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2026-01-28 11:37:58, Jamal

„Alles ist Schwingung. Diese Schwingung des Lebens vollzieht sich in einem ewigen, wellenartigen Rhythmus von Ausdehnung und Kontraktion, den die Tantriker Spanda nennen.“ Diana Sans

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„Die Erfahrung unserer Realität … ist für einen befreiten und erwachten Menschen eine völlig andere als für jemanden, der sie aus der Perspektive seiner Konditionierungen erlebt.“ Christopher Wallis

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„Die tantrische Revolution (vor tausend Jahren) brachte ihren Anhängern ähnlich befreiende Neuerungen wie viele politische Umwälzungen in Europa Jahrhunderte später. Sie beseitigte die Vorstellungen eines patriarchalen Kastensystems und lehrte Freiheit, Gleichheit und Integration auf der Grundlage des gemeinsamen göttlichen Ursprungs aller Wesen.“ Diana Sans

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„Ich ging zu Fuß über die Felder nach Hause. Es war Hochsommer. Das Heu auf den Wiesen war bereits eingebracht.“ Leo Tolstoi

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„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“ Albert Einstein

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„Ich war ruhig und gelassen wie der Zorn Gottes.“ Davide Enia

Verfeinerte Grausamkeit

1877 kehrten die Sacher-Masochs nach Graz zurück. Aurora hatte keine sentimentale Bindung an die Schauplätze einer behüteten Kindheit und einer prekären Jugend (als Tochter einer mittellosen Geschiedenen). Leopold kannte Graz aus Studientagen. Die Umstände des Künstlers als junger Kosmopolit in der steirischen Hauptstadt waren komfortabel, aber nicht sorgenfrei. Ein großer Name ohne Vermögen, verbunden mit einer ausschweifenden Gleichgültigkeit gegenüber der materiellen Welt, einer Neigung zur Indiskretion und einem hartnäckigen Beharren auf unpopulären Standpunkten, ergab ein verwirrendes Muster.

Leopolds Existenz war vulkanisch, wie an einer plattentektonischen Kontinentalgrenze. Koryphäen konsultierten den Ritter. Die Provokateure der Epoche korrespondierten mit dem Träumer. Politische Draufgänger von Rang verkehrten vertraulich mit Leopold; bisweilen waren sie Gäste an seinem Küchentisch. Man hielt ihn für eine treibende Kraft der bürgerlichen Emanzipation.

Der Hausherr entzog sich beharrlich dem Ernst der Lage. Mit Frauen aus dem Volk, die von hochgestellten Personen nichts als unverständliches Verhalten erwarteten, wälzte er sich auf Teppichen. Leopold diskutierte stundenlang seine Obsessionen mit Aurora. Die Ehefrau fürchtete, entehrt zu werden, sollte sie – wie Leopold verlangte – Liebhaber nehmen. Er ignorierte ihre Ängste. Er drängte.

Der Ehemann schaltete eine Anzeige. Eine schöne Frau wolle einen „energischen Mann“ kennenlernen.

„Daraufhin kam ein Brief von einem Grafen Attems – ich weiß nicht welchem, es gibt so viele in Graz. Ich musste ein Rendezvous mit ihm im Wald des Gutes arrangieren, auf dem wir lebten; denn mein Mann wollte uns von einem geheimen Ort aus beobachten, um die Qualen der Eifersucht zu empfinden. Ich fand den Grafen an dem angegebenen Platz …“

Emotionale Insolvenz

Aurora trifft auf einen kleinen, nicht sehr energisch wirkenden Gönner; eine lächerliche Gestalt mit „verwaschenem Gesicht und … klebriger Zunge“. Graf Depp stolpert über seine eigenen Füße und beschädigt dabei Hose und Monokel.

„Ich hätte ihn am liebsten dorthin zurückgeschickt, woher er kam.“

Aurora überschüttet den Bewerber mit Spott. Sie wandelt auf einem schmalen Grat zwischen falscher Empathie und echter Unverschämtheit. Sie zelebriert die Bloßstellung der emotionalen Insolvenz des Grafen. Es kommt zu einem Gespräch, das den Voyeur im Gebüsch entzückt. Leopold muss sich buchstäblich beherrschen, um in seinem Versteck nicht zu applaudieren. Beim anschließenden Debriefing lobt er sich in den Himmel. Sie dämpft seine Euphorie: „Ja, was meinst du, wenn ich dir diesen idiotischen Grafen als deinen Herrn gäbe? Das wäre eine raffinierte Grausamkeit, von der du sicherlich nicht einmal geträumt hast.“

Zu den Standardvarianten des falschen Lebens (vgl. Adorno: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“) zählen Abstürze vom Liebesbarren – erotische Niederlagen, zunächst in den Jahren der maßlosen Adoleszenz, später in den engen Vorzimmern des Alters.

In einer Tagtraumepisode erscheint Leopold so stattlich wie ein wahrer Ritter. Um ihm zu gefallen, empfängt Aurora einen jungen Mann, der sich zu benehmen weiß. Sie ist im Begriff, unter der Aufsicht ihres Mannes mit einem Fremden zu schlafen. Dessen Begehren soll sich am natürlichen Feuer des Gastes entzünden, der nichts weiter tut, als seiner Natur auf manierliche Weise zu folgen.

Aurora manifestiert sich im Sprachschloss. Ein Licht wie leuchtender Bernstein umgibt sie. Sie bewegt sich auf spiegelndem Marmor. Sie streift eine Zobeljacke ab und lässt das Stück von den Schultern gleiten. Sie genießt die Bewunderung ihres Mannes und die bürgerlich maskierte Gier des Gastes – eines wohlerzogenen Germanisten namens Glenn.

Leopold ermutigt Glenn mit einer Geste. Der Gast schlüpft mit erstaunlicher Sicherheit in die Rolle des Griechen. Vielleicht erinnern Sie sich: Aurora-Wandas Ehemann träumt von einem idealen Liebhaber für seine Frau im Rahmen einer Cuckold-Konstellation. Er chiffriert die Position des dominanten Verehrers. In seinem Lexikon der Lust erscheint jener als Grieche.

Leopold erwartet von Aurora-Wanda Unterwerfung im Verhältnis zu dem Griechen und verächtliche Fürsorge gegenüber dem gedemütigten Zuschauer. Da er jedoch als Regisseur alles bestimmt, geht die Anordnung nicht über Travestie hinaus.

Leopold zitiert Kallikles, der jeden verachtete, dessen Leistungen an spezialisierte manuelle Fertigkeiten gebunden waren. Selbst wenn eine solche Person Ruhm erlangte, blieb sie doch nur ein „Mann der Masse“ (Jacob Burckhardt); ein Spießbürger im Kittel eines Sklaven.

Glenn ist der „bunt gefärbte, überaus attraktive männliche Pfau“ mit prächtigem Gefieder in Fishers Runaway Selection.

Richard Dawkins sagt: Entscheidend bei der natürlichen Auslese ist das Überleben der Gene. Ein männlicher Pfau könnte so argumentieren: ‚Wenn ich unauffällige Federn trage, werde ich wahrscheinlich lange leben, aber keine Partnerin finden. Trage ich bunte Federn, werde ich wahrscheinlich früh sterben – aber vorher kann ich meine Gene weitergeben, einschließlich jener, die für die Erzeugung bunter Federn verantwortlich sind’.