Jahren, ein Neonlicht flackerte wie auf einem Gemälde von Edward Hopper.
Zurück im Motelzimmer wolltest du noch mal duschen. Du kamst aus dem Bad, dein Blick war offen, aber nicht einladend. Wieviel Luft und Lust blieb uns noch nach diesem Tag?
Ich richtete mich auf. Du standst am Fenster, sahst hinaus, als gäbe es da draußen mehr zu sehen als einen staubigen Parkplatz und die Säuferampel des Pubs.
„Die Leute hier“, sagtest du, „sehen einen an, als wüssten sie alles über einen. Aber sie sagen nichts.“
Endlich kamst du zu mir. Deine Haut schimmerte, ich roch dein Shampoo.
„Sag was“, verlangtest du.
Ich sagte nichts, sondern legte eine Hand auf deine Brust. Du warst warm. Lebendig. Gegenwärtig. Und plötzlich war da wieder dieses Prickeln. Draußen schwirrten die Mücken um die Laterne. Wir vereinten uns in einer Umarmung.
Dein Rücken lag warm an meinem. Ich spürte die Hitze deines Tages, die Müdigkeit, das unausgesprochene noch 130 Kilometer bis Townsville. Ein paar Mücken hatten sich durch den Riss im Fliegengitter geschlichen. Du fluchtest leise und zogst das Laken über den Kopf. Ich lachte und sagte nichts.
Ankunft in Cairns
Weiter ging es auf dem Barkly Highway Richtung Osten. Die Straße wurde schmaler, der Verkehrsstrom versiegte. Um uns Savanne. An der Grenze zu Queensland wechselten wir auf den Flinders Highway. Je weiter wir nach Norden fuhren, desto grüner wurde es. Die Farben verloren ihre Blässe. Das Himmelsblau intensivierte sich, die Schatten wurden kürzer. Bei Cloncurry bogen wir auf den Gregory Highway ab. Die Vegetation streifte ihren Armutskittel ab und changierte in Richtung tropischem Wildwuchs. Der letzte Streckenabschnitt führte uns über den Bruce Highway Richtung Cairns. Plötzlich war da das Meer. Ich sog die salzige Luft ein.