„Ich erwartete, dass seine Kraft sich wie ein LKW anfühlen würde, der mich trifft. Aber als ich versuchte, ihn aufzuhalten, spürte ich nichts, nur Leichtigkeit und ein Gefühl der Leere.“ Maksem Manler über seinen ersten Chi-Sao-Kontakt mit Großmeister Chu Shong Tin.
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Auf dem bolivianischen Altiplano drängt Wasser durch Risse im Felsen. Die chemische Signatur verrät seinen Ursprung im Pazifik. Der ferne Ozean fließt unter der amerikanischen Landmasse, steigt vierhundert Kilometer hinter der Küste auf und tritt in einer von Bergbau gezeichneten Landschaft zutage. Der geologische Prozess, gesehen durch den Schleier der Subduktion, lädt zu eskapistischen Analogien ein.
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Ian Morris erzählt von einem klassischen anthropologischen Kulturschock-Erlebnis. In einer archäologischen Gemeinschaft, die nach Feierabend den Tag ausklingen lässt … vor einem Feldschuppen, bei einer Flasche Ouzo in den griechischen Highlands … beobachtet der Wissenschaftler eine kleine Prozession – ein pittoresk alter Mann und seine Frau. Der Greis reitet auf einem Esel, die Frau folgt zu Fuß, unter der Last eines großen Sacks ächzend. Auf die Frage nach dem offensichtlichen Missverhältnis antwortet er freundlich: „Sie reitet nicht, weil sie keinen Esel hat“.
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Irgendwo äußert sich Beckett über das Werk eines Kollegen so: „Seine Prämissen sind nicht so schwach wie seine Schlussfolgerungen.“
Intellektueller Schenkeldruck - Eine Szene aus dem Vorjahr
Goya sagt: „Wir sind in die Wissenschaft Geflüchtete. Unsere Zufluchtsorte sind Staubhöhlen. Wie Molly Bloom im letzten Monolog von James Joyce’ ‚Ulysses‘ lädst du mich mit deinen Augen ein, noch einmal zu fragen, ob du mich heiraten würdest.“
Ich bin überrascht von dieser narrativen Volte; von einer Ehe war noch nicht die Rede gewesen. Ich möchte lieber Stephen (Dedalus) sein als Molly (Bloom). Ich greife nach ihrem gründlich gelesenen ‚Ulysses‘. Es ist ein heiliges Buch aus dem Nachlass meines kommunistischen Großvaters, der – wie die Eltern Thomas Braschs – in der falschen Art von Exil während der Nazi-Zeit gewesen war und erfolgreich seine Liebe zu allem Britischen mit dem Sozialismus versöhnt hatte. Er mochte es, Bürger der DDR zu sein, und zwar so, wie Heiner Müller Peter Hacks charakterisierte. Der Aristokrat Hacks habe den Sozialismus als Märchen missverstanden. Für Opa war die DDR ein Märchenland. Der potente Träumer förderte die Neigung seiner Enkelin zu eigensinnigen Interpretationen.
Der sekundäre Anreiz als Hauptquelle der Lust – das volle Vergnügen entfaltet sich nur mit einem Mann von Stand. Goyas intuitive Brillanz prädestiniert ihn. Anzeichen für eine ideale Kollaboration sind spürbar; mich kitzelt die Erkenntnis, dass Goya mich mit intellektuellem Schenkeldruck zu führen beabsichtigt. Das gefällt mir mehr, als ich es mir zu sagen wage. Zu gern akzeptiere ich Einladungen überlegener Souveränität. Ich genieße Goyas List. Ich habe meinen eigenen Herrschaftswillen. Jetzt bin ich Molly, die Frau ohne Punkt und Komma (vgl. Standardexegese ‚Ulysses‘); eine üppige, dezent schlampige Schönheit nach Sacher-Masochs Ideal. Und hier beginnt das Arrondissement. Mein fundiertes Leseverständnis zwingt mich zu einem langen Anlauf. Entschlossen, sich dem Ritter vor Ort hinzugeben, eilt Aurora R., später Wanda von Sacher-Masoch, nach langem schriftlichem Vorspiel in das Apartment ihres Brieffreundes und Förderers Leopold (wie Leopold Bloom, Mollys impotenter Ehemann), den sie mit todbringender Erkältung erwartet. Tatsächlich empfängt Leopold sie mit elegischer Offenheit. Er ist entzückt von der jugendlichen Bravour seiner Besucherin. Er musste die Vorstellung, die er in einem strengen Brief erhalten hatte, revidieren. Er hatte eine starke Dame, eine angenehm furchteinflößende Person, erwartet.
