Atmendes Schweigen/Sakrale Topografie
Der Morgenwind wirbelte roten Staub auf. Die Sonne versengte zerklüftete Felsnasen, die wie Moai über dem Colorado River aufragten. Nur einen Meter breit schob sich die Felszunge über eine Steilwand hinaus, eine schmale, ungesicherte Plattform über dem Abgrund. Ein falscher Schritt, ein Augenblick der Unachtsamkeit und unser Abenteuer wäre zu Ende gewesen. Nach Australien hatte ich geglaubt, nichts könne mich noch stärker bewegen als die Songlines der Anangu und das atmende Schweigen der Wüste. Ich wähnte mich auf der Fährte meines eigenen Dreaming; unterwegs im Geist des Walkabout. Vielleicht war das anmaßend, oder auch nur neunmalklug, aber ich war Anfang Zwanzig und kein Mensch redete von illegitimer kultureller Aneignung. Der amerikanische Canyon offenbarte nicht nur mir, sondern uns beiden eine sakrale Topografie.
„Wir sind auf einem transkontinentalen Walkabout“, verkündete ich. Du nicktest. Dieses Wissen war in dir. Du warst einfach da, so hyperpräsent wie all die Naturdolmen um uns herum.
Der Grand Canyon wirkte nicht, als sei er bloß geformt worden. Er schien geatmet zu haben, in Jahrmillionen, mit einer Geduld, die jeder Vorstellung trotzt. Die Erde klaffte auf, als hätte ein Karategott per Handkantenschlag den Felsen geteilt, um das Innerste der Welt offenzulegen.
*
Das Wasser schimmerte wie flüssiger Türkis, unwirklich schön. Jemand hatte den Himmel in den Canyon gegossen.
Der Havasu Creek mäanderte in einem Bett zwischen lunar leuchtenden Wänden.
Das Wasser war unerwartet kalt, milchig von gelöstem Kalk. Winzige Wirbel umspielten meine Knöchel. Der Havasu Creek ist ein Karstfluss, mineralisiert und gesättigt mit Calciumcarbonat.
Wie Adam und Eva überwanden wir Hand in Hand die Kältebarriere. Die Strömung entwickelte einen starken Sog. Wir konnten uns dem Fluss nicht ohne Obacht überlassen.
Ein Wasserfall schoss über eine Naturkaskade mit vermoosten Kanten in ein elementares Bassin. Wir setzten uns da auf einen flachen Stein und genossen ein heftiges Duscherlebnis. Ich roch feuchten Kalk und Minze.
Damals wusste ich schon eine lange Weile, dass du mich sahst. Deine Wahrnehmung ging über meine allgemeine Wirkung weit hinaus. Sie erfasste meine inneren Bewegungen. Du kanntest die erogene Zone meiner Seele.
„Ich glaube, ich will dir hier und jetzt etwas sagen, dass für immer mit diesem Duschbad verbunden sein wird“, flüsterte ich gegen den Wasserlärm an.
Du nicktest bloß. Hättest du insistiert, ich wäre zurückgeschreckt. Doch du hast nie gedrängt. Und gerade deshalb war es möglich.
„Ich habe“, stockte ich, Worte suchend, die nicht kitschig klangen und schon gar nicht falsch waren. „Ich spüre es so stark, dass ich mich dir anvertrauen kann. Auch bei Sachen, die ich noch nie jemandem gesagt habe.“