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2026-01-28 13:03:27, Jamal

Kosmische Intensität

Die Finne - es hätte ein Rochen oder ein Delfin gewesen sein können. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie lebendig und gefährlich alles war. Wie wenig wir kontrollierten. Wie sehr alles miteinander verwoben war - das Begehren, das Leben, die Angst. Und wie tief Schönheit reichte – bis an den Rand des Unheimlichen.

Natürlich habe ich das nicht gedacht. Da waren nur die Angst und alsbald die Lust. Du hieltest mich tapfer. Und dann geschah das Unfassbare. Ohne Absprache kehrten wir ins Meer zurück. Es war Exorzismus. Unser Mut reichte bis zum Bauchnabel.   

Wir gerieten in einen Sternschnuppenregen. Die kosmische Intensität unterstrich unsere Winzigkeit. Ich spürte einen Nachklang deines Körpers in mir. So vieles verschmolz in einer überwältigenden Aufwallung. Zum Glück schlief ich dann in deinen Armen ein.

Der Morgen brach für uns am Kanal du Mozambique an. Vor uns lagen Inseln des Bazaruto-Archipels. Das Meer war handwarm.    

Der Bazaruto-Archipel liegt vor der Südküste Mosambiks, dreißig Kilometer östlich von Vilankulo im Indischen Ozean. Er besteht aus fünf Hauptinseln - Bazaruto, Benguerra, Magaruque, Santa Carolina (Paradise Island) und Bangue. Seit 1971 ist das Gebiet ein Nationalpark.

Ein halbes Dutzend Paare hatten sich in unserer Nähe angesiedelt. Sie huldigtem einem Backpacker-Kult, für den du und ich zu alt waren. Die Luft war wie ozeanische Seide und löste in mir einen Tumult der Seligkeit aus. Fern lagen uns die entfremdeten Daseinsbegriffen der industrialisierten Welt.

Später bretterten wir mit einem schrottreifen Toyota über Staubpisten zwischen Dünen und Buschwald, während den Aromen von Meer, Salz und feuchter Vegetation sich zum warmen Atem des Landes mischten. Ich beobachtete dich, wie du die Landschaft in dir aufnahmst. Wir wurden eins in unserem afrikanischen Traum, der aus Staub, Licht und Wasser geformt war.

Kaugummi für Omnivoren  

Wir landeten in einer Strandbar, genretypisch aus Treibholz und Wellblech, am Rand der bewohnten Welt. Da waren wir mit Samuel verabredet. Er hielt sich an das lauwarme Bier einer lokalen Brauerei. Samuel fuhr einen ramponierten Land Cruiser, wie alle, die wussten, dass Straßen nur Empfehlungen waren. Im trockenen Herzen des Landes gehörte der Mensch dem Staub.

Wir verstauten unsere Taschen zwischen Wasserkanistern, Klappstühlen und Trommeln, die Samuel „für den Abend“ eingepackt hatte. Wir waren Stadtmenschen und hatten keine Ahnung.

Samuel arbeitete sichtbar an seinem eigenen Buschmythos. Er kaute auf etwas Zähes herum, einem Kaugummi für Omnivoren.  

„Wenn du der Landschaft zu lange in die Augen schaust“, sagte er, „vergisst du irgendwann, weshalb du hergekommen bist.“

„Und dann?“ fragte ich.

„Dann bist du richtig.“

Die Straße existierte bald nur noch als Ahnung. Wir folgten einer Spur, die sich in der flimmernden Hitze verlor. Links und rechts Dornbüsche, Termitenhügel und Wracks. Der Himmel spannte sich über uns wie ein umgedrehter Brennspiegel.

„Hier lernt man, wann Widerstand Sinn hat“, verkündete Samuel, während wir um uns schlugen, um uns der Fliegen zu erwehren.
„Und wann Loslassen klüger ist.“

Nach Stunden monotoner Weite hielten wir an einer improvisierten Tankstelle - Wellblech, Benzingeruch, sengende Sonne. Drinnen roch es nach Ammoniak und Kloake. Die Toiletten waren ein Kapitel für sich.

„Es geht immer noch schlimmer“, sagte Samuel lakonisch.