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2026-01-25 13:09:09, Jamal

Flüssiges Licht

„Du führst mich an Punkte, die ich mit keinem anderen Menschen erreichen möchte“, sagte ich.

Du sagtest nichts. Allein dein Blick sprach Bände. Ich zog mich vor dir aus und berührte dich zärtlich. Du nahmst mich in die Arme, deine Hände glitten über meinen Rücken und klebten dann an meinem Po. Ich presste mich gegen dich. Zwei Spiegel, einer in meinem Rücken und einer in deinem Rücken, vervielfältigten die Szene.

„Gefällt dir, was du siehst, Liebster?“, fragte ich.

„Das spürst du doch, meine Süße.“

*

Der Spiegel des Ozeans war flüssiges Licht. Fließender Glanz. Nana tauchte ab. Blasen stiegen auf. Das Riff war eine leuchtende Kalkkathedrale. Nana registrierte flammendes Rot, magisches Türkis, irisierendes Violett. Fächerkorallen wie zarte Hände. Anemonen wie fließende Seide. Clownfische tanzen in einem Anemonen-Garten. Nana floss in die Tiefe. Ihr Haar, vom Wasser getragen, rahmt ihr Gesicht wie Algenfäden in einer Traumsequenz. Sie verlor sich in den Sensationen lautloser Harmonie und flüssiger Schwerelosigkeit.

Langsam stieg ich auf. Die Sonne brach über mir in tausend Splittern. Der Katamaran krängte in der Dünung. Ein Tagescharter. Weißer Rumpf, Teakholzdeck, Segeltuchdach. Der Name Ocean Silence stand in blauen Lettern am Bug. Du reichtest mir die Hand, zogst sie an Bord; sahst, wie überwältigt ich war. Das Funkeln in seinen Augen. Deine Hand strich über meinen Arm. Du streiftest mir das Bikinioberteil ab. Ich zupfte an deinen Shorts. Unsere Körper heizten sich auf. Ich lehnte mich an dich, hörte dein Herz schlagen - und für einen Moment war alles außen still: nur Haut, Salz und Sommer.

Wir ankerten 25 Seemeilen nordöstlich von Cairns, auf Höhe von Michaelmas Cay - einer sandigen Koralleninsel, die gerade noch aus dem Wasser ragte, mit einer Seeschwalbenkolonie.

Zwei Boote lagen in der Nähe: ein Glasboden-Katamaran und ein Dreimaster, der wie eine Requisite für schnell abgedrehte TV-Serienmotive wirkte und auch noch Leviathan hieß.  

Ein Buckelwal tauchte auf. Zuerst der Blas, ein weißer Atemstoß. Dann hob sich der Rücken: dunkel, gewölbt, die Finne weit hinten. Schließlich der Flossenschlag, eine träge Bewegung beinah, aber von kolossaler Kraft. Das Wasser kräuselte sich in konzentrischen Kreisen.

Der Wal passierte uns mit geringem Abstand. Vermutlich war es ein allein reisendes Tier. Die Buckelwale der südlichen Hemisphäre wandern saisonal. Im Winter kalben sie in tropischen Gewässern, im Sommer ziehen sie in die Antarktis zurück. Manchmal halten sie sich ein paar Tage an den äußeren Riffkanten auf.   

*

Das Boot rollte vor Michaelmas Cay auf der Dünung. Die Insel, in ozeanischen Dimensionen kaum größer als ein Maulwurfhügel, diente Seeschwalben und Tölpel als Refugium. Wir teilten uns gegrillten Riffbarsch, gewürzt mit Limette, Chili und Zucker, und einen Salat aus Papaya und Koriander, den wir auf dem Markt in Cairns gekauft hatten.  

Das Wasser glitzerte mysteriös im Mondlicht, und ich spürte, wie die Welt sich veränderte. Unsere Blicke trafen sich. Ich wusste, wonach dir der Sinn stand. War es eine Mutprobe? Oder einfach nur die einzige angemessene Reaktion auf all den Südseezauber? Ich stand auf und entkleidete mich. Im nächsten Augenblick umarmte mich das Meer. Das Wasser war wärmer als die Luft. Mich umschwebten biolumineszente Organismen. Jeder Bewegung löste einen Funkenflug aus.  

Ich ließ mich auf dem Rücken treiben. Neben mir spürte ich dich. Unsere Körper berührten sich kaum. Sie speicherten eine gemeinsame Erfahrung. Würde uns die Einmaligkeit unserer Erlebnisse zusammenschweißen? Das Unheimliche verbündete sich mit der Magie. Die Angst klapperte mit den Glückszähnen. Irgendwann kletterten wir zurück an Bord. Du holtest ein Handtuch. Ich war ein bisschen enttäuscht zuerst, weil du dich mir anscheinend nur fürsorglich widmen wolltest. Vielleicht war das schon erotische Raffinesse. Die Enttäuschungsblase platzte und öffnete den Erregungsraum. Während deine Handtuchhände sich mit meinen Füßen beschäftigten, ertastete deine Zunge meinen Tau.  

„Willst du, dass ich jetzt für dich komme?“, fragte ich.

Du kamst mit zwei Pfirsichen aus der Kombüse und reichtest mir einen. Der Saft lief mir über die Finger, tropfte auf meine Schenkel. Du nahmst meine Hand und führtest sie zum Mund. Du lecktest meine Finger andächtig ab. Der Pfirsichgeschmack und die Valeurs von Salz und Sonne verbanden sich mit unserer Lust.