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2026-01-26 13:51:30, Jamal

Gezeitenblues

Wir erreichten den Garten des Gutsherrn. Rosen, Lavendel, alte Bäume. In der Ferne sah man das Herrenhaus, in dem ein zeitgenössischer Landlord residierte. Du fotografiertest mich vor einer windflüchtigen Monterey-Zypresse. Die Krone bog sich gen Osten. Akribisch identifizierten wir die Bäume im Garten. Ein Bergahorn mit rosa-goldenem Austrieb, ein norwegischer Ahorn - Crimson King - Purpur bis in die Spitzen. Ein filigran blättriger japanischer Ahorn.  Formularende

„Stell dir vor“, sagte ich verschwörerisch zwischen mannshohen Fingerhüten, „hier wurden Hochzeiten gefeiert.“ 

„Und jetzt stehen wir hier.“

Über unseren Trampelpfad zu den Klippen floss das Licht wie geschmolzene Butter. Die Hecken aus Stechginster leuchteten goldgelb. Wir schlenderten Hand in Hand. Du trugst den Picknickkorb, ich die Decke. Wir vernahmen den fauchenden Atem des Meeres und das Geschrei der Vögel.

Topografische Marken bewahrten ein gälisches Erbe. Cuan na bhFeileach – ein geschützter Hafen. Draíocht na mBramball – eine Brombeer-Senke, passend zu den Sträuchern am Wegrand. Ein Name wie aus einem Kinderbuch. Uisce Milis – das süße Wasser.

Steinmauern und Wildblumen. Gedichte aus Gischt, Gezeitenblues, seoda Ceilteacha und filíocht na gCeilt – keltische Kriegspoesie und die Legenden der Klans.

Wir waren wieder auf dem Grat- Links und rechts fiel das Gelände dramatisch ab. Die Felslinie war in Jahrhunderten ein Saumpfad gewesen, lebensgefährlich bereits bei Regen und Wind. Inzwischen war die Strecke befestigt, aber der Nervenkitzel war geblieben. Wer die Brücke passierte, kriegte es mit der Angst zu tun. Die Gischt schoss hoch wie eine urzeitliche Warnung: Hier wiegst du nicht schwerer als eine Feder im Titanensturm der Elemente.

Früher beschwerten Frauen ihre Röcke mit Steinen, um nicht fortgetragen zu werden.

Mit klopfenden Herzen machten wir uns an die Überquerung. Die Sache hatte etwas von einem Spießrutenlauf. Wir wurden von Luftberserkern gebeutelt. Zum ersten Mal in unserem gemeinsamen Leben mussten wir als Paar Angst ausstehen. Ich fühlte einen unbequemen Abstand zu dir. Selbst in dieser Extremsituation gab es für mich nicht mehr die Sensation eines Erstmaligkeitserlebnisses.  

In einer Senke, befriedet von unterholzig zusammengewachsenen Brombeersträuchern, breiteten wir die Decke aus. Der Picknickkorb barg Wein, Brot, Käse und Aprikosen. Und dunkle Schokolade.

Ich lag auf dem Rücken, blickte in den Himmel, der sich zwischen Blau und Dunst nicht entscheiden konnte. Du ehrtest meine Mitte mit deiner Hingabe. Deine Hände befassten sich zärtlich mit mir.

„Das ist so gut“, sagte sie, als die Welle anrollte. In der post-koitalen Verschnaufpause gestand ich mir, ohne es indes auszusprechen, ernsthaft Angst vor dem Rückweg zu haben.

Wie wunderbar war doch die Liebe. Zurück im Hotel wuschen wir uns gegenseitig. Wir schrubbten Staub und Schweiß von unseren Leibern und erlebten das als einen Akt zwischen rituell und sakral. Im Bett stecktest du mir die letzte Aprikose in den Mund.  

„Was machen wir morgen?“, fragte ich.

„Morgen ist weit weg“, sagest du. Das klang für mich leider schon ein bisschen abgedroschen. Längst fehlte mir die Kraft zur Vergötterung.