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2026-01-25 15:46:07, Jamal

Japanische Hügelgräber

Osaka war feucht und geordnet. Wir stiegen in den Haruka Express, der Zug setzte sich lautlos in Bewegung. Ich sah hinaus auf flache Vorstädte, auf Linien aus schwachem Tageslicht.

*

Direktflug nach Kumamoto. Wir warteten am Gate. Die Reisenden wirkten in ihren Bewegungen wie gebannt.

Der Dreamliner hob ab. Unter uns schrumpfte die Insel Honshū. Ich saß am Fenster, beobachtete, wie das Licht an der Tragfläche entlanglief. In der Kabine war es still, fast feierlich. Serviert wurde grüner Tee, eine einfache Mahlzeit. Ich nahm sie an, als wäre sie ein ritueller Übergang – eine Gabe auf dem Weg.

Du schliefst eine Weile. Ich blieb wach. Eine Ahnung von Verbindungen, die weder Ort noch Zeit brauchten. Ich empfing stillen Zuspruch. Vielleicht war es Einbildung. Vielleicht war es eine Erinnerung. Schon bald sah ich das Seto-Binnenmeer, ein Inselmosaik.  

Wir erreichten Kyūshū. Im Westen zeichnete sich die Küstenlinie ab, ich erkannte Mount Aso. Wir überflogen die Küste von Kumamoto. Das Meer war nichts als tiefes Blau. Der Pazifik spannte sich wie ein Tuch. Der Pilot kündigte die Landung an. Kumamoto verhüllte sich im Nebel.  

*

Grandiose Kaldera-Formationen prägten die Landschaft. Die erdgeschichtlichen Verwerfungsexzesse lieferten schlagartigen Entvölkerungsprozessionen malerische Kulissen. Touristen ergötzten sich am Verfall. Es gab einen Ruinen-Hype. Alle Wege führten zu Hügelgräbern, japanisch Shōwa.

„Die Shōwa-Zeit ... bezeichnet ... die Regierungszeit des Tennō Hirohito, des dritten Kaisers der modernen Periode, vom 25. Dezember 1926 bis zum 7. Januar 1989.” Wikipedia

Wir stiegen in einem Luxus-Love-Hotel ab. In unserer Phantasie waren wir verheiratet und holten unsere Flitterwochen nach, für die wir nach der Hochzeit keine Zeit gehabt hatten. Wir wollten über das Bewährte hinausgehen. Die Setting-Struktur kollabierte ein paar Mal. Die Erschütterungen meiner Zuverlässigkeit als Sprachlustpartnerin machten mir zu schaffen.

Am Ende funktionierte diese Geschichte. Sie hatte sich genauso zugetragen, Wochen zuvor auf einem anderen Kontinent.

Das Schwarze Tuch

Ich trug ein kniefreies Baumwollkleid, cremefarben, luftig genug für das Tropenklima, elegant genug, um nicht wie eine Massentouristin aus dem Flugzeug zu stolpern. Deine Blicke glitten über mich, ja, du wolltest mich so sehen. Bye, bye Outback-Backpacker-Schick. Du wirktest dich ganz schön bestimmend in meinem Leben aus. Ich spürte die Lust in meiner Mitte, wenn ich nur daran dachte … die Sonne stand hoch über der Esplanade, die tropische Hitze lastete auf der Stadt. Es war Waterboarding für die Sinne. Wir bummelten ziellos vorbei an Galerien, Boutiquen für Flatterkleidern und Nippes. Vor einer Seitenstraßenklitsche bliebst du stehen. Keine beachtliche Auslage, keine grellen Farben. Nur ein schlichtes Schild: Loom & Light - Fine Textiles & Objects. Der kühle Luftzug, der uns beim Eintreten überraschte. Ballenweise feilgeboten wurde Seide, Leinen, handgewebte Schals, kunstvoll gefaltete Tücher aus Indien, Japan, Vietnam. Eine Dame mit silbergrauer Betonfrisur begrüßte uns mit einem Nicken, verschwand dann diskret zwischen Stoffrollen. Du zogst ein schlichtes schwarzes Seidentuch hervor. Ich runzelte die Stirn.

„Für dich“, sagtest du einfach, und ich lachte leise. „Ein schwarzes Tuch? Ich bin doch kein Vampir.“

Du hieltest es mir an die Wange. Es fühlte sich schwerelos an. Dann sahst du mich an. Mit einem fernen Ton der Vorfreude in deiner von Erregung aufgerauten Stimme sagtest du:
„Du wirst schon sehen. Oder eher nicht sehen.“

Du berührtest meinen Nacken. Dein Verlangen ließ meinen Atem stocken. Ich sah und spürte deine Härte und fragte nicht weiter. Ich war neugierig, aber bestimmt nicht misstrauisch. Ich wollte dich so stark mich begehrend. Erst im Hotelzimmer verstand ich.

Der Ventilator drehte langsam seine Kreise, irgendwo zirpten und keckerten Geckos. Ich war gerade dabei, meine Ohrringe abzulegen, als du hinter mich tratst - das Tuch in der Hand.

„Vertrau du mir?“, fragtest du.

„Ich vertraue dir blind.“

Da legtest du mir das Tuch an. Ich wusste nicht, was du als Nächstes tun würdest, aber ich war so erregt, dass meine Beine mich kaum noch trugen. Der Seidenschleier … dein Atem an meinem Ohr.  Die Stunde war still, schwer von Wärme. Meine Haut wurde zur Landschaft, jede deiner Berührung war Wind, Regen, Feuer.

Offenbar wolltest du mich so. Ich trug noch meinen Rock und das Top. Vielleicht war es ein Regiefehler. Vielleicht diente es der dramaturgischen Spannung. Du führtest mich zum Bett. Ich wusste nicht, wohin du als nächstes greifen würdest. Ich löste mich in der Spannung auf.

Geleitet von deinem Willen und meiner Hingabe … ich begann mich an diese Vorstellung zu gewöhnen. Mehr noch, sie lud mich mit Lust auf. Du warst so zärtlich auch in deiner Führung. Ich hörte, was du dich noch nicht zu sagen trautest. Natürlich hättest du jederzeit eine Mitspielerin aufgabeln können, die dir mit offensiver Zustimmung entgegengekommen wäre. Ich genoss die Geschmeidigkeit deiner Manöver. Deine Zielstrebigkeit und Unbeirrbarkeit. Du wolltest mich ganz und gar einnehmen, mich besitzen. Ich sollte dein sein.  

P.S.

Liebe Leserinnen, ich möchte euch nicht verhehlen, was ihr so sowieso schon wisst. Den Tuch-Fetisch habe ich mit verschiedenen Liebhabern genossen. Stets hielten sie sich für die ersten und insofern auch einzigen in der einschlägigen Rolle. Die Wahrheit ist, ich habe immer wieder von vorn angefangen, die Frau zu sein, die sich auf einen neuen Fetisch einlässt, weil der Mann es sich so wünscht.