Doggerland
Während der letzten Eiszeit war der Ärmelkanal eine Landbrücke. Man spricht vom Doggerland. Die nach heutigen Begriffen europäische Festlandmasse umfasste Großbritannien. Als die Eisschilde schmolzen, stieg der Meeresspiegel. Doggerland wurde überflutet und der Ärmelkanal entstand als Meeresstraße.
Doggerland war eine fruchtbare Landschaft. Darin lebten Mammuts, Rothirsche, Wildpferde und Menschen. Sedimentproben, geophysikalische Untersuchungen und weitere unterwasserarchäologische Nachweise belegen die Existenz dieses untergegangenen Landes.
Man fand Werkzeuge und Siedlungsartefakte.
War Doggerland Atlantis?
Ceo ar an teanga - Nebel auf der Zunge
Cuan beag - Ein Name wie Nebel auf der Zunge. Man sagt, früher sei hier ein natürlicher Hafen gewesen, kaum mehr als eine Anlegestelle für Fischer, versteckt zwischen Landzungen. Die See schlug ihn irgendwann weg, bei einem der Winterstürme, die alles mit sich reißen, was nicht tief genug im Erdreich ankert. Geblieben ist nur der Name - cuan beag – kleine Bucht.
Wir traten durch ein verwittertes Tor. Das war die einzige Öffnung eines archaischen Mauerovals. Die Dächer waren aus bemoostem Schiefer. Die wenigen Katen trugen Muschelschmuck. Sie hatten runde Fensterläden, bemalt mit maritim-mythischen Mustern.
Der Geruch von geräuchertem Fisch und Rosmarin.
Sie begingen Kopfsteinpflaster und stehen bald vor einem Gasthof - Teach na nGael – Haus der Kelten. Einer Laune gehorchend, quartierten wir uns ein. Dabei erschienen wir uns unglaublich wohlhabend. Im Zimmer stand ein altes Himmelbett, die Holzpfosten mit rankenden Efeumotiven verziert. Auf dem Fenstersims lag ein antikes Fernrohr. Ich hob es an, richtete es aufs Meer.
„Vielleicht sieht man von hier Atlantis bei besserer Fernsicht“, sagtest du. Ich fand mal wieder, dass das ein Drehbuchsatz war. Du legtest die Hände an meine Taille. Wir bleiben einen Moment so; der Himmel war tiefblau, das Licht diffundierte. Dann drehte ich mich in deinen Armen.
„Ich will dir dabei in die Augen sehen.“
Du knöpftest mir das Kleid auf, das ich gemeinsam mit Goya in Frankfurt auf der Zeil gekauft hatte - weißer Musselin, besetzt mit blauen Blüten. Goya war die ganze Zeit bei mir. Heimlich leistete ich Abbitte bei ihm, während du mich zu einem Supermarkt-Höhepunkt brachtest. Plötzlich empfand ich eine solch schmerzhafte Sehnsucht nach Goya, dass mich die Furcht ankam, ich könnte mich verraten. Ich wollte aber mit dem Sehnsuchtsschatz in meinem Schneckenhaus verschwinden. Ohne dich vor den Kopf zu stoßen. Du musstest von mir keine Lektion mehr zu deiner Verbesserung über dich ergehen lassen. Ich war fertig mit dir.
Du ahntest nicht, dass ich innerlich schon Abschied nahm. Ich ließ dich glauben, es ginge noch um uns.
Geschichte in Gischt
Später besuchten wir eine Kapelle am Rand der Steilküste, halb verfallen, ihr Dach vom Wind zerpflückt. Man sagte, dort hätte sich einst ein illegitimes Liebespaar verborgen, das sich in einem Sturm verirrt hatte.
Die Halbinsel Dúnmara war einst ein Versteck für gälische Briganten und Küstenpiraten. Bereits im 6. Jahrhundert siedelten hier keltisch-christliche Eremiten, die das Ideal der Einsiedler verfolgten und kleine Klöster an den Buchten errichteten. „Dúnmara“ – Festung am Meer – könnte auf diese Zeit zurückgehen, auch wenn seine genauen sprachlichen Wurzeln im Gälischen, Altbretonischen oder sogar Altirischen liegen.
Während der normannischen Eroberung Irlands im 12. Jahrhundert unterfiel die Gegend der Herrschaftsanspruch anglonormannischer Lords. Die Halbinsel blieb weitgehend unabhängig, weil sie schwer zugänglich war.
Die Vergangenheit verstaubte in Dúnmara nicht im Museum. Sie war ein Atem, der durch Hecken strich.
*
Durch die Vorhänge fiel zögerliches Morgenlicht. Unbekümmert begingen deine Hände meine Lustlandschaft. Ja, ich genoss deinen heißen Atem an meinem Hals. Die Körper fanden in der fließenden Hitze ihrer innigen Morgenbegrüßung zueinander.
„Meine Liebe zu dir zerreißt mich“, flüstertest du. Wir segelten nicht mehr auf demselben Dampfer. Aber ich sagte nichts. Die Sonne strich über Bruchsteinpittoresken und grasbewachsene Hügel. Die Fensterläden klapperten.
*
Ich kam barfuß auf die Hotelveranda. Der Himmel war milchig-blau, das Meer glatt wie ein Laken. Du folgtest mit dampfendem Tee. Wir setzten uns unter einen Stechginster. Ich befragte die Managerin über die Meeresfauna in dieser Gegend. Es gab jede Menge Haie. Vor meinem geistigen Auge tummelte sich eine Armada von Finnen.