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2026-01-27 13:34:42, Jamal

„Wir alle wissen, was eine Emotion ist, bis wir gebeten werden, sie zu definieren.“ Jan Plamper

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„Farne sind älter als Mann und Frau, älter als Gut und Böse. Sie sind geschlechtslos und haben weder Samen noch Blüten.“ Rachel Cusk

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„Die Vorstellungskraft (des Künstlers) ist keine creatio ex nihilo.“ Sie greift auf die „empirische Realität“ zurück, selbst dort, wo „Dilettanten“ die Brücke zwischen Kunst und Wirklichkeit nicht sehen können. Im Wesentlichen Adorno.

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“Always take the initiative. There is nothing wrong with spending a night in jail if it means getting the shot.” Werner Herzog reported by Casey Neistat

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“Caught between the twisted stars, the plotted lines the faulty map.” Lou Reed

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Parasitäre Wespen füttern ihren Nachwuchs mit anderen Insekten. Grabwespen lähmen Raupen und legen dann ihre Eier in den Raupen ab. Die Larven leben schließlich von den Raupen – die zu diesem Zeitpunkt immer noch am Leben sind.

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Als die psychoanalytische Transformation der Reformgymnastik in New York in aller Munde war, lautete das Motto: vom Sofa runter und auf die Matte. Die Übertragung funktionierte auch nach Plan. Die Reformlehrerin mit dem Rang einer „Physical Exercise Master“ fungierte als Mutterersatz, um deren Willen der Übende sich durch Gehorsam und Leistung selbst erlöste.

The Art of Manifestation - Aus Nanas Aufzeichnungen

Natürlich gibt es auch in Ederthal nicht nur Goya für mich. Zweitausend… erregt ein neuer Dozent meine Aufmerksamkeit. Vernon kommt aus Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexico. Der reich geborene Germanist wirkt in der akademischen Idylle der Landgraf Philipps-Universität beinah überlebensgroß. Er ist ein Mann schneller Entscheidungen. Seit unserer ersten gemeinsamen Nacht, die anders verlief, als er erwartet hatte, betrachtet er die ebenso polyglotte wie polyamore Kollegin als seine Verlobte. Er hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Selbstverständlich rangiert er hinter Goya, in dem sich die nordhessische Supermacht CC verkörpert.

Vernon diente in den amerikanischen Streitkräften als Einzelkämpfer und Scharfschütze. Nichts verbindet ihn mit den implodierten Gestalten, die in der kleinen Universitätsstadt eine Existenz an den stillen Rändern der Hauptkampflinien anstreben. Meine massive, irrlichternde Sexualität verwirrt Vernon, doch er glaubt, mich in Form bringen zu können und meine devote Seite zum Mittelpunkt der Gemeinsamkeit zu machen. Er ist nicht der Erste mit solchen Ideen, aber er ist mit Sicherheit der härteste unter den unbedarften Spielern.

Vernon wuchs auf einer Ranch von Dallas’schen Dimensionen auf. Frauen und Pferde stehen in seinen Überlegungen auf einer Ebene. Er hat gerade wieder versucht, mich zu erziehen. Es hat nicht funktioniert. Ich bin dem Cowboy nicht böse. Schließlich will auch ich nichts anderes als die Kontrolle. To control your opponent is the basic, sagt ein chinesisches Sprichwort.   

Lass uns weiterspielen, bitte ich in Gedanken, und Vernon beißt sofort an.  

„Und wenn ich dich...“

Ich antworte zufrieden:
„Dann machst du das genau so, und ich werde mich daran erinnern, wenn ich eine alte Frau bin und niemand das mehr mit mir machen will.“

Zwar schreibe ich das, aber ich habe etwas anderes im Sinn. Ich will eine ikonografische Situation mit ungewöhnlichem Setting – im Augenblick ohne Penetrationssex.

Während ich darüber nachdenke, wie ich Vernon am besten auf Linie bringe, treibt mich die Lust wieder die Wände hoch. Ich ziehe mich in einen Raum im toten Trakt der Universität zurück, die aus einem fränkischen Kloster hervorgegangen ist. Ich verkeile die Türklinke mit einem Stuhl. Eine aufgerissene Fischkonserve riecht verdorben. Ein halb erblindeter Spiegel lehnt an der Wand. Ich memoriere eine Zeile von Joyce. „Der zerbrochene Spiegel eines Dienstmädchens“ erschien dem Dichter als Signatur Irlands. Spinnweben devorieren Insektenmumien. Gewobene Sarkophage. Kunstwerke der Natur.

Ich verbiete es mir, mich zu berühren. Stattdessen strebe ich nach vollständiger Manifestation. Es gelingt mir zum ersten Mal. Ich erlebe eine Premiere im Gerümpel. Ich spiele nicht nur mit einem Gedanken. Ich gebe einer Phantasie nicht bloß Raum. Der Gedanke erschafft eine zweite Realität, in der das Subjekt glaubt, alles erleben zu können, was dem Menschen möglich ist. Der manifestierte Raum sieht aus wie der reale.