Namba Station
Wir kehrten ins Hotel zurück. Das Schattenspiel der Ventilatorblätter. Ich legte das Tuch auf ein Kopfkissen. Eine Geste zwischen Einladung und Aufforderung, Ich wollte vor dir nichts mehr zurückhalten. Da war nur dieses heiße Verlangen.
Was du in mir gelöst hattest, ließ sich nicht wieder bändigen. Ich war bereit, über die Schwelle zu gehen. Hattest du das vorausgesehen? Hattest du das schon einmal mit einer Frau erlebt?
Ich verscheuchte den Gedanken. Ich wollte mehr. Nicht nur Berührung. Nicht nur Begehren. Ich wollte, dass alles, was außerhalb dieses Bettes existierte, verschwand. Dass die Welt dein Atem wurde. Ich ließ dich mich schmecken. Meine Hände in deinem Haar. Ich bäumte mich unter dir auf, zog dich hoch. Die Eruptionen meines Beckens sagten zumindest mir, es ist für immer. Du bist der Mann meines Lebens. Ich verdrängte die Vorstellung, dass du einfach nur ein guter Liebhaber sein könntest. Einfühlsam. Kompetent. Versiert. Trittsicher. Hervorragend ausgestattet mit einem kultivierten Jagdtrieb. Zwei Tage später flossen wir gemeinsam in einem Menschstrom über Rolltreppen und durch gläserne Übergänge, vorbei an irritierend flackernden Reklamen. Wir befanden uns in einem unterirdischen Labyrinth auf dem Weg zu Gleis 10.
Namba Station ist ein Verkehrsknotenpunkt, unterirdisch verzweigt, ein eigenes Universum.
Geschäftsleute im Anzug, Schulmädchen mit weißem Kragen, eine Frau im Kimono. Namba ist der Startpunkt der Nankai Kōya-Linie. Wir folgten den Schildern zur Nankai Electric Railway und holten die Tickets am Schalter.
Nankai Kōya Line Limited Express bound for Gokurakubashi will depart from Platform 10.
Ein Schriftzug in goldenen Lettern verriet das Ziel des Zuges - Kōyasan - Gokurakubashi.
Polstersitze in warmem Rot, Vorhänge an den Fenstern. Die Stadt zog sich an uns vorbei. Der urbane Puls wurde schwächer. Der Zug war kaum halbvoll. Uniformierte Schüler dösten über aufgeschlagenen Schulbüchern. Ein Mönch las konzentriert. Landfrauen versorgten sich gegenseitig mit Reisbällchen.
Die Berge rückten näher.
Ich sah dich an. Du sahst zum Fenster hinaus. Zypressen. Nebelschwaden. Schreine auf menschenleeren Bahnhöfen. Ich lehnte mich an dich. Du legtest deine Hand auf meinen Schenkel.
*
Tokugawa Iemitsu, dritter Shogun der Tokugawa-Dynastie, schließt Japan 1633 von der Welt ab. Das Shogunat beschränkt den Kontakt zu Europäern auf Vertreter der „Verenigden Oostindischen Compagnie”, die ab 1640 als Expatriierte auf einer stinkenden, aus dem Meerbusen vor Nagasaki ragenden, mühsamer Landgewinnung abgetrotzten Erhebung namens Dejima konzentriert werden. So unbequem die Verhältnisse auch liegen, sie bieten sich doch einer Monopolstellung, die erst von amerikanischer Kanonenbootpolitik 1853 gebrochen wird, zur Nachsicht an. Dass die kleinen Niederlande Portugal ausstechen, hat jedenfalls auch diesen Grund: die Protestanten missionieren nicht. Anders als jene katholischen Imperialisten, die Japan am Ende der Magellanstraße „entdeckten” und ihre koloniale Doppelstrategie (Rettung der Seelen, Plünderung der Ressourcen) nach Schema F repetierten. - Und auch wieder nicht. Die besonderen kulturellen Formate Japans werden von allen Reisenden geschildert. Im Gegenzug studieren Japaner europäische Vorsprünge (nach der Abschottung im Rahmen der Hollandkunde-Rangaku).
Die Dutch East India Company hat keinen hoheitlichen Status. Japan unterhält diplomatische Beziehungen zu einem Handelshaus. Die niederländische Regierung erwartet von den jährlich wechselnden Faktoreivorstehern, dass sie über den Betrieb hinausreichende Interessen wahrnehmen und die Vorteile abfischen, die sich aus dem Alleinvertretungsanspruch ergeben.
Tokugawa Iemitsu betreibt unter seinen Leuten Christenverfolgung im römischen Stil. Viel weiß man über den im Reichseinigungskampf erfolgreichen Shogun von François Caron. Der Sohn hugenottischer Flüchtlinge kommt als Küchenhelfer auf einem holländischen Schiff nach Japan. Er bildet sich zum Dolmetscher aus und findet in dieser Rolle Verwendung beim Fürsten. 1639 wird Caron Chef der Niederlassung. Später orientiert er sich nach Batavia. Er kämpft gegen die Portugiesen auf Ceylon (Sri Lanka). Als Gouverneur auf der Insel Formosa erreicht Caron einen Karrierehöhepunkt. Schließlich entkleidet er sich seiner niederländischen Würden und tritt in französische Dienste. In Frankreich nimmt man ihn als Franzosen und so auch als den ersten Franzosen, der in Japan zum Schriftsteller wurde.
Kaufleute erfüllen Aufgaben der Krone. Sie bestimmen die Kolonialpolitik und verwischen die Grenzen zwischen privatem Handel und öffentlicher Verwaltung. Den ostindischen Dienst lassen sie auf der ganzen Linie zu einer Söldnersache herunterkommen. Zu Carons Zeiten als CEO bringt eine Ladung der Dutch East India Company-Retourflotte bei einem Einsatz von sechshunderttausend Gulden auf dem Amsterdamer Markt zwei Millionen. Wegen solcher Spannen grassiert Spekulationsfieber bei japanischem Kupfer und javanesischem Schwefel.