Königlicher Verehrer
Der Exzentriker Leopold von Sacher-Masoch sprengt den bourgeoisen Rahmen. Doch sogar er findet seinen Meister. So labyrinthisch und enigmatisch, wie ‚Anatol‘ an die Sache herangeht, war vor ihm noch kein - in anonymer Schriftlichkeit aufkreuzender - Verehrer. Der vom ersten empfangenen Brief an bis in die Fingerspitzen affizierte Leopold reißt sich ein Bein aus, um mit Anatol persönlich zu verkehren. Doch Anatol scheut den direkten Umgang. Er bestellt das Ehepaar Sacher-Masoch an alle möglichen Orte, um da in Abwesenheit zu glänzen. Ab und zu vertritt ihn - in kostümfestlichen, absurd kostspieligen Arrangements - eine gehandicapte Person. Aurora-Wanda von Sacher-Masoch spricht noch in der derben Sprache des 19. Jahrhunderts über den Bedauernswerten. Endlich kommt Aurora aus der Deckung. Sie hört auf so zu tun, als überschreite sie nur unter Zwang Grenzen der Schicklichkeit. Anatol versteht sich auf narkotisierendes Gefasel. Es verfängt bei Aurora so, dass ihre Maske fällt. Wir sehen die rasend neugierige, mal entzückte, mal enttäuschte, alldieweil fleißig der Fährte folgende Gattin eines ewig als Sündenbock eingespannten Freigeistes. Anatol zieht sich endlich unerkannt zurück. Doch setzt er eine Schlussmarke, die seine Enttarnung gestattet. Im Abschiedsbrief offenbart er seine Kongenialität. Jederzeit könnte er an Leopolds Stelle schwül werden. In einer Phantasie präsentiert er sich in einem „roten Hermelinpelz … und weißen Atlashosen“. Der Adressat liegt zu seinen Füßen und bestaunt den kapitalen Fang.
„Ich werde mich ohne Zweifel in Wanda verlieben, und sie sich in mich … ein wunderbares Leben - nur darf ich nicht vergessen, vorerst das unbefleckte Siegel meines Vaters zu zerschlagen und meinen Stammbaum zu zerreißen.“
So legt der Wittelsbacher Bayernkönig Ludwig II. eine Spur ins Haus der Sacher-Masochs. Dem Paar gelingt es, Ludwigs raunenden Agenten zu identifizieren. Es handelt sich um den Prinzen Wilhelm von Oranien-Nassau. Aurora begeht an dieser Stelle einen Flüchtigkeitsfehler. Sie bezeichnet Wilhelms Bruder Alexander als jenen Stellvertreter, der ihr in den illustresten Kulissen die traurigsten Szenen machte. Ihr Prince d’Orange verausgabte sich im Pariser Nachleben bis zum verfrühten Exitus. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Schauspielerin Henriette Hauser, saß er Édouard Manet Modell. Henriette verkörperte Manets unsterbliche ‚Nana‘. Sie paradierte sie als „Citron“. Ihren Liebhaber taufte Henriette „Prince de Citron“.
Ich wünsche mich den Sprachmeister Goya viel engagierter und dies oft im Vorübergehen. Meine Erwartungen zielen auf eine Serie kleiner Impulse, die den erotischen Betrieb aufrechterhalten. Für mich ist das Mündliche, Vorläufige und Dazwischengeschaltete manchmal wichtiger als das Hauptgeschehen.
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Wir sind auf einer Konferenz in Rom. Meine Neudeutung der Bilderbuch-Dominatrix Wanda von Sacher-Masoch als Frau, die der männlichen Arroganz ausgeliefert war und nie freiwillig die Peitsche schwang, hat mich zu einer gefragten Vortragenden gemacht. Ich werde herumgereicht. Die pikante Seite des Themas löst gelegentlich interessante Reaktionen aus.
Auf Goyas Geheiß verwandele ich mich in seine Aurora. Ich trage einen Ring, dessen Signatur als Abzeichen des Ordens des Goldenen Löwen erkennbar ist, gegründet von Landgraf Friedrich II. am 6. Juli 1770. Kurfürst Friedrich Wilhelm I. erneuerte und bestätigte die Statuten am 20. August 1851. Ein goldener Löwe ist innen in den ovalen Ring graviert. Auf der dekorativen Seite steht das Motto: Virtute et fidelitate.