Wir beteten an einem Altar der geologischen Zeit.
Intimität und Urzeit
Du sahst mich an. In deinem Blick lag absolut nichts, was mir Vorsicht gebot. Ich sah nur deine wahnsinnige Unbefangenheit und dieses stille Wissen, das ich nie ganz begreifen konnte.
„Ich vertraue dir so sehr, dass ich mich ...“
Du antwortest in der Sprache deiner Zärtlichkeit. Du zogst mich von dem Stein, wir gerieten sofort in die Strömung, wurden auseinandergerissen, mussten uns durch einen Parcours von Strudeln unsanft führen lassen. Wir waren Spielbälle. Auf uns wirkte elementare Gewalt und drohte, uns zu verschlingen.
Ich hatte keinen Augenblick Angst. Irgendwo in dieser tobenden Wildheit warst du, und dann waren wir wieder zusammen. Wir küssten uns leidenschaftlich, bevor wir vorsätzlich dramatisch auf einem Felsen strandeten, den eine Rinne vom Ufer trennte.
„Du musst mir nichts erklären“, sagtest du. Ich lehnte mich an. FormularendeFormularende
Ich wollte weitergehen. Weiter, als Worte tragen, weiter, als Blicke verraten. Du hieltest mich behutsam, wie man etwas Kostbares hält. Ich wünschte mir mehr als Behutsamkeit. Jedes Mal, wenn ich den Mund öffnete, kam nur ein halber Satz. Eine verkleidete Wendung. Eine Arabeske der Scheu.
Seit Tagen diskutierten wir das Maß der Liebe. Warum nicht das Gespräch auf einem Felsen weiterführen, der aus einem Nebenfluss des Colorado River ragte. Mein Körper schrie nach einer erotischen Berührung. Ich schmiegte mich an dich.
Der Stein war warm, beinah heiß. Wären wir nicht ausgekühlt gewesen, hätte wir die Aufladung kaum ausgehalten. Ich liebte es, zu erleben, wie schnell du zurück in unser Lieblingsspiel fandest. Unsere Körper trockneten schlagartig. Ich beobachtete glitzernde Linien auf deiner und meiner Haut. Alles in mir drängte zur Berührung. Du wusstest es. Du zögertest es heraus, um mich noch heißer zu machen.
„Du tust doch nur so“, flüsterte ich. „Erkenne mich, Liebster. Ich bitte dich, dir Freude schenken zu dürfen.“
Du schwiegst, aber dein Blick wanderte über meinen Leib wie eine erkundungsfreudige Hand. Endlich berührtest du meine Schenkel. Das reichte, um die Liebestauproduktion hochzufahren.
„Wie machst du das nur?“
„Das macht die Liebe.“
Das Maß unserer Liebe ließ sich im Augenblick nicht mehr bestimmen. Es war nicht mehr du und ich - es war das, was sich ineinander verstrickte und darüber hinaus ging.
Wir hatten so viel zusammen erlebt. Und nun diese Koinzidenz. Vom Rim Walk im australischen Kings Canyon zum Rim Trail im amerikanischen Grand Canyon. Ich konnte mir keinen Mann vorstellen, der nach dir auf dem Sockel nicht gemachter Erfahrungen mein Liebster hätte sein können. Ich memorierte die grandiose Outback-Kulisse zur Andacht. Revue passieren ließ ich die Sandsteingotik, Meeresgrundablagerungsmonumentalität und die spärlich-stillen Wasserbecken im australischen Hinterland. In Arizona hieß der gepresste Wüstensand Navajo-Sandstein. Er war feinkörnig, rostrot, durchzogen von Schlammschichten und Muschelkalkeinlagerungen. Fossilien ruhten darin, versteinerte Bewegungen, Spiralen und Schalen, eingeschrieben in das Fleisch der Erde. Ihre Konturen waren entstanden unter Druck, Strömung, Tod und Ewigkeit.
Wir beteten an einem Altar der geologischen Zeit.
*
Du kanntest meine Träume, als hättest du sie selbst geträumt. Oh, du mein Magier, manchmal musste ich an mich halten, um die Kirche meiner Liebe und meiner Lust im Dorf des Zuträglichen zu lassen. Den Rim Trail absolvierten wir zünftig in Wandershorts und beinah im Partnerlook. Wir folgten der Kante, auf einem schmalen, perfekt ausgeschilderten Band zwischen Himmel und Abgrund. Der Fels unter unseren Füßen - Kaibab-Stein - war 270 Millionen Jahre alt. Geronnene Zeit auf dem Grund eines verdunsteten Ozeans.
Am Ooh Aah Point unterbrachen wir unsere Wallfahrt. Die Stille war da eine Oktave tiefer als im Vorfeld des Erstaunens. Seinen Namen verdankt der Aussichtspunkt den Oohs & Aahs, die er dem Publikum entlockt. Er liegt unterhalb der Kaibab-Schicht, also bereits im Canyon. Du siehst Coconino Sandstone (ca. 265 Mio. Jahre alt) - ehemalige Wanderdünen - Hermit Shale - ursprüngliche Flusslandschaften - Supai Group - vorzeitliche Küstenlinien und Flusstäler. Die Erosion erschafft ein Superpanorama: Steilwände, schräge Flanken, auskragende Felsnasen - das Spiel von Wind und Zeit mit der Schwerkraft. Am Ooh Aah Point öffnet sich der Canyon nicht nur dem Blick, sondern auch dem Bewusstsein. Die Landschaft flüstert in Abstufungen von Rot, Ocker und Gold: Ich bin so alt wie nichts, was du je gesehen hast und doch steckt in mir mehr Leben als in deiner kurzen Weltreise. Wanderinnen berichteten von einem Moment tiefer Rührung in der plötzlichen Konfrontation mit Weite und Tiefe, sowohl in geologischer als auch in emotionaler Hinsicht